Die Nacht ist das Korrektiv zum Tag. Wien bei Tag ist Sissi, Lipizzaner, Schönbrunn, Sachertorte, Fiaker, Imperialismus, Theater. Wien bei Nacht ist Techno, Punk, Hedonismus, Subkultur, Ekstase und Rausch. Gemeinsam bilden sie ein Duo, das man als Wiener Kultur kennt. Das Problem: Die Nacht existiert nicht mehr. Sie wurde vom Corona-Virus zerstört. Die Wiener Club-, Disco-, und Nachtbarszene ist tot. Ihre Tore könnten noch für Monate geschlossen bleiben. Im schlimmsten Fall für immer. Das wird Wien nachhaltig verändern.

Clubs prägen eine Stadt. Sie sind mehr als Musikstätten oder Party-Locations. Sie sind die Dorf- und Kirchenplätze der Nacht. Hier treffen sich Gleichgesinnte, tauschen sich aus, organisieren sich. Hier werden Freundschaften geschlossen, Kinder gezeugt, Bands und Labels gegründet, Demos geplant, Pläne geschmiedet. Clubs sind kulturelle, politische und soziale Orte gleichermaßen. Sie sind Freiräume. Spielwiesen der Gegenkultur. Orte des Undergrounds.

Clubs sind der Albtraum jedes Virologen

Alle Schotten dicht im Fluc, das die Wiener Subkultur der Nullerjahre prägte. - © Winterer
Alle Schotten dicht im Fluc, das die Wiener Subkultur der Nullerjahre prägte. - © Winterer

Viele Wiener Clubs sind aus Subkulturen gewachsen. Aus dem Punk, dem Grunge, der Indie-, Metal-, Techno-, Hip-Hop-, Queer- und LGBT-Szene. Clubs wie das Flex, das Fluc, das Einbaumöbel, die Camera, das Chelsea, das B72, die Grelle Forelle, die Arena, das Venster99, das Village, das Celeste, das Werk. Clubs, in denen Voodoo Jürgens, Bilderbuch, Wanda, Yung Hurn, Mavi Phoenix ihre ersten Auftritte hatten. Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom zugekoksten Falco im U4? Oder damals - Ende der 1980er-Jahre - als dort die unbekannte US-Band Nirvana vor einer Handvoll Menschen spielte. Heute will ganz Wien dabei gewesen sein. Clubs sind der Nährboden der Jugendkultur.

Nun sind sie alle zu. Und wie es aussieht, bleibt das auch so. Baumärkte, Restaurants, Bars, Kinos, Theater, Nagelstudios, sogar Bordelle haben wieder aufgesperrt. Doch die Nacht durchtanzen kann man in Wien nirgends. Denn Clubs sind nicht nur für eine lebendige Kultur-Szene gut. Auch das Corona-Virus fühlt sich hier wohl. Ein Nachtclub ist der Albtraum eines jeden Virologen. Hunderte, Körper an Körper tanzende, brüllende Menschen, Alkohol, geschlossene Räume. Das bisher einzig wirklich wirksame Mittel gegen die Ausbreitung des Virus - die viel gepredigte soziale Distanz - widerspricht der Grundidee von Party und Exzess. Nicht zufällig nahm die Übertragung in Österreich wohl in der Aprés-Ski-Bar Kitzloch im Tiroler Ischgl ihren Ausgang. Ein einziger Club-Besucher in Südkoreas Hauptstadt Seoul soll 170 Personen angesteckt haben.

Und so machte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Mittwoch die Hoffnungen der Wiener Club-Betreiber zunichte. Die Nachtgastronomie muss auch nach fünf Monaten Stillstand weiterhin auf Lockerungen warten. Ursprünglich war ab 1. August die Öffnung für maximal 60 Prozent der zugelassenen Personen und maximal 200 Personen und die Verlängerung der Sperrstunde von 1.00 auf 4.00 Uhr in Aussicht gestellt worden. Doch die Welle an Lockerungen nahm ausgerechnet jetzt ihr Ende. "Die derzeitige epidemiologische Lage in Österreich lässt weitere Öffnungsschritte aktuell nicht zu", heißt es aus dem Gesundheitsministerium auf Anfrage der "Wiener Zeitung". In zwei Wochen soll die Situation neu bewertet werden.

