Wenn es so weitergeht, werde ich meinen Heimatbezirk bald nicht mehr erkennen." Herbert F. ist entsetzt. An vielen Ecken werde in Rudolfsheim-Fünfhaus heute saniert, erweitert oder sogar alte Häuser weggerissen, die bisher sein Wohnviertel prägten. Zwei davon standen bis vor kurzem auf der Mariahilfer Straße 166 und 168. Anstelle von zwei Biedermeierhäusern soll hier bis zum Jahr 2023 ein Neubau entstehen, der vom Immobilienentwickler Avoris errichtet und von ihm auch als "Wiener Stadtoase" beworben wird:

Mehr als 50 Wohnungen auf sieben Stockwerken werden das Grätzel in wenigen Jahren beleben, geht es nach dem Unternehmen. Doch nicht nur im 15. Bezirk - auch in anderen Teilen Wiens sei momentan einiges im Laufen, erzählt Markus Landerer von der seit 2008 bestehenden Initiative Denkmalschutz (ID) der "Wiener Zeitung".

Die Fassade bröckelt

Beim neuen Gebäude wird aufgestockt. Die Unwirtschaftlichkeit gegenüber dem Neubau wird oft als Argument gegen den Altbau verwendet. - © Avoris
Beim neuen Gebäude wird aufgestockt. Die Unwirtschaftlichkeit gegenüber dem Neubau wird oft als Argument gegen den Altbau verwendet. - © Avoris

Es war Ende Juni 2018. Wenige Tage vor Inkrafttreten der Bauordnungs-Novelle, die Abbrüche von vor 1945 errichteten Gebäuden künftig bewilligungspflichtig macht. Da wurden aus den beiden Häusern Fenster herausgenommen und vom Haus Nummer 166 die sezessionistische Stuckfassade heruntergebrochen. Zu diesem Zeitpunkt war das Haus aber teilweise noch bewohnt, erinnert sich Otto Bayer, der im Erdgeschoß ein Geschäftslokal hatte.

Uhrmacher Otto Bayer musste letztlich sein Traditionsgeschäft räumen. - © Erben
Uhrmacher Otto Bayer musste letztlich sein Traditionsgeschäft räumen. - © Erben

Auf einmal stand davor ein Gerüst. Arbeiter begannen das Dach zu entfernen. Auch die Polizei wurde gerufen. "Zu keiner Zeit waren die Bewohner oder die Geschäftstreibenden in Gefahr", reagiert Avoris-Gesellschafter Christian Sageder auf die Vorwürfe und Beobachtungen. Sein Unternehmen wollte nach alter Bauordnung die Abbrucharbeiten anzeigen und noch vor Inkrafttreten der Novelle damit beginnen. Dach und Innenräume der beiden Häuser befanden sich damals in einem guten Zustand, weiß Herbert F. "Avoris hätte die Häuser vorbildlich sanieren können."

Für Avoris-Gesellschafter Christian Sageder war das gesamte Projekt ein hochkomplexes, das mehrere Wendungen durchlaufen habe. Zuerst hätten die Häuser saniert werden sollen. Doch sie befanden sich in keinem guten Zustand, argumentiert der Immobilienentwickler. Die Standpunkte der Gegner kann er nachvollziehen. Jedoch findet er, dass vor allem das Haus Nummer 166 zu dem Zeitpunkt nicht mehr lebenswert war. Die Entscheidung, die beiden Häuser abzureißen, habe sich sein Unternehmen nicht leicht gemacht und öfters abgewogen, erzählt Sageder und verweist auf erfolgreiche Sanierungen auch von denkmalgeschützten Gebäuden: "Weil wir eine hohe Affinität zu Altbau haben."

Uhrmacher wehrt sich

Oft werden alte Häuser erweitert, abgerissen oder aufgestockt und man bekommt den Eindruck, dass Mieter von den Eigentümern zuvor unter Druck gesetzt werden, damit sie die Wohnungen verlassen, weiß Markus Landerer. Diese Erfahrung machte auch Uhrmacher Otto Bayer, der sich als Mieter eines Geschäftslokals in einem der Häuser aber erfolgreich zur Wehr setzte.

Von seinem Vater hatte er vor mehr als 35 Jahren das traditionelle Geschäftslokal übernommen - ebenso einen unbefristeten Mietvertrag. Eines Tages standen zwei Männer in seinem Geschäft und eröffneten ihm, dass der Mietvertrag ungültig sei, da er weiterhin auf seinen Vater lief.

Den früheren Hausverwalter hatte das nie gestört, sagt Otto Bayer, der sofort seinen Anwalt einschaltete, woraufhin dieser der Hausverwaltung einen Brief schrieb. Dann auf einmal war der Vertrag wieder gültig, wunderte sich der 58-Jährige heute noch. Als klar wurde, dass das Haus abgerissen wird, kämpfte er weiter. Die Angebote, die er von Avoris erhielt, empfand er als indiskutabel - ein Geschäftslokal befand sich etwa abgelegen in einer Seitengasse.

Otto Bayer fand schließlich selbst eines in der Nähe des Westbahnhofs. Mit der Ablöse war er zufrieden und zog als einer der Letzten im vergangenen Jänner aus. Mit vielen in dem Haus konnte relativ rasch eine einvernehmliche Lösung gefunden werden, reagiert Christian Sageder von Avoris auf Vorwürfe ehemaliger Mieter in der Mariahilfer Straße. Entweder gab es eine Ablösesumme oder eine Ersatzwohnung für sie. "Eine Lösung ist immer nur dann gut, wenn es für beide Seiten gut und fair ist." Dass sein Unternehmen Druck auf die Hausverwaltung ausgeübt habe, verneinte der Gesellschafter "zu 100 Prozent" und meinte, dass er bei jedem Gespräch mit den Mietern auch persönlich dabei war. Über die Höhe der Ablösungen will er sich jedoch nicht äußern.

