Das Tagesgeschäft ist relativ ruhig", beschreibt Hanni Vanicek vom Fachgeschäft "Zur Schwäbischen Jungfrau" ihre derzeitige Situation. "In der Corona-Zeit haben wir 3000 Masken genäht, wir sind noch immer in Kurzarbeit, stellen den Laden um und renovieren ein bisschen." Das Unternehmen für exklusive Tisch-, Bett- und Frotteewäsche am Graben feiert heuer sein 300. Jubiläum. Manche Kunden würden sich an sie erinnern und bei ihnen bestellen, aber: "Es fehlen uns die guten, kaufkräftigen Touristen. Auch unsere Lieferungen in die Welt sind stark zurückgegangen, die Leute haben jetzt andere Sorgen, als bei uns zu bestellen."

Spezielles wie Sonderanfertigungen sei aber nach wie vor gefragt: "Eine schöne Bettwäsche oder einmal ein Gartentischtuch gönnen sich die Leute schon, aber davon allein können wir nicht leben." Und die heimischen Kunden würden sich derzeit nichts Neues zulegen: "Wer bei uns mit hoher Qualität gekauft hat, kann mit den guten Dingen lange auskommen und hat auch für schlechte Zeiten gut eingekauft", betont Vanicek.

Die Kurzarbeit hat der Betrieb noch einmal bis Ende August verlängert, ob man dann die beiden im März gekündigten Mitarbeiterinnen wieder einstellen könne, wisse sie noch nicht. "Wir überleben, aber bis es wieder läuft, wird es noch dauern."

"Online hat uns gerettet"

Ein Traditionsbetrieb, dem es "sehr gut geht", ist Jägertee in der Operngasse. "Wenn ich nach hinten schaue, dann war es eines der besten Dinge, dass wir vorgedacht und schon vor Corona in Social Media und E-Commerce investiert haben. So haben die Kunden mich gefunden, bevor sie woanders bestellt haben. Ohne den Online-Shop hätten wir die Zeit nicht so gut überstanden", sagt Inhaber Christoph Masin. Der 1862 gegründete Familienbetrieb hatte während der Corona-Zeit vier Wochen geschlossen. "In dieser Zeit haben wir uns komplett auf den Online-Handel konzentriert, das Geschäft war die Versandzentrale. Bis Ende März hatten wir das Volumen aus dem Jahr 2019 versendet."

Durch den Onlineshop konnte der Betrieb während des Lockdowns auch neue Kunden anwerben, die nun ins Geschäft kommen. "Die Kunden haben uns neu entdeckt - wir haben sehr viele nette Mails und Rückmeldungen auf unsere Sendungen erhalten." Der Umsatz war im ersten Quartal um 20 bis 25 Prozent zurückgegangen, aber: "Jetzt geht es wieder dahin", freut sich Masin, der seinen Tee in die ganze Welt liefert. "Online hat uns gerettet. Und wir haben das Glück, dass Tee ein Verbrauchsartikel ist, der immer wieder nachbestellt wird."

"Uns geht’s gut", sagen auch Ulla und Susanne Remmer von der Buchhandlung Franz Leo & Comp. schräg gegenüber der Ankeruhr. "Bücher sind ein Überlebensmittel und Lesen hilft immer, deshalb hatten und haben wir zum Glück die ganze Zeit genug zu tun. Es ist ein Segen, zur Corona-Zeit in der Buchbranche gewesen zu sein, wo auch die Logistik so wunderbar funktioniert hat." Der Umsatz sei jetzt sehr stabil, man habe eine gute Kundenbindung durch die harte Zeit hindurch geschaffen und eine große Sympathiewelle verspürt. "Die Verlage haben ihre Programme gekürzt und Neuerscheinungen teils verschoben und es gibt jetzt keine Veranstaltungen in der Buchhandlung, aber sonst läuft alles wieder relativ normal. Wir haben sicher auch gut überlebt, weil wir klein und damit so wendig sind, um da durchtauchen zu können", sagt Ulla Remmer, die sich während der Corona-Zeit auch mal aufs Fahrrad gesetzt hat, um Bücher persönlich auszuliefern.

Wanderführer gehen gut

Was sich im Moment besonders gut verkaufe, seien Wanderführer für österreichische Urlaubsziele; internationale Reiseführer dagegen - selbstredend - um einiges weniger. Auch Ulla und Susanne Remmer haben in der Krise stark auf ihren Webshop gesetzt: "Den schon seit Jahren zu haben, war ein Glück", sagen sie. Fürchten sie sich, dass es wieder schlimmer werden könnte? "Fürchten ist übertrieben", sagt Ulla Remmer", aber das für uns so wichtige Weihnachtsgeschäft wird sicher anders werden. Wir werden ein Platzproblem haben und Einlasszeiten einrichten müssen, aber das Weihnachtsgeschäft kann man nicht reduzieren." Um den Ansturm in letzter Minute zu vermeiden, wolle man etwa die Stammkunden schon im Herbst bitten, möglichst früh ihre Buchwünsche bekanntzugeben.

"Corona-Löcher stopfen"

Den Shutdown gut überstanden hat auch das exklusive Tabakwarengeschäft von Maria Mohilla am Kohlmarkt. "Nach den ersten Lockerungen und der Wiederöffnung der Gastronomie ist bei uns 100 Prozent Alltag eingekehrt. Der Umsatz passt wieder und es macht richtig Freude, dass wieder Leben im Geschäft ist", sagt Mohilla. "Mein Glück ist, dass ich von den Wienern lebe, die nun alle wiederkommen, und nicht auf die Touristen angewiesen bin."

Bis die finanziellen "Corona-Löcher" gestopft sind, werde es allerdings noch eine Weile dauern: "Es ist ein Riesenverlust, von dem wir uns erst wieder erholen müssen, aber ich bin und bleibe optimistisch", sagt die Geschäftsfrau.

"Es ging uns schon besser", sagt Andreas Rath vom Glas- und Kristalllusterhersteller J. & L. Lobmeyr. "Die Ertragskraft fehlt, es ist eine angespannte Lage, wir sind noch in Kurzarbeit." Seit April lag der Umsatzrückgang im Geschäft bei durchschnittlich 50 Prozent, aber "es bessert sich. Im Juni waren wir schon bei 70 Prozent Umsatz des Vorjahres", so Rath. Stammkunden kämen sehr stark "und neue Kunden, die ihre Kontakte hinterlassen und neue Stammkunden werden wollen".

Rath rechnet damit, dass sich die Situation nicht vor Mai 2021 normalisiert. In der Zwischenzeit arbeitet der Betrieb an einer neuen Website mit Webshop und setzt stark auf internationale Vernetzung und den direkten Kontakt mit den Kunden. "Wir versuchen auch, etwas für Wien zu tun, und wollen gemeinsam mit anderen Traditionsbetrieben verstärkt auf uns aufmerksam machen. Wiener und Österreicher möchten wir besonders einladen, uns zu besuchen, weil wir ein geballtes Wissen und unheimlich viel zu bieten haben, das es zu entdecken gilt."

So wende der Betrieb Lobmeyr etwa in der Werkstatt spezielle Techniken an, "die man in ganz Europa nicht mehr findet". Natürlich habe Qualität auch ihren Preis, aber: "Ein schönes Glas oder einen Becher gibt es bei uns schon ab 30 Euro. Das mag im Ikea-Vergleich um 70 Cent viel klingen, aber es ist nichts Unleistbares und es kommt auch darauf an, ob jemand sich Qualität leisten möchte, die er dann viele Jahre, manchmal über Generationen, hat", unterstreicht Rath den Nachhaltigkeitsgedanken.

Alt, aber modern

In dieselbe Kerbe schlägt Georg Gaugusch, Inhaber des ältesten Wiener Stoffgeschäftes Wilhelm Jungmann & Neffe gegenüber der Albertina: "Qualität und nachhaltiges Wirtschaften ist für Traditionsbetriebe nichts Neues, das war schon immer unsere Strategie", sagt er. "Ein Lobmeyr-Glas oder ein Anzug aus unseren Stoffen sind nicht darauf angelegt, dass man sie nach einem halben Jahr wegschmeißt. Wir sind also, obwohl wir sehr alt sind, in Wahrheit sehr modern." Dem Betrieb gehe es im Moment "den Umständen entsprechend gut". Gegenüber der derzeit schlechten Situation in der Bekleidungsbranche habe man den Vorteil, "dass Stoffe nicht betroffen sind, weil ich nicht saisonal einkaufe".

Die Schließzeiten habe man genutzt, um zum Beispiel einen Webshop einzurichten. "Viele haben während der Krise den Kopf in den Sand gesteckt und jammern jetzt", meint Gaugusch. "Jammern hilft aber nicht, man muss was tun, damit einen der Kunde nicht vergisst." Gerade viele Geschäfte im ersten Bezirk hätten sich zudem stark auf Touristen konzentriert "und auf die Wiener vergessen". "Die ‚guten‘ Kunden aus dem Ausland fehlen uns natürlich schon auch, aber wir haben viele sehr nette Stammkunden aus Österreich, mit denen wir ganz gut durchkommen."

"Es war wie zu Weihnachten"

Seit Anfang Mai hat auch das 145 Jahre alte Fachgeschäft für Küchenbedarf Haardt & Krüger in der Schottenbastei wieder geöffnet. "Wir waren sofort wieder voll da. Die ersten drei Wochen waren wie zu Weihnachten", sagt Betreiberin Cornelia Tazreiter. "Die Leute waren zu Hause, es wurde viel gekocht, da eine Pfanne erneuert, dort ein neues Messer oder Porzellangeschirr gekauft. Die Kunden kamen mit der Einkaufsliste in der Hand ins Geschäft." Im März und April fehlten 35 Prozent des Umsatzes, derzeit sind es noch 23 Prozent. "Das Jahr wird sein, wie es eben ist. Es wird uns nicht umbringen und wir machen einfach mit dem weiter, was wir gerne tun", sagt Tazreiter.

Großer Umsatzeinbruch

Arg zugesetzt hat die Corona-Krise der Bekleidungsbranche - das spüren auch die Wiener Traditionsbetriebe. "Wir haben zurzeit 60 bis 70 Prozent Umsatzeinbußen, weil wir auf internationale Kunden angewiesen sind, die jetzt alle wegfallen", sagt Claudia Niedersüß vom Herrenausstatter Knize am Graben. "Über die Hälfte des Umsatzes machen wir über ausländische Kunden, die regelmäßig auf Shoppingtour zu uns kommen, weil sie dieses spezielle Portfolio an Leistung und Produkten tatsächlich nur bei uns bekommen. Sie sagen im Vorhinein, was sie brauchen, wir kennen ihre Größe, ihren Geschmack und von der Unterwäsche bis zum Hut kriegt man bei uns alles auf einen Sitz."

Übrig blieben gute, treue Stammkunden aus Österreich, "Menschen, die eigentlich nichts brauchen, aber sich den fünften Kaschmirpulli oder kleine Stücke des Alltagsbedarfs kaufen, weil sie uns unterstützen wollen", so Niedersüß.

Der Betrieb läuft seit März auf Kurzarbeit, zwei Mitarbeiterinnen mussten gekündigt werden. Die Änderungsaufträge im Atelier sind nun alle abgearbeitet, Miete, Abgaben und andere Zahlungen laufen aber normal weiter. "Langsam wird die Luft immer dünner, wir brauchen dringend viele Kunden, die viel kaufen", sagt Niedersüß. Das renommierte Geschäft richtet nun eine neue Website ein und der digitale Auftritt wird verbessert. "Im Webshop verkaufen wir allerdings nur Kleinigkeiten wie Krawatten, Unterwäsche, Socken und Ähnliches. Unser Kerngeschäft mit kostbarer Ware wie feinen Anzügen ist nicht über online zu machen." Trotz allem zeigt sich Niedersüß auch zuversichtlich: "Das Geschäft hat schon viele Hochs und Tiefs erlebt, wir werden auch die Pandemie überleben."

"Gedämpfte Lebensfreude"

Auch Anna Tostmann-Grosser vom Trachtenmodengeschäft Tostmann in der Schottengasse und in Seewalchen am Attersee macht sich Sorgen um den seit über 70 Jahre bestehenden Familienbetrieb, der derzeit in Kurzarbeit ist. "Es ist eigentlich eine Katastrophe. Das Geschäft in Wien wäre zurzeit rentabler, wenn wir zu hätten, und wenn wir in Oberösterreich den Vorjahresumsatz schaffen, wäre das ein Wunder", sagt sie.

"Wir verkaufen ja nicht nur Kleidung, sondern auch Lebensfreude - und die ist bei den Menschen derzeit gedämpft." Die meisten Feierlichkeiten, zu denen sich die Kunden neu einkleiden, wurden abgesagt, der Umsatzeinbruch im Wiener Geschäft liege bei 70 Prozent. Im Lockdown habe das Unternehmen für einen Betrieb für Schutzkleidung 30.000 Masken genäht. "Die sinnvolle Arbeit war gut für unser Betriebsklima", sagt Tostmann. "Das ganze Oster- und Frühjahrsgeschäft ist schließlich weggefallen, die Hochzeiten ohne Gäste sowie die gestrichenen Erstkommunionen und Firmungen haben uns ein Umsatzminus gebracht, unsere ausländischen Stammkunden fallen weg und große, für uns bedeutende Events wie das Münchner Oktoberfest finden nicht statt. Unsere Lager sind voll, aber wir kriegen jetzt schon die Winterware."

Es kämen derzeit ausschließlich treue Stammkunden ins Geschäft. Am Montag vor drei Wochen habe das Geschäft in Wien am Abend 66 Euro in der Kasse gehabt, "bei fünf Verkäuferinnen, einer Schneiderin und einer Reinigungskraft im Haus". Zittern würde sie derzeit auch um die nächste Wiener Ballsaison, so Tostmann-Grosser, aber: "Der Vorteil ist, dass wir selbst produzieren. Auch wenn wir erst im Dezember wissen werden, ob im Jänner der 100. Jägerball stattfindet, können wir spontan im Akkord nähen."

Sorge um Ballsaison

"Wir haben große Sorge, dass die nächste Ballsaison ausfallen könnte, weil wir sehr von der Anlassmode leben", sagt auch Josef Dolzer vom heuer 100 Jahre bestehenden Herrenausstatter Teller in der Landstraßer Hauptstraße. "Wir hatten sechs Woche komplett geschlossen, bestellte Ware wurde nicht verkauft, die ist nächstes Jahr so gut wie wertlos. Die Umsätze fehlen und es gibt kaum Veranstaltungen. Zwischenkredite sind zwar positiv, aber man muss sie zurückzahlen." April und Mai mit den vielen Hochzeiten seien sonst die stärksten Monate im Jahr, "da machen wir ein Drittel unseres Jahresumsatzes". Heuer habe man 400 bis 500 angezahlte Anzüge für Hochzeiten im Geschäft hängen, die nicht abgeholt wurden, weil die Hochzeiten nicht stattfanden. Aber auch bei Teller halten die Stammkunden dem Geschäft die Treue: "Dank ihnen sind wir derzeit wieder auf 70 bis 80 Prozent unseres Jahresumsatzes."