Als Filip Simek fünf Jahre alt war, bekam er seine erste Modellbahn. Ein halbes Leben später hat er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und ist Geschäftsführer des "Königreichs der Eisenbahnen", das in zwei europäischen Großstädten residiert: in Prag und in Wien. Das Konzept ist beide Male gleich und besteht in der Darstellung des jeweiligen Landes im Miniaturformat. In der tschechischen Hauptstadt zeigen Simek und sein Team im Geschäftszentrum Smíchov seit zehn Jahren Modelle von bedeutsamen Gebäuden und Plätzen aus dem ganzen Land bei Tag und bei Nacht. In Wien wurde im Prater (Parzelle 119, nahe der U2-Station Messe/Prater) vor einer Woche die erste Modellstadt eröffnet. Das Gebäude, in dem sie untergebracht ist, wurde eigens dafür neu errichtet.

Sehr nah am Original aufgebaut

270 Quadratmeter umfasst die Stadt Wien im Kleinformat, die tatsächlich sehr nah am Original aufgebaut wurde. Die markanten Gebäude stehen dort, wo sie auch in der Realität sind, zumindest im Bezug zueinander, auch wenn das Ganze natürlich ein bisschen komprimiert werden musste. "Für mich als gebürtigen Wiener ist es immer wieder spannend, auf die Suche nach bestimmten Gebäuden zu gehen. Da entdecke selbst ich jeden Tag etwas Neues", erzählt Manuel, einer der Mitarbeiter, beim Rundgang der "Wiener Zeitung".

Tatsächlich ist es mit der Modellstadt im Maßstab 1:87 (H0) wie mit einem Ameisenhaufen. Zu Beginn denkt man sich: Eine Runde, und man hat alles gesehen, ein paar Schienen und viele Straßen und Häuser halt. Aber je länger man hinschaut, desto mehr sieht man, und zwar nicht nur bei den zwei Dutzend Stationen, an denen man via Druckknopf die kleinen Figuren oder Fahrzeuge in Bewegung setzen kann. Gesteuert werden die mehreren Dutzend Eisenbahnen, Straßenbahnen, U-Bahnen (samt originalgetreuer U2-Station), Busse und Lkw, die hier durch Wien unterwegs sind und im Nachtmodus (alle paar Minuten wechselt die künstliche Tageszeit) auch leuchten, vom Computer. "Wir greifen nur bei Problemen manuell ein", erklärt Manuel.

Die goben Bezüge zwischen den verschiedenen Gebäuden stimmen. Manchmal haben die Erbauer allerdings künstlerische Freiheit walten lassen. - © Königreich der Eisenbahnen
Die goben Bezüge zwischen den verschiedenen Gebäuden stimmen. Manchmal haben die Erbauer allerdings