Der Corona-bedingte Lockdown verwandelte den gewöhnlichen Frontalunterricht in einen virtuellen Lehrgang, welcher sich letztlich für die meisten der Betroffenen als digitales Dilemma herausstellte. Wie genau es jetzt im Herbst weitergehen soll, steht noch in den Sternen beziehungsweise im 8-Punkte-Plan des Bildungsministeriums. Um den Herausforderungen des Homeschoolings und den Wünschen und Erwartungen für den weiteren Verlauf des kommenden Schuljahres auf den Grund zu gehen, hat die "Wiener Zeitung" mit Lehrern und Schülern gesprochen.

Zu späte Anweisungen vom Ministerium, teils fehlende Ausstattung und mangelnde Selbstorganisation: Diese Umstände bemängelten Lehrer sowie Schüler, die versuchen mussten, im sogenannten Homeschooling - also dem Unterricht zu Hause - zurechtzukommen. Besonders für die jüngeren Schüler soll das oftmals nicht ganz so leicht gewesen sein. Da es keine gezielte Vorbereitung auf das gab, was ihnen bevorstand, waren bei manchen "wirklich grundlegende Dinge noch unbekannt" - und Fragen, wie: "Wie logge ich mich da ein?" oder: "Wo drücke ich da drauf?", seien nicht selten zu hören gewesen, so eine AHS-Lehrerin.

Doch auch wenn die technischen Kompetenzen vorhanden waren, konnte es sein, dass dann wiederum die technische Ausstattung fehlte. Dass zuhause jeder einen eigenen Laptop zur Verfügung hat, wurde oftmals ohne Weiteres angenommen, doch laut Angaben der Lehrer kam es vor allem in größeren Haushalten nicht allzu selten vor, dass sich die Kinder einen Laptop teilen mussten. "Es wurden Dinge vorausgesetzt, die vielleicht auf viele zugetroffen haben, aber sicher nicht auf alle", berichtet etwa die Lehrkraft eines Wiener Gymnasiums in Hernals.

Für die Schüler bestand die wohl größte Herausforderung darin, sich selbst zu organisieren und die, vor allem anfangs, zu große Mengen an Stoff unter einen Hut zu bringen. Kinder, die zuvor ohnehin schon auf Hilfe angewiesen waren, haben sie in dieser Zeit umso mehr gebraucht. Nachdem der Lehrer während dieser Zeit außer Reichweite oder eben nur per E-Mail zu erreichen war, mussten an dieser Stelle dann oftmals die Eltern herhalten. Doch neben Homeoffice, Umstellung auf Kurzarbeit - oder in den schlimmsten Fällen gar Arbeitslosigkeit - auch noch den Ersatzlehrer zu spielen, ist kein leichtes Unterfangen. Für diejenigen, die in systemerhaltenden Berufen beschäftigt sind, war dies nahezu unmöglich.

Andere Eltern wiederum erkannten nicht einmal, dass ihre Kinder Unterstützung brauchten. "Manche Eltern haben das falsch verstanden, dass die Schule jetzt noch über den Computer läuft, manche dachten, die Schule ist jetzt vorbei", erzählt eine HAK-Schülerin.

Obwohl die Kinder fast ein ganzes Semester online unterrichtet wurden, würde von den befragten Schülern und Lehrern keiner den Präsenzunterricht in Frage stellen wollen. "Immerhin ist es etwas anderes, wenn du in der Früh aufstehst und zur Schule gehst, als wenn du zuhause noch bis 14 Uhr im Pyjama herumläufst", meint die HAK-Schülerin. Zwar würden sich einzelne Lehrinhalte mit Hilfe von Videotutorials und Videokonferenzen auslagern lassen, jedoch könne man mit diesen Methoden den klassischen Unterricht keinesfalls komplett ersetzen. Der physische Kontakt sei wichtig - eine Klasse sei schließlich viel mehr als nur der Ort, an dem die Stoffvermittlung stattfindet. Eine Klassengemeinschaft sollte - vor allem auch im Hinblick auf zukünftige soziale Kompetenzen - den Kindern keinesfalls genommen werden.

Obwohl sich bei dem Blick in die Zukunft doch noch viele Fragen und Unsicherheiten auftun, zeigen sich Lehrer sowie Schüler im Hinblick auf den weiteren Einsatz digitaler Unterrichtsformen trotzdem nicht abgeneigt. Ein Ausbau eben dieser war auch vom Bildungsministerium für das kommende Schuljahr vorgesehen und wurde in Form eines 8-Punkte-Plans präsentiert.

"Konzept nicht ausgereift"

Auf Seiten der Lehrer erwecken diese Punkte allerdings nicht das Gefühl eines ausgereiften Konzepts. Alles einfach willkürlich zu digitalisieren mache keinen Sinn, man müsse im Voraus doch auch die Zweckdienlichkeit für den Unterricht hinterfragen und wie beziehungsweise wo technische Geräte im Unterricht letztendlich zum Einsatz kommen sollten, meinten die befragten Lehrer. Denn "Kinder und Personal mit Medien auszustatten, bedeutet ja nicht automatisch, dass damit dann auch sinnvoller gearbeitet wird", so der Lehrer der Hernalser AHS.