Mehr als 150 Stufen sind es bis zum Langhaus hinauf", sagt Ulrich Sukup und dreht sich kurz um. "Bis zum Glockenstuhl sind es wesentlich mehr." Eine enge Wendeltreppe schlängelt sich hinauf bis in den Dachbereich der Votivkirche. Es ist dunkel. Draußen braust hörbar der Verkehr vorbei. Nur alle paar Meter dringt durch ein kleines Fenster ein wenig Tageslicht. Ulrich Sukup kennt die neugotische Basilika mittlerweile wie seine Westentasche. Unzählige Male war er schon auf deren Dach - aber nicht nur auf ihr. Auch dutzende weitere Kirchen sowie deren Türme hat der gelernte Bauspengler bereits erklommen, um darauf zu arbeiten; um etwa Kreuze oder Regenrinnen abzumontieren, sie in seiner Werkstatt zu sanieren und wieder auf den Bauwerken zu montieren.

Arbeit in schwindelerregender Höhe. - © Ulrich Sukup
Arbeit in schwindelerregender Höhe. - © Ulrich Sukup

"Der sogenannte Auto-Spengler ist mit dem Bauspengler nicht zu vergleichen", sagt Alexander Eppler, Innungsmeister der Spengler und Dachdecker in der Wirtschaftskammer Wien. Die als Bauspengler bezeichneten Betriebe stellen sämtliche Verblechungen am Haus und auf dem Dach bis hin zu gesamten Blechdächern her: Karlskirche oder Staatsoper seien Gebäude mit vielen Blechdächern, so der Funktionär und gleichzeitig Inhaber eines Spengler- und Dachdeckerbetriebes. Die verwendeten Materialien unterscheiden auch die beiden Berufe. Der Spengler arbeitet großteils mit Blechen und Metallen - der Dachdecker mit Ziegeln und Faserzementplatten. Auch Balkone, Terrassen oder Flachdächer werden von Bauspenglern abgedichtet. Insgesamt gibt es mehr als 250 Spenglerbetriebe in Wien. Ein Großteil davon arbeitet jedoch nicht im Außenbereich, sondern repariert Autos in Werkstätten, erklärt der Innungsmeister.

Magister Spengler

Ulrich Sukup übernahm vor zwölf Jahren das Unternehmen von seinen Schwiegereltern. - © erben
Ulrich Sukup übernahm vor zwölf Jahren das Unternehmen von seinen Schwiegereltern. - © erben

Nach der Matura an der HTL für Elektrotechnik und einem abgeschlossenen Psychologiestudium wollte Ulrich Sukup in einem "handwerklichen Beruf" arbeiten. Ja, genau das sei das Seine, dachte er sich und schritt zur Tat. Er lernte das Handwerk des Bauspenglers. Bereits nach einem Jahr absolvierte er zunächst die Gesellenprüfung und Jahre später die Meisterprüfung.

Die Lehrausbildung zum Spengler dauert heute in der Regel drei Jahre, als Doppellehrberuf mit Dachdecker vier Jahre. Der Bedarf an ausgebildeten Fachkräfte sei hoch, sagt Innungsmeister Alexander Eppler. Denn "Infrastruktur"-Handwerker wie Spengler würden immer gebraucht. Doch das Interesse am Lehrberuf halte sich in Grenzen, bedauert Eppler.

"Das Spenglerhandwerk ist auch für die Baudenkmalpflege wichtig, um die historische Dachlandschaften erhalten zu können", sagt Astrid Huber, Leiterin des Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege des Bundesdenkmalamtes (BDA) in der Kartause Mauerbach. Früher waren die verwendeten Bleche kleiner und dicker, so die akademische Kunsthistorikerin und Restauratorin. "Auch waren sie doppelt gefalzt - so hielten sie oft über Jahrhunderte." Dank der sauberen Luft ist der Schwefelgehalt darin heute aber geringer als noch vor Jahrhunderten. Das Material verfärbe sich nicht mehr und es kommt zu einer Veränderung des Erscheinungsbildes historischer Dachlandschaften, weiß die Expertin. Neue Kupferdächer müssen daher zusätzlich mit Säuren künstlich patiniert werden, um das bekannte Grün zu erzeugen.

