Ernst Nevrivy, sozialdemokratischer Bezirksvorsteher der Donaustadt, "is haaß". Und das auf Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne). Warum? Weil sie nichts für die Radfahrer in der Donaustadt mache. "Diese Pop-up-Radwege sind ein Pfusch", sagt er. Die Autofahrer stünden im Stau und für die Radfahrer brächten die zeitlich begrenzten Streckenführungen auch nichts. Was er, "und das nicht erst seit gestern", verlangt, ist eine Radschnellverbindung von der Reichsbrücke bis zur Stadtgrenze.

Dieser Tage hätte es wieder mal ein Meeting gegeben, das Ergebnis sei enttäuschend gewesen, sagt Nevrivy. Erst im Herbst wolle Hebein einen Entwurf präsentieren, ein Konzept soll es überhaupt erst ein Jahr später geben. Zu spät für Nevrivy. Denn der hat im Herbst eine Wahl zu schlagen. Und Radfahren ist in der relativ flachen Donaustadt ein Thema. Nicht zuletzt deshalb, weil auch die Seestadt Aspern, ein von der Stadt Wien am Reißbrett entworfenes Grätzl, das es sich zum Ziel gesetzt hat, den motorisierten Individualverkehr auf 20 Prozent zu drosseln, Teil des 22. Bezirks ist.

An Baustellen sind die Bewohner der Seestadt gewöhnt. - © apa/Hochmuth
An Baustellen sind die Bewohner der Seestadt gewöhnt. - © apa/Hochmuth

Die letzte Wahl, im Oktober 2015, bescherte der SPÖ dort ein Debakel sondergleichen. 34 Prozent FPÖ-Wähler - und das in einem Grätzl, für das die Stadt sogar die U2 verlängert hat. An den Arsch der Welt, wie der gelernte Wiener damals treffsicher feststellte.

Von der Seestadt gab es noch nicht viel zu sehen. Viele hätte es damals einfach hierher geschwappt. "Die haben eine Wohnung im geförderten Wohnbau gesucht", zeigt Nevrivy Verständnis für den Unmut: "Und dann waren sie da. Und sind gemeinsam mit den Bauhacklern knietief im Gatsch gestanden. Dreckig war es. Laut war es." Die hätten damals noch nichts von den Vorzügen der Seestadt gehabt. Ein leichtes Spiel für Populisten, den Unmut der Menschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Für Wien-Wahl zuversichtlich

Während die zukünftigen Bewohner der Seestadt, die sich bewusst auf diesen Ortswechsel eingelassen haben, in den einzelnen Baugruppen darüber diskutiert haben, mit welchen Pflanzen sie die Gemeinschaftsterrasse begrünen und welche Sharing-Projekte sie initiieren werden, wurde der Sozialbau-Bewohner vor vollendete Tatsachen gestellt. Eine davon: Das Auto steht nicht mehr vor der Haustüre.

Mittlerweile hätte sich dieses Bild gewandelt, sagt Nevrivy. Die Zufriedenheit der Seestädter mit ihrem Wohngrätzl sei hoch, die Wohnungsfluktuation liege weit unter dem Wien-Schnitt. "Die Seestadt passiert einem nicht", sagt er. Das sei schon eine bewusste, überlegte Entscheidung, hierher zu ziehen. Für die Wien-Wahl im Herbst ist er zuversichtlich. "Da hat eine Veränderung stattgefunden. Das war schon bei den Nationalratswahlen der letzten Zeit ablesbar", so Nevrivy.

Leben auf der Dauerbaustelle

Eines ist der Seestadt offenbar geblieben: nämlich der Gatsch. Beim Verlassen der U-Bahnstation tönt einem Baulärm entgegen. Sekunden später ist man auch schon mittendrin in der nächsten Erweiterungsphase der Seestadt - dem Seebogen. 8000 Menschen leben derzeit in der Seestadt, 2500 arbeiten hier. Nach Ende dieser Bauphase, im Jahr 2021, werden 2500 weitere Bewohner dazukommen. Im Endausbau, vermutlich 2028 bis 2030 werden bis zu 25.000 Menschen hier leben.

Nicht alle nutzen die U2-Endstation Seestadt. Genaugenommen nur sehr wenige. Der Grund: Außerhalb der Stoßzeiten fährt nur jede zweite U-Bahn die Seestadt an. Viele weichen deshalb auf die einige Stationen davorliegende Haltestelle Aspernstraße aus. Um dorthin zu kommen, nutzen einige das Rad, viele den Bus. Sehr viele allerdings den Privat-Pkw. Die Problematik sei wohl in ganz Wien dieselbe, heißt es seitens der mit der Projektbetreuung beauftragten "Wien 3420 aspern Development AG": "Niemand wartet gerne."

Dass die Seestädter neben der U2 auch noch sieben Autobuslinien, eine Schnellbahnverbindung und demnächst zwei Straßenbahnen (25 und 27) dazubekommen, falle da nicht sonderlich ins Gewicht. Die U6 steuere seit Jahrzehnten nur mit jedem zweiten Zug Siebenhirten an, vielleicht sei das auch noch ein Lernprozess, den man in der Seestadt noch bewältigen muss.

Aus einem Hauseingang tritt ein lediglich mit Badehose bekleideter Mann in Plastikschlapfen. Zielstrebig steuert er den künstlich geschaffenen See an, dem das Grätzel seinen Namen zu verdanken hat, und stürzt sich Minuten später in die (fast) Fluten. Vis-a-vis, in Sichtweite, ist derweil tonnenschweres Baustellengerät mit dem weiteren Aushub für die Stadterweiterung beschäftigt.

