Die Trauer war unerträglich. Mehr als zwei Wochen, nachdem Meli (Name geändert) die Nachricht von der Ermordung ihres älteren Bruders erhalten hatte, konnte sie es immer noch nicht glauben. Ist er denn tatsächlich tot? Immer wieder hatte sie im Leichenschauhaus angerufen und immer die gleiche Antwort erhalten: "Nein, Sie können ihn nicht sehen."

Es ist die Hoffnung, die sie an diesem Tag ganz in Schwarz gekleidet in der brütenden Sonne auf dem islamischen Friedhof im 23. Wiener Gemeindebezirk wartend aufrecht hält. Nur die Hoffnung. Es muss sich um einen Irrtum handeln. Der Sarg, der in den Zuschauerraum gerollt wird, das kann nicht der ihres Bruders sein. Ihr kleiner Sohn sitzt schweigend daneben. Er teilt ihre Sehnsucht: Sein geliebter Onkel muss am Leben und wohlauf sein. Ansors Tante und sein Cousin, die für die Beerdigung aus Graz angereist sind, schluchzen.

Rund 60 tschetschenische Landsleute sind da. Sie stehen in Grüppchen verteilt auf dem Parkplatz des Friedhofs, tuscheln, flüstern, blicken sich um. Wer wird aller zum Begräbnis des ermordeten Bloggers kommen? Wer ist schon da? Und werden Leute kommen, die Informationen darüber sammeln, wer hier mit wem flüstert, um all das dann zu melden? Informationen über noch mehr "Feinde". Informationen, an denen Tschetscheniens Geheimpolizei großes Interesse hat.

Die österreichische Polizei ist da. An allen Ecken. In Uniform und in Zivil. Zufahrende Autos werden kontrolliert. Am Tor zum Friedhof: noch mehr Polizei. Und auf dem Friedhof: zwischen den Gruppen von Männern. Plötzlich ein Tumult: Ein Reporter des tschetschenisch-sprachigen Radiosenders Marsho hat versucht, Regimekritiker zu fotografieren. Die Nerven liegen blank. Ansors Witwe Zarema und die zwei Töchter sind auch da. Auch sie warten bange, ihren Familienvater ein letztes Mal zu sehen.

"Jeder hat Angst vor jedem", sagt Melis Freundin Khava. Sie blickt zu den verteilt stehenden Männergrüppchen und setzt nach: "Du denkst, du kannst jemandem vertrauen, dann rammt er dir ein Messer in den Rücken."

"Er war tapfer"

"Ansor von Wien", auch bekannt als Mamichan U. oder unter seinem österreichischen Namen Martin B., war 2005 als Flüchtling nach Wien gekommen. Zwei Jahre später erhielt er Asyl. Er war eine kontroversielle Figur mit dubiosen Verbindungen. Und auch eine kriminelle Vergangenheit hatte er. Aber "er war tapfer", sagt Meli stolz mit Tränen in den Augen "und er hatte keine Angst, sich gegen Ungerechtigkeiten auszusprechen".

Melis Familie hatte bereits drei Söhne verloren: Der erste starb noch im Teenageralter, der zweite während des zweiten Tschetschenien-Krieges, der dritte verschwand spurlos, so wie zehntausende andere Männer unter der Regentschaft von Präsident Ramsan Kadyrow. Auch Melis Mann starb. Als Kriegswitwe und alleinerziehende Mutter hat sie sich vor acht Jahren nach Wien durchgeschlagen. Ihre Mutter und zwei verheiratete Schwestern hat sie zurückgelassen. Ansor, das war ihr letzter noch lebender Bruder. Sollte er wirklich tot sein, wäre sie komplett auf sich alleine gestellt. Und das war mehr, als eine junge Frau ertragen konnte.

Sie wusste, was ihr Bruder seit Februar getan hatte. Sie wusste, dass er Videos produzierte, in denen er Kadyrow und dessen Umfeld wild beschimpfte. Und sie wusste genau, dass das gefährlich war. Bekniet hatte sie ihn, damit aufzuhören. Aber Ansor wollte nicht hören. Weder auf sie noch auf die österreichischen Behörden, die ihn ebenfalls gewarnt hatten, dass er gerade dabei sei, sein Leben wirklich in Gefahr zu bringen. Aber Ansor hatte sein "Limit erreicht", wie es Meli sagt. Er habe nicht mehr stillhalten, nicht mehr schweigen können.

Kadyrow - Russlands handverlesener Herrscher der bergigen Republik in der südrussischen Kaukasusregion - machte sofort "westliche Agenten" für den Mord an Ansor verantwortlich. Doch der 43-Jährige macht auch keinen Hehl aus seiner Empörung über jede Form der Kritik - von wem und woher auch immer sie kommen mag. Letzten November erklärte Kadyrow sogar, er werde die Todesstrafe für diejenigen einführen, die im Internet "die Ehre von jemandem beleidigen".

