Seit einem Monat befindet sich Ahmed A., der Leibwächter des in Gerasdorf ermordeten Bloggers Ansor U., als Verdächtiger in Polizeigewahrsam. Während Menschen aus Ansors Umfeld felsenfest von Ahmeds Unschuld überzeugt sind, ist ein wichtiger Mittelsmann auf freiem Fuß. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Ansors "anderem Leibwächter", Rustam. Er war drei Wochen vor der Ermordung ausgestiegen, weil er das Gefühl hatte, dass Ansor und Ahmed sich zu sorglos verhielten.

Tschetschenen demonstrieren in Wien nach dem Mord an Ansor U. - © apa/Hans Punz
Tschetschenen demonstrieren in Wien nach dem Mord an Ansor U. - © apa/Hans Punz

"Rustam" (sein richtiger Name ist der WZ bekannt) kann immer noch nicht ergründen, warum der tschetschenische Blogger und Kritiker von Präsident Ramsan Kadyrow, Ansor U., und sein Leibwächter, Ahmed, am Abend des 4. Juli zu dem schicksalhaften Treffen auf einem Gerasdorfer Parkplatz gingen. "Sie wussten, dass der Mann, den sie trafen, Sar-Ali A., ein Kadyrow-Anhänger und verurteilter Waffenschmuggler war", sagt Rustam. "Ich habe sie davor gewarnt, sich nicht mehr mit diesen Leuten zu treffen, dass es zu riskant sei, aber sie haben nicht auf mich gehört. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passieren würde."

Rustam ist die Wiener Kontaktperson einer in Paris ansässigen Organisation, die versucht, verschiedene politische Gruppen in der tschetschenischen Diaspora zu vereinen. Er beschreibt, wie er Ansor im März 2020 zum ersten Mal persönlich traf. Ein gemeinsamer Freund hatte den Kontakt zwischen ihn und Ansor hergestellt, da "Ansor einige Tonaufnahmen hatte, die ich mir anhören sollte". Ansor spielte Rustam mehrere Tonaufnahmen vor. Die Stimmen erkannte Rustam sofort: Aus Tschetschenien sprach Scha-a Turlajew, ein Kadyrow nahestehender Mann, der als Organisator mehrerer Attentate auf Kadyrow-Kritiker im Ausland bekannt ist, darunter die Ermordung von Umar Israilow in Wien 2009. Turlajew steht auch auf der russischen föderalen Fahndungsliste, weil er einen Mord in Dagestan organisiert hat.

"Den gibt es nicht mehr lang"

In den Aufzeichnungen sprach Turlajew mit verschiedenen in Europa lebenden Kadyrow-Leuten über Ansor. Unter denen waren auch zwei in Österreich ansässige Männer: Musa Ch. und Hasan - beide amtsbekannt. "Es war ein hartes Gespräch", sagt Rustam. "Sie sagten: ,Den wird es nicht mehr lange geben, höchstens zwei Monate.‘" Laut Rustam haben Hasan und Musa diese Gesprächsaufzeichnungen an Ansor weitergegeben, um dessen "Vertrauen zu gewinnen". Ansor wiederum gab diese Aufzeichnungen an die österreichische Polizei weiter.

"Ansor hatte unter anderem Mitschnitte von vier Telefonaten, darunter mit "Lord" Magomed Daudow, dem Vorsitzenden des tschetschenischen Parlaments, und Adam Delimkhanow (ein Abgeordneter der russischen Duma und Kadyrows Cousin zweiten Grades). In diesen Gesprächen fällten sie Urteile über Menschen, ordneten Morde an und diskutierten über uns als in Europa lebende Widerstandskämpfer", sagt Rustam. "Sie sagten Dinge wie: "Dieser hier lebt noch, und dieser hier...".