"Es ist ein Leben auf einer Großbaustelle", meint eine Anrainerin. Vor ihrer Wohnung sei es zwar still, aber völlig ignorieren ließen sich die Erweiterungen natürlich nicht. Spätestens bei Verlassen des Hauses sei man damit konfrontiert. Mit der vorhandenen Infrastruktur ist sie mittlerweile sehr zu zufrieden, sagt sie. Zwei Nahversorger, ein Schreibwarengeschäft, ein Bankomat, Trafik, Bäcker würden ihr reichen. "Sogar ein großes Wollgeschäft gibt es hier", erzählt sie stolz.

Mit der Fertigstellung des gewerblich genutzten Bereichs der Seestadt, wo sich unter anderem ein Technologie-Hub, Wienwork und die Österreich-Dependance eines Schweizers Konzerns befinden, werde es auch mit der Gastronomie besser. Eine Handvoll neuer Lokale würde dann eröffnen, seit kurzem hätte die Seestadt sogar ihre eigene Bar. "Für unser Nachtleben werden wir hier wohl eher nicht berühmt werden", meint sich lachend. Ein anderer Seestadt-Bewohner moniert, dass man sich hier teilweise auch "a bisserl wie ein Versuchskaninchen" vorkomme. Künstler denken, sie müssten "den Wilden an der Peripherie" Kultur vermitteln, das gesamte Areal diene mehr oder weniger als Experimentierfläche für zukünftige städtische Weiterentwicklungen. So etwa gilt die Seestadt als Wiens größte Sponge City, also Schwammstadt.

Schwammstadt

Vereinfacht ausgedrückt ist damit gemeint, dass man den Boden, respektive den Untergrund, mit zusätzlichen Schichten aufbereitet und damit Niederschläge, also Regenwasser gleichmäßiger über große Flächen verteilt. Für Pflanzungen, besonders für Baumpflanzungen, hat das den Vorteil, dass sich die Wurzeln besser in der Breite verankern können. Auch Wiens erster Autonomer (öffentlicher) Kleinbus verkehrt in der Seestadt. Nach einer Kollision mit einer Fußgängerin, die Frau touchierte den Bus, musste dieser zwar für 14 Tage in die Garage, mittlerweile fährt er aber wieder: allerdings nur am Vormittag, und nur bei Schönwetter. Vor ein paar Tagen hatte der Bus einen kleinen Unfall, erzählt eine Passantin: "Da saß sogar ein Fahrer drinnen." Der Minibus hätte einem neuen Baustellenbereich ausweichen sollen. Hat nicht ganz geklappt.

Bemerkenswert allerdings ist, mit welcher Verve die Stadt Wien hier Projekte ermöglicht, auf die man in anderen Stadtteilen Jahre bis jahrzehntelang wartet. So etwa gibt es Räume für Vereine, Nachbarschaftsinitiativen, Urban Gardening, Gratis-Lastenfahrräder, Gratis-Fahrradanhänger, usw. Selbst ein Gymnasium gibt es dort. Und das, obwohl in der Seestadt noch zu wenige Kinder leben, die das Alter dafür haben.

Das Gebäude wurde deshalb kurzerhand zur Ausweichlocation für das Gymnasium Sperlgasse (Wien-Leopoldstadt), das renoviert wurde. Mittlerweile sind die Schülerinnen und Schüler wieder zurückübersiedelt und in der Seestadt wartet man jetzt einfach, bis die vielen Kinder, die dort mit ihren Eltern leben, bereit für den Schuleinstieg sind. Auch bei der Planung des Stadtteils Seebogen ließ man sich von der Altersstruktur der Bewohner nicht beeindrucken. Demnach soll dort ein Jugendzentrum entstehen, WienXtra wird dorthin übersiedeln und auch Plätze für Trendsportarten schaffen. "Für so viel Weitblick nimmt man gerne die dörflichen Strukturen der Seestadt in Kauf", meint eine Bewohnerin mit schlafendem Baby im Kinderwagen. Wie dörflich es in der Seestadt ist, zeigt sich kurze Zeit später vor einem Eissalon. Kind, etwa vier, fünf Jahre alt: "Ich kenne dich nicht. Wohnst du hier?"

Alle Mobilitätsformen

Die Stimmung in der Seestadt ist seit geraumer Zeit dennoch leicht getrübt. Anlass dafür ist die Stadtstraße (S1), die vierspurig im Norden an die verkehrsberuhigte Zone angrenzt. Es gibt mittlerweile zahlreiche Bürgerinitiativen gegen das Projekt. Wenn man sie schon nicht komplett abdrehen könne, dann wolle man zumindest das Tempolimit von derzeit 100 km/h deutlich drosseln, sagt ein Bewohner.

"Gäbe es die Stadtstraße nicht, dann gäbe es die Seestadt nicht", sagt Bezirksvorsteher Nevrivy. Kein Projekt dieser Größenordnung wäre jemals bewilligt worden, hätte man nicht parallel dazu eine adäquate Verkehrsinfrastruktur vorzuweisen gehabt. "Diese Schnellstraße ist der Grund dafür, weshalb viele, die sich jetzt dagegen auflehnen, überhaupt dort wohnen", so Nevrivy. Ohne diese Straße hätte man die Seestadt nicht entwickeln können, weil man den Verkehr, den neue Stadtteile naturgemäß mit sich brächten, nicht adäquat hätte abführen können. Mindestens ein Drittel der Seestadt, so schätzt er, hätte dann nicht gebaut werden können: "Es muss ein Miteinander aller Mobilitätsformen geben." Wo, wenn nicht in der Seestadt, sollte das möglich sein - wenn sogar die Grünen Verständnis für die Stadtstraße aufbringen können.