Erfolglose Petition

"Es sei leider nie auszuschließen, dass sich einige Vermieter nicht an die Regeln halten", heißt es aus dem Büro der für Wohnbau zuständigen Stadträtin Kathrin Gaál. "Wien steht aber konsequent an der Seite der Mieter." Die Mieterhilfe habe schon viele entsprechende Musterfälle zugunsten der Mieter ausjudiziert und empfiehlt den Mietern, sich gegen solche Praktiken zu wehren.

500 Bürger unterzeichneten im Sommer 2018 eine Petition gegen den Abriss und für die Erhaltung der beiden Biedermeierhäuser. Zu einer darin auch geforderten Ausweitung der Schutzzone kam es jedoch nicht, bedauert Herbert F., obwohl sich auch die MA 19 (Architektur und Stadtgestaltung) im Frühjahr 2019 explizit dafür aussprach. Sie stufte die beiden Häuser als erhaltenswert ein. "Wir sind zuversichtlich, dass aufgrund der Gesetzesnovelle von 2018 der Abbruch auch der architektonisch und historisch erhaltenswerten Nachbargebäude verhindert wird", heißt in einem Schreiben. Weshalb es in weiterer Folge weder zur Verhinderung des Abbruchs noch zur Ausweitung der Schutzzone kam, ließ die verantwortliche Planungsstadträtin Birgit Hebein auf Anfrage unbeantwortet.

Investoren haben es zu leicht

"Eigentümer eines Gebäudes können zu Sanierungsmaßnahmen nicht gezwungen werden, wenn sie wirtschaftlich nicht zumutbar sind", sagt Wolfgang Zwender vom Büro von Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál. Für Denkmalschützer Markus Landerer werde es damit Investoren weiterhin zu leicht gemacht, historische Gebäude abzureißen. "Die Unwirtschaftlichkeit des Altbaus wird oft gegen den Neubau argumentiert." Er fordert daher eine Ausweitung der Schutzzonen "auf Grundlage des Schutzzonenkonzepts" aus dem Jahr 1996.

Mittlerweile sei es möglich, dass Häuser abgerissen werden, obwohl noch Mieter darin wohnen, weiß Markus Landerer von der Initiative Denkmalschutz und verweist auf ein Haus in der Radetzkygasse im dritten Bezirk. Deren Bewohner erfuhren etwa von Nachbarn, dass es abgerissen werden soll, da die Ankündigung im Haus hing.

Das Büro von Wohnbaurätin Kathrin Gaál zerstreut aber derartige Befürchtungen. "Es wurde im Jahr 2018 in der Bauordnung geregelt, dass ein Gebäude erst abgebrochen werden kann, wenn es nicht mehr benützt wird." Landerer: "Ich habe den Eindruck, dass die Bauausschüsse in den Bezirken von den Immobilienfirmen in die Irre geführt werden."

Bezirkspolitiker getäuscht

In der Hietzinger Hauptstraße im 13. Bezirk beispielsweise genehmigte der Bauausschuss eine Aufstockung eines Gebäudes - genauer gesagt eine Ausnahmegenehmigung zur Kubaturmaximierung, §69 der Bauordnung, im Glauben, dass der Altbau erhalten bleibe. Parallel dazu reichte der Eigentümer bei der MA 37 aber einen Neubau ein, der nach einem Abbruch die vergrößerte Kubatur voll ausnützt. Bezirkspolitiker lassen sich allzu leicht durch diese Vorgehensweise täuschen. Dies war auch in der Mariahilfer Straße nicht anders, beklagt der Denkmalschützer. Der Abbruch war noch dazu bewilligungsfrei. "Wie viele Altbauten akut gefährdet sind, können wir nicht sagen", sagt Denkmalschützer Markus Landerer. Nicht wenige wertvolle Gebäude würden aber einfach verfallen. Er gewinne daher den Eindruck, dass die Eigentümer mit der "Abbruchbewilligung" regelrecht belohnt werden, wenn sie nur lange darauf warten.

Wirkungsvolle Anreize sollten geschaffen werden, um die vorhandenen Altbauten zu erhalten, fordert der Denkmalschützer und hofft auf eine bessere finanzielle Ausstattung des Altstadterhaltungsfonds, der in den vergangenen Jahren leider ausgehungert worden sei.

Für die beiden Häuser in der Mariahilfer Straße kommt aber jede Hilfe zu spät: Ziegel um Ziegelmauer werden von den Arbeitern abgebrochen und fallen mit lautem Getöse zu Boden. "Langsam macht sich die alte Stadt aus dem Staub", ärgert sich Herbert F. und zeigt Bilder de Umgebung aus besseren Tagen. Er hofft, dass die politisch Verantwortlichen in der Stadt aufwachen und sich des kulturellen Erbes auch abseits der Touristenrouten bewusster werden. "Ich bin grundsätzlich nicht gegen Neubauten, aber sie sollten sich harmonisch ins Stadtbild fügen", sagt er und fordert mehr Mut zu Sanierung von alter Bausubstanz. In der äußeren Mariahilfer Straße vermisse er diesen weiterhin und zeigt auf ein einstöckiges Haus schräg gegenüber. "Sehen Sie, bestimmt ist es das nächste, das fallen wird", sagt Herbert F. "Wenn jetzt nicht gehandelt wird."