Ansor fragte Ahmed und Rustam, ob die beiden sein Haus beobachten könnten. "Er sagte, die österreichische Polizei habe ihm gesagt, es sei ein kleiner Bus herumgefahren und sie hielten das für verdächtig", erinnert sich Rustam. "Wir begannen, um sein Haus herum zu patrouillieren, fuhren, gingen zu Fuß, und hielten Ausschau nach tschetschenischen Gesichtern, die wir erkannten. Ansor ging jedoch nachts allein hinaus, und wir waren schockiert. Wir sagten ihm, es sei gefährlich, und er sagte: "Nein, ich bin bewaffnet", und zeigte seine Pistole. Und wir sagten: "Wenn sie dich töten wollen, wird eine Pistole nicht helfen."

Rustam erklärt, er habe wiederholt versucht, Ansor davon zu überzeugen, Polizeischutz zu erhalten, aber er lehnte ab. "Das Haus von Ansor wurde rund um die Uhr bewacht: ein Polizeibus vor der Tür und Beamte, die jeden kontrollieren, der hineingeht. Ich sagte zu ihm: ,Niemand wird dich zu Hause erschießen. Es sieht gut aus, die Polizei dort zu haben, aber es hilft dir nicht, wenn sie nicht mit dir herumgeht. Bleib zu Hause.‘ Aber er war einfach zu leichtsinnig."

Ansor sollte Tod vortäuschen

In der Nacht des 11. Juni schickte Ansor seinen Leibwächtern Rustam und Ahmad die Audioaufnahme eines Gesprächs, das er am Tag zuvor mit einem anderen Tschetschenen, Salman M., geführt hatte. Der ist der Polizei als Waffenschmuggler und Kadyrow-Sympathisant bekannt.

Salman M. war mit dem Vorschlag, "etwas Geld zu verdienen", zu Ansors Haus gegangen. In der Aufnahme, die auch an die österreichische Polizei weitergegeben wurde, schlägt Salman M. Ansor vor, "seinen Mord zu inszenieren". Ansor wusste, dass Salman M. für Kadyrow arbeitete, ging aber zum Schein auf seinen Vorschlag ein. Er versuchte, Informationen herauszukitzeln und Namen zu bekommen. Salman schlug vor, dass sie in einem ersten Schritt zusammen mit einer Frau ein Video drehen würden, das er Kadyrow als Beweis dafür schicken würde, dass er, Salman, Zugang zu Ansor hatte. Kadyrow würde dann 200.000 bis 300.000 Euro als Anzahlung schicken, dann würden sie ein zweites Video mit Ansor drehen, in welchem er mit Blut bedeckt ist, damit Salman vortäuschen kann, dass er Ansor getötet habe. Ansor stimmte zu.

Ein riskanter Plan

Als Rustam von dem Plan hörte, war er schockiert. "Ich sagte zu Ahmed, es sei zu riskant. Sie könnten Ansor möglicherweise aus dem Hinterhalt überfallen und erschießen", sagte Rustam. "Aber diese beiden sind sehr spontan. Sie wollten es tun, und sie hatten bereits zugesagt."

Das Treffen war für den 12. Juni in einer Mietwohnung in Floridsdorf geplant. Rustam hatte Bedenken. Ansor verließ sich zwar auf seine Waffe, sollte er jedoch bei einem Schusswechsel getötet werden, könnten die Behörden annehmen, dass die beiden Leibwächter Mordkomplizen sind. Rustam war auch besorgt darüber, selbst enttarnt zu werden. Er hatte auch eine Tonaufnahme mit Turlajew, auf der dieser sagte: "Wir wissen, dass um Ansor herum zwei oder drei Leute sind, und wenn sie denken, dass wir sie nicht kennen, dann irren sie sich." Trotz seiner Bedenken stimmte Rustam zu, mitzumachen.