Im Jahr 2008 übernahm Ulrich Sukup das seit 50 Jahren bestehende Unternehmen von seinen Schwiegereltern und benannte es in Sukup-Grötzer um. Seinen Sitz hat es in der Barichgasse 10 in der Landstraße. "Auf der Votivkirche sanieren wir die Kugel auf der Turmspitze", sagt er; nimmt eine Schokolade aus seiner Umhängetasche und beißt davon ein Stück ab. "Ich bohrte ein Loch, um zu sehen, ob sich darin eine Turmkapsel befindet." Turmkapseln wurden nach der Fertigstellung von Kirchen oft in die Turmspitze gelegt und enthielten Informationen über den Bau der Kirche sowie die Arbeiten. Leider befand sich darin keine, bedauert Ulrich Sukup. "Heute verschließe ich daher die Metallkugel wieder."

Ein Akt am Seil

Klettere er auf einen Kirchturm, montiere er auf dessen Spitze oft ein Seil, um sich oben frei bewegen zu können und abgesichert zu sein. "Dann komme ich oben gut herum", erklärt Ulrich Sukup. In dieser Höhe zu arbeiten, erfordere von ihm eine sehr hohe Genauigkeit. Fehler dürfe er keine machen, da sie ihm zu Verhängnis werden könnten. Jeden Schritt müsse er sich daher gut überlegen. Am Gerüst sei man sicherer, obwohl auch hier schwere Unfälle passieren können.

Absolut schwindelfrei sei er nicht, gibt der 48-jährige Sukup zu. "Wenn der Schwindel kommt, warte ich einige Minuten, bis er vorbei ist." Für manche Sanierungen brauche Ulrich Sukup mehrere Jahre, da er sich in seiner Werkstatt erst an eine Lösung herantasten muss. Bei der Sanierung der Rudolfsheimer Pfarrkirche im 15. Wiener Gemeindebezirk war das etwa der Fall. Die Arbeit machte sich bezahlt. Für die spezielle Ausführung gewann er später sogar den Preis für das beste Sanierungsprojekt Österreichs, erzählt der Spengler stolz.

Beziehung zum Gebäude

Innungsmeister Alexander Eppler blickt auf eine weitaus längere Berufserfahrung in schwindelerregenden Höhen zurück als Urich Sukup. "In meinen mehr als 30 Jahren Berufserfahrung bin ich schon auf unzähligen Dächern gestanden", erzählt er. Die für ihn schönsten Arbeitsplätze waren das Belvedere, das Kunsthistorisches Museum, die Salesianerkirche oder das Palais Equitable am Stock-im-Eisen-Platz.

Ulrich Sukup hat aufgehört, die vielen Kirchen und Türmen zu zählen, auf denen er bisher schon Hand anlegte. Jedes Gebäude nehme er aber in seiner Gesamtheit wahr, obwohl er darauf oft nur einen bestimmten Teil saniere. "Am Dach entwickle ich eine ganz besondere Beziehung zu ihm", findet der gelernte Psychologe.

Vorsichtig geht er die hohen Stiegen der Wendeltreppe nun wieder hinunter. Eine Taschenlampe leuchtet ihm dabei den Weg. Obwohl er sich viel auf Dächer bewege, sei er manchmal auch erleichtert, wieder vor einem Gebäude zu stehen und nicht auf einem.

Unten angekommen, blickt Ulrich Sukup hinauf auf den Turm, auf dem er bis vor kurzem noch stand. Seine Augen strahlen. "Ja, in einem Büro zu arbeiten, wäre mir viel zu eng."