Viele haben einen hohen Schuldenberg angehäuft

Die Branche selbst geht von einem Kahlschlag aus. Laut einer Studie der Wiener Wirtschaftskammer aus dem Jahr 2019 gibt es in Wien 4300 Betriebe, die zur Nachtgastronomie gezählt werden. Sie setzen jährlich rund eine Milliarde Euro um. Klassische Clubs gibt es in der Hauptstadt um die 100. Vor allem jene, hinter denen kein reicher Investor steht, stehen vor dem Aus. Doch gerade sie sind für die kulturelle Vielfalt der Stadt so elementar. Ein Rundruf der "Wiener Zeitung" zeigt ein düsteres Bild.

"Dem Fluc geht es nicht gut", sagt etwa Martin Wagner. Der Mitbegründer und Betreiber des Clubs am Wiener Praterstern im 2. Bezirk macht sich Sorgen. "Wir haben einen hohen Schuldenberg angehäuft." Das Fluc prägte die Subkultur der Stadt der Nullerjahre wie kaum ein anderes Lokal in Wien. Es versteht sich mehr als Kunstprojekt und weniger als Club. Das Fluc steht auf einer ehemaligen Fußgängerunterführung aus Stahlbeton - der Fluc Wanne. Unten wird getanzt, und oben, in der zusammengeschraubten Containerlandschaft des eigentlichen Fluc, finden Konzerte, Lesungen, Performances, Kunst statt. Es ist seit 18 Jahren ein Anlaufpunkt der Underground-Szene, von Hardcore-Punk über Drum and Bass, House, Noise bis hin zum Indie-Rock.

Wiens Nachtleben ohne Fluc ist wie der angrenzende Würstelprater ohne Toboggan. Doch sein Ende ist nahe wie nie. Von den einst 35 Mitarbeitern werden im Fluc heute nur noch 12 beschäftigt. Der Rest ist in Kurzarbeit. "Wenn sich bis Herbst die Covid-Situation nicht bessert, wird es schwierig für uns."

Und das Fluc ist nicht alleine. Alle Wiener Clubs kämpfen mit finanziellen Engpässen. "Im Winter droht eine horrende Pleitewelle", sagt Sebastian Schatz. Schatz betreibt den kleinen Sass-Club am Karlsplatz. "Es ist schrecklich. Wir mussten allen Mitarbeitern kündigen. Wir hatten im Durchschnitt 13 Angestellte", sagt er. In seinen 13 Jahren war der Club erfolgreich und finanziell unabhängig. Nun mussten die Betreiber einen Übergangskredit aufnehmen. "Viele Bars und Clubs werden schließen müssen. Individualität und Diversität in der Clubkultur werden fehlen. Es wird hier sehr viel Raum zerstört, der psychosozial und gesellschaftlich sehr wichtig wäre. Dies wird nachhaltige Folgen für unsere Gesellschaft und Kultur haben."

Bis zum Jahresende sind die meisten endgültig pleite

Pessimismus und Verzweiflung bestimmt die Branche. Der Tenor ist einhellig. Auch der Camera-Club stimmt ein. "Die Aussicht irgendwann wieder öffnen zu dürfen, mit der Faust der drohenden zweiten Welle im Nacken, ist nicht nur finanziell, sondern auch psychisch kaum auszuhalten", sagt Betreiber Reiner Schmid.

Seit Weihnachten 1970 gibt es den Camera-Club in der Neubaugasse im 7. Bezirk. Seine alte Soundanlage war legendär. Vom Underground-Geheimtipp avancierte er schnell zur Institution. Generationen von Wienerinnen und Wienern feierten hier. Dieser Tage steht er leer. Auch Schmid nahm einen Kredit auf. "Damit halte ich bis November durch. Danach bin ich pleite."