Pikantes Treffen in Floridsdorf

"Ansor und wir waren zuerst in der Wohnung und richteten Telefonkameras ein - eine offen und eine versteckt", erinnert er sich. "Es war eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern, und wir versteckten uns im anderen Zimmer. Ich sagte Ansor, dass sie vielleicht die Art von Frau mitbringen würden, die auch schießen kann", und er sollte darauf vorbereitet sein. Salman M. und die Frau kamen in den Raum und setzten sich. Dann begann Ansor, die Frau zu streicheln und ihr die Kleider auszuziehen, während Salman ein Video drehte, das er Kadyrow schicken wollte. Salmans Video war kurz, aber Ansor hatte eine Aufzeichnung der gesamten Begegnung. Als die Begegnung endete, gingen Salman M. und die Frau zuerst weg."

Rustam war das Ganze inzwischen zu viel geworden. Er erklärte, dass es "eine sehr dumme Sache gewesen sei" und dass er nicht mehr mit ihnen herumgehen werde.

Der zweite Bodyguard steigt aus

Ahmed versuchte, Rustam zum Bleiben zu überreden, aber er hatte sich entschieden. "Ich sagte ihm: "Diesmal ist es gut ausgegangen, aber nächstes Mal wird es das vielleicht nicht. Und genau das ist passiert. Drei Wochen später endete es nicht gut." Dennoch blieb Rustam in Kontakt mit Ahmed, mit dem er befreundet war.

Das Video mit dem Mädchen wurde an Kadyrow geschickt und erschien drei Tage nach dem Mord an Ansor kurz online. Im begleitenden Kommentar hieß es, dass "Ansor nicht aus politischen Gründen und wegen seiner Kritik an Kadyrow getötet wurde, sondern von der Familie des Mädchens, das er verführt hatte".

Am Morgen vor dem Mord hatte Salman Ansor angerufen, um das Treffen mit Sar-Ali auf dem Gerasdorfer Parkplatz zu arrangieren. "Sar-Ali", sagte Salman zu Ansor, "würde ihm eine Glock-Pistole überreichen."

Bis heute kann Rustam nicht verstehen, warum Ansor und Ahmed diesem Treffen mit Sar-Ali A. auf diesem Gerasdorfer Parkplatz zugestimmt haben. "Wir alle kannten den Mann seit 10 bis 15 Jahren persönlich. Jeder weiß, dass Sar-Ali gegen uns ist, dass er prorussisch ist. Er ist viele Male verhaftet worden, in Polen, Weißrussland und der Ukraine, wegen Waffenhandels, weil er Glocks von hier nach Tschetschenien gebracht hat. Für uns ist er eine bekannte Person, die für Kadyrow in Österreich arbeitet."

Verdächtiger setzt sich ab

Minuten nach den tödlichen Schüssen rief Ahmed die Polizei. Er nannte ihnen den Namen des Mörders und gab Einzelheiten über sein silbernes Auto bekannt, sodass die Beamten Sar-Ali innerhalb weniger Stunden festnehmen konnten.

Salman M. reiste unterdessen laut Angaben von Mitgliedern der tschetschenischen Gemeinschaft nach Linz und dann weiter nach Polen. Zeugen berichten, dass er sich gefälschte Ausweispapiere beschafft habe, um in Weißrussland einzureisen und nach Tschetschenien zurückzukehren.

Rustam ist frustriert. "Mehr als einen Monat nach dem Mord, wurde immer noch kein Haftbefehl gegen Salman erlassen", sagt er. Das obwohl die Polizei von Ansor darüber informiert wurde, dass er Kadyrow-Anhänger ist. "Ansor hatte seit 2008 Informationen an das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung Wien weitergegeben. Sie wissen, dass Musa Ch., Salman M. und Sar-Ali A. alle Kadyrowiten sind und sie wussten von den Drohungen gegen Ansor. Die Gemeinschaft versteht nicht, warum das LVT nicht an der Untersuchung arbeitet." Beim LVT Wien verwies man auf Nachfrage auf das LVT Niederösterreich, das für den Fall zuständig sei. Dieses wiederum lehnte eine Stellungnahme ab.

"Wir wissen, wie gefährlich diese Männer sind", sagt Rustam. Aber wir haben das Gefühl, in Österreich und überhaupt in ganz Europa versteht man diese Gefahr nicht."