Dilemma für Österreich

Die tschetschenische Community in Österreich stellt die Behörden vor ein Dilemma. 1994 und erneut 1999 fiel Russland in Tschetschenien ein, was zu zwei blutigen Kriegen und dem Tod von schätzungsweise 300.000 Tschetschenen führte. Viele, die gegen Russland gekämpft hatten, flohen nach Europa, nachdem Wladimir Putin 2003 Ramsans Vater, den kremltreuen Achmad Kadyrow, als Präsident eingesetzt hatte. Für viele Tschetschenen war Achmad der ultimative Verräter. Im Mai 2004 wurde er ermordet. Im Jahr 2007 erbte der damals 30-jährige Ramsan das Amt seines verstorbenen Vaters - ebenso loyal gegenüber Russland wie sein Vater und ebenso erpicht darauf, keinerlei Opposition zuzulassen.

Heute leben mehr als 35.000 Tschetschenen in Österreich. Aber dabei handelt es sich um alles andere als eine homogene Gruppe von Kadyrow-Gegnern, die sich weigern, dessen autoritäre Herrschaft anzuerkennen, und durch dessen System ihnen im Fall einer Rückkehr Verfolgung droht.

Kadyrow betrachtet sich als Herrn aller Tschetschenen - egal ob sie in Tschetschenien leben oder in Europa. Und durch seine verbissene Entschlossenheit, keinerlei Kritik an ihm selbst innerhalb der tschetschenischen Community zu dulden, ist in den letzten zehn Jahren ein Netzwerk loyaler Informanten entstanden. Das sind Leute, die vorgeben, von Kadyrow verfolgt zu werden, um Asyl zu erhalten, die aber vor allem eines tun: Sie beobachten und kontrollieren Kadyrows Kritiker und Gegner. Andere wiederum arbeiten gezielt daran, Jugendliche über soziale Medien, persönliche Kontakte und auch in Kampfsportclubs für Kadyrows Gedankenwelt zu gewinnen.

Die Folge: Europas tschetschenische Diaspora ist in zunehmendem Maß gespalten zwischen Gegnern Kadyrows auf der einen und Unterstützern und Informanten Kadyrows auf der anderen Seite. Gerüchte, Denunziationen und Anschuldigungen verbreiten sich wie Buschbrände via Soziale Medien. Allianzen ändern sich ständig. Ein Freund kann sich binnen Sekunden in einen Feind verwandeln.

Am Tag nach Ansors Beerdigung posten Angehörige aus seinem Heimatdorf ein Video. Der Inhalt: Sie bitten Kadyrow inständig um Vergebung für die Taten ihres abtrünnigen Cousins in Österreich. In dem dreiminütigen Video bezeichnen sie Ansor als "Hund". Sie hätten "versucht, ihn dazu zu bewegen, aufzuhören". Er aber habe ihnen gesagt, er werde "von einem europäischen Geheimdienst gezwungen". Und sie sagten: "Wir haben ihn gestoppt, weil wir mussten."

Paranoia macht sich breit

Freunde habe sie kaum, sagt Meli - auch nach acht Jahren in Österreich nicht. Angst habe sie. Angst, jemandem zu vertrauen. Wie Ansor und Meli sind jene Männer, die des Mordes an Ansor beschuldigt werden, Flüchtlinge, die Asyl in Österreich haben. "Wir wissen nicht, wer wer ist, ob jemand ein Kadyrow-Unterstützer ist oder ein Agent, der uns ausspioniert; der herausfinden will, was wir denken, der alles weiterleitet," sagt Meli. "Wir leben in Angst. Ständig."

Jene, die es wagen, sich in Europa gegen das Regime auszusprechen, wissen, dass das Folgen haben wird für Familienangehörige in Tschetschenien. Ihre Mutter und ihre jüngeren Schwestern in Tschetschenien hätten massiv Angst, sie "können nicht einmal ein Begräbnis haben oder den leichtesten Anschein von Trauer wegen Ansors Tod zeigen", sagt Meli.

Wie ein Gemeindemitglied bei Anzors Beerdigung sagt, war der Mix an Trauergästen potenziell explosiv. Etwa ein Drittel waren sogenannte "Itschkerianer", die ehemaligen Unabhängigkeitskämpfer, die Kadyrow und Putin verachten und Anzors YouTube-Tiraden prinzipiell, wenn auch nicht in Wortwahl und Ausführung, unterstützten. Auch mehrere Kadyrowiten tauchten auf. Und dann noch jene, die bizarrerweise gleichzeitig "Fans" von Anzor und Informanten für das tschetschenische Regime sind. Ob aufgrund der starken Polizeipräsenz oder aus Respekt vor dem Verstorbenen und seiner trauernden Schwester und Witwe verlief die Beisetzung aber friedlich.

Für Meli ging es in diesem Augenblick nur darum, ihren Bruder wiederzusehen, auch wenn dadurch ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt wurden. Sie war die Letzte, die sein Grab verließ. Sie kniete neben der frisch aufgeschütteten Erde, Tränen liefen ihr über das Gesicht, in ihrer Hand die Hand ihres geschockten Sohnes. In diesem nicht enden wollenden Krieg hat Meli ihre Kindheit, ihren Mann und jetzt ihren letzten Bruder verloren. Sie ist wie so viele vor diesem Krieg geflohen. Aber der Krieg hat sie auf ihrer Flucht eingeholt.