"Wenn man in drei Monaten alle über die Jahre hinweg hart ersparten Rücklagen verliert, ist das mehr als bedrückend und existenzbedrohend", sagt auch Stefan Stürzer, Direktor des Werk an der Spittelauer Lände am Donaukanal im 9. Bezirk. Das Werk ist eigentlich eine alternative Kunst- und Kulturinitiative. Unter den fünf Stadtbahnbögen ist nicht nur Platz für Musik und Party. Im Werk sind auf 400 Quadratmeter auch Ateliers für Künstlerinnen und Künstler untergebracht. Laut Stürzer würde eine Insolvenz des Werk direkt und indirekt über 100 Arbeitsplätze bedrohen.

Rücklagen sind nach fünf Monaten aufgebraucht

"Die Veranstaltungsbranche ist sehr personalintensiv. Viele Klein- und Mittelbetriebe - wie Agenturen, Veranstalter, Verleihfirmen, Ton- und Lichttechniker - sind involviert." Wie seine Kollegen schätzt auch Stürzer die Situation der gesamten Wiener Szene hoch prekär ein. "Nach fünf Monaten sind die Rücklagen bei allen aufgebraucht. Wenn es so weiter geht, dann war es das für das bunte Nachtleben der mittlerweile auch international gefeierten Wiener Band- und DJ-Szene." Steuert die Musikstadt Wien also auf ein Ende ihrer Clubkultur zu? Und wenn ja, wer kann sie retten?

Zum einen versucht sich die Branche am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen. Crowdfunding-Kampagnen werden gestartet. Auf Freiflächen versucht man sich mit Live-Musik, DJ-Line und Kunstprogramm über Wasser zu halten. Das Werk betreibt etwa eine Kulturterrasse. "In der Fluc Wanne finden seit Mitte Juni wieder bestuhlte Konzerte mit einem Bruchteil der einstigen Besucherinnen und Besuchern statt", sagt etwa Wagner. Die Clubs kämpfen. Dauerlösungen sind das aber keine.

Die kann nur die Politik bieten. Mit klaren, praxisnahen und vor allem wirtschaftlich sinnvollen Corona-Auflagen für Nachtclubs und einem finanziellen Rettungsschirm. Beides erwartet sich die Vienna Club Commission (VCC). Seit einem Jahr fungiert sie als so etwas wie das Sprachrohr der Szene und soll die Interessen der Clubbetreiber, Veranstalter aber auch der Anrainer, Stadtverwaltung und Politik bündeln. Von letzterer will sie derzeit vor allem eines - eine Verlängerung der Sperrstunde auf 4.00 Uhr früh. "Wir machen unseren Umsatz zwischen 0.30 und 4.00 Uhr und brauchen diese Zeit", sagt Schmid vom Camera-Club. Dafür würden die Clubs auch einiges in Kauf nehmen.

Die Grelle Forelle und das Werk am Donaukanal legten bereits im Juni ein Konzept für Corona-sicheres Feiern vor. Die Betreiber setzen auf Contact-Tracing, weniger Gäste, Vorverkauf mit Time-Slots bei der Ankunft, mechanische Vorrichtungen als Spuckschutz, Mund-Nasen-Schutz auf der Tanzfläche und an der Bar und nicht zuletzt auf ein überdimensioniertes Belüftungssystem. Doch selbst unter diesen Voraussetzungen sagt die Politik Nein.

Zum Missfallen so mancher Club-Wirte. Die gesundheitlichen Bedenken der Politik verstehe man zwar. Doch Party würde es so oder so geben. Wenn nicht in ihren Clubs, dann eben privat oder wie zuletzt am Donaukanal. Dort würde sich ein Ausbruch viel schwerer nachverfolgen lassen. Auch ein Ausweichen auf die Slowakei beobachte man. Denn hier dürfen Clubs bereits wieder bis 4.00 Uhr öffnen.

