Weltweit relevante öffentliche Kulturgüter sind darauf angewiesen, dass ihre Eigentümer-Vertreter das Ausmaß ihrer historischen Verantwortung dafür zu würdigen wissen. Die "Wiener Zeitung" ist ein besonderes Juwel österreichischer und Wiener Kultur- und Mediengeschichte. Am 8. August 1703 gegründet, ist sie die älteste noch bestehende Tageszeitung der Welt. Schon damals ging es irgendwie um "Fake-News". Kaiser Leopold I., der von 1657 bis 1705 regierte, wollte der ständig brodelnden Gerüchteküche - damals vorwiegend über die Prominenz in der Wiener-Stadt - verbriefte Information mit Fakten entgegensetzen. Schon am Anfang standen also beim "Wiennerischen Diarium" (seit 1780 "Wiener Zeitung") echte Transparenzgedanken. Also gewährte der "Fotzenpoldl" - so wurde der Kaiser im Volksmund wegen seiner markanten Unterlippe genannt - dem ersten Herausgeber Van Ghelen das "Pivileg" zur Herausgabe. Der "Fotzenpoldl" samt Unterlippe ist übrigens an der Pestsäule am Wiener Graben markant verewigt und die Zeitung wurde über 300 Jahre zum Erfolgsmodell im Sinne sozialer und amtlicher Transparenz. Hier wurde etwa 1789 erstmals in der Monarchie die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" publiziert. Etwas, was die Habsburger der Zeitung nie verziehen und sanktionierten. Nach 1918 wurde die Zeitung "Organ der Republik Österreich". Braun befleckt hat sie sich, wie viele, rund um den "Anschluss" 1938, ehe sie selbst verboten wurde.

Der "Fotzenpoldl" Leopold I., hier auf der Pestsäule am Graben, wollte in seiner Hauptstadt weniger "Fake-News". - © P. Vécsei
Der "Fotzenpoldl" Leopold I., hier auf der Pestsäule am Graben, wollte in seiner Hauptstadt weniger "Fake-News". - © P. Vécsei

1945 schrieb Staatskanzler Karl Renner "Zur Wiederkehr": "Mögen sich viele, viele Jahre friedlicher Arbeit der ,Wiener Zeitung‘ an diese lange Reihe schließen, dereinst als unvergängliches Denkmal unserer heutigen und künftigen Mühen und Erfolge."

Im vergangenen Jahr gab es eine Initiative, um die "Wiener Zeitung" in den Rang eines "Weltkulturerbes" zu heben. Denn ihr Archiv ist nämlich schon länger als "Weltdokumentenerbe" anerkannt. Der Doyen des österreichischen Journalismus und große "Volksbildner" in Zeitgeschichte, Hugo Portisch: "Die ,Wiener Zeitung‘ ist Vorbild für Qualität und Verantwortungsbewusstsein - und das unter dem keineswegs einfachen Anspruch öffentlich-rechtlicher Objektivität und Ausgewogenheit." Für den Publizisten Heinz Nußbaumer ist "in einer Zeit, in der Qualitätsmedien weltweit einen Kampf gegen Banalität und Trivialität führen, jede Würdigung dieser außergewöhnlichen Zeitung notwendig, um den Fortbestand auch künftig zu sichern." Die Universitätsprofessoren Fritz Hausjell und Matthias Karmasin untermauern das in fundierten Expertisen auch akademisch.

Die "Geburstausgabe" vom 8. August 1703. Das frühere "Diarium" heißt seit 1780 bis heute "Wiener Zeitung". - © Archiv
Die "Geburstausgabe" vom 8. August 1703. Das frühere "Diarium" heißt seit 1780 bis heute "Wiener Zeitung". - © Archiv

Das Wirken für Transparenz und gegen "Fake-News" ist aktueller denn ja. Das bedarf einer unabhängigen Linie. Diese ist im ersten Redaktionsstatut in der über dreihundertjährigen Geschichte seit 2015 auch in der "Wiener Zeitung" nunmehr ganz klar verbrieft. Ihren öffentlichen Auftrag mit Transparenz und Versorgungspflicht hat die Redaktion gerade in der Corona-Krise überzeugend gelebt. Bleibt zu hoffen, dass dies der Politik ausreichend bewusst bleibt. Wir danken jedenfalls den Leserinnen und Lesern, die uns täglich Treue beweisen.