Die frühere ÖVP-Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (von 1995 bis 2007) wäre einmal fast zu seinem Opfer geworden: Der antike Teppich, der über ein Jahrhundert den Kongresssaal im Wiener Bundeskanzleramt verzierte, hätte die Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur 2003 fast richtig zu Fall gebracht.

Die Vorarlbergerin Gehrer war, wie auch ihr Bundesland, nicht von enormer Größe. Die Ministerin aber konnte diesen Nachteil trickreich und modisch wettmachen: Sie trug mit Vorliebe hohe Stöckelschuhe. Das wäre ihr beim antiken "Uschat" im Kanzleramt beinahe zum Verhängnis geworden. Der war damals aufgrund seines hohen Alters schon ziemlich zerschlissen. Ein größeres Loch brachte die Ministerin nahezu ganz zu Boden. Der rettende Arm eines neben ihr Stehenden verhinderte Schlimmstes.

Der anwesende Präsidialchef des Hauses war daraufhin so betroffen, dass er solcher Gefährdung von Amtspersonen - gleich welchen Ranges und Couleur - nicht länger Vorschub leisten wollte. Also entschied sich Manfred Matzka, so hieß der Sektionschef, auch im Hinblick auf den nahenden und repräsentativ wichtigen EU-Vorsitz Österreichs im Jahr 2006, zu einer radikalen Lösung: Eine Restauration erschien unerschwinglich. Daher musste der historisch wertvolle Uschat ein für alle Mal ins Mobiliendepot. Dort liegt er noch heute gut verwahrt, eingerollt und ungeöffnet - offenbar für ewige Zeiten.

Ein passender Ersatz im Saal sollte nun aber genauso aussehen, wie das historisch wertvolle Original - übrigens ein Geschenk eines türkischen Sultans aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Beschaffung im Kanzleramt wurde zum Teil als geheime Staatsaktion abgewickelt.

Mit Hilfe eines stadtbekannten Wiener Teppichhändlers mit orientalischen Verbindungen machte der österreichische Handelsdelegierte in der Türkei nach Ausschreibung eine geeignet erscheinende Manufaktur in Anatolien ausfindig. Eine Zentralperson bei der Abwicklung der gesamten Causa "Teppichaustausch": der ehemals langjährige Eigentümervertreter der "Wiener Zeitung" im Kanzleramt, Ministerialrat Alois Schittengruber. Er hatte die Herstellung der Kopie mit zu überwachen. "Es musste sicher sein, dass es zum Beispiel bei der Erzeugung keine Kinderarbeit gibt."

Acht Frauen haben ein Jahr lang in der Türkei am Ersatz-Teppich gewebt. Am Schluss sah er dem Original gleich. Pünktlich vor der Ratspräsidentschaft wurde das riesige Stück an den Ballhausplatz angeliefert. Ein eigens bereitgestellter Tieflader mit Kran hob das neue Prunkstück schließlich durch das Kanzleramtsfenster in den ersten Stock.

Dort erstrahlt das neue Stück um circa 60.000 Euro seither am Boden des historischen Saals. Und er hat auch einen beabsichtigten Webfehler. Denn nach der Philosophie der Knüpfkünstler ist es nur Allah vorbehalten, etwas Perfektes zu erzeugen. Wo sich dieser Fehler befindet, weiß allerdings nur Manfred Matzka. Er wird dieses Geheimnis allerdings nicht mit ins Grab nehmen. "Ich habe einen Hinweis im Beschaffungsakt hinterlassen", erzählte er der "Wiener Zeitung".