"Es scheint, die Covid-Maßnahmen sind zum Großteil von Lobbygruppen getrieben und werden in der Art einer Klientelpolitik von oben verordnet und vergeben. Es war schon sehr traurig zu sehen, wie lange es gedauert hat, bis sich in Sachen Kulturpolitik etwas bewegt hat", sagt etwa Wagner vom Fluc. Auch Stürzer vom Werk sieht es ähnlich. "Dass Fluglinien seit Wochen wieder in Betrieb sind, in Clubs aber gar nichts geht, ist für mich völlig unverständlich. Auch dass die Maskenpflicht für Super- und Baumärkte aufgehoben wurde kann ich nicht nachvollziehen. Jetzt erwarte ich mir zumindest eine ehrliche Ansage. Wird heuer noch aufgesperrt oder nicht?"

Müssen die Clubs bis Jahresende geschlossen halten, ist die Wiener Szene tot. Jedenfalls ohne massive finanzielle Unterstützung. Die bisherigen Corona-Hilfen reichen bei vielen Lokalen nicht. "Der Fixkostenzuschuss deckt ungefähr sieben Prozent des Gesamtschadens", sagt Stürzer vom Werk. "Die gesamten Hilfsgelder, die wir bisher erhalten haben, liegen unter den öffentlichen Abgaben und Steuerzahlungen eines Monats im Normalbetrieb."

"Viele Wiener Clubs haben keine Reserven. Sie können ihre Fixkosten ohne Einnahmen nicht tragen", sagt Stefan Niederwieser von der VCC. Wir plädieren für einen Fixkostenzuschuss von 100 Prozent für Clubs, statt der bisherigen 75 Prozent." Verfassungsrechtlich dürfte es jedoch schwierig werden, eine Branche zu hundert Prozent zu entschädigen, die anderen - Restaurants, Bars, die Hotellerie - jedoch nur zu 75 Prozent. "Der Gesetzgeber hat hier einen gewissen Gestaltungsspielraum, besonders betroffene Branchen besondere Unterstützung zukommen zu lassen", sagt der Verfassungsjurist Peter Bußjäger. Immerhin ist es etwas anderes sechs Wochen oder über Monate geschlossen zu haben. "Unterstützung kann ja auch über Förderungen passieren." Muss sie aber nicht. Denn verfassungsrechtlich gibt es keine Entschädigungspflicht für die betroffenen Betriebe. "Die gibt es nur bei Enteignungen im Interesse der Allgemeinheit", sagt Bußjäger.

Ob und wie der Bund den Wiener Clubs helfen wird, soll in Kürze Thema sein. "Die finanzielle Absicherung der Betriebe ist Kernpunkt der Gespräche der nächsten Wochen", heißt es aus dem Gesundheitsministerium auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Die Stadt Wien fordert derweil einen groß angelegten Rettungsschirm für Kulturbetriebe, wie es aus dem Büro von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler heißt. "Der Nachtgastronomie sollte hier besonders unter die Arme gegriffen werden", sagt Pressesprecher Alfred Strauch. Als direkte Unterstützung hat die Stadt bereits alle beschlossenen Förderungen für 2020 vorzeitig ausbezahlt. Auch die VCC wird von der Stadt mit rund 300.000 Euro unterstützt. Viele Wiener Clubs, wie etwa die Camera, erhalten jedoch keine Förderung der Stadt.

Eine rege Clubkultur belebt Städte auf vielen Ebenen - wirtschaftlich, sozial und natürlich kulturell. Stadtregierungen rund um den Globus haben das erkannt. Auch in Wien hat sich in den vergangen Jahren viel getan. Die lange als verschlafen abgetane Szene ist erwacht. Nun steht sie kurz vor dem aus. Und Wien hat kein Korrektiv mehr. Nur Sissi, Kitsch und Lipizzaner hält auf Dauer aber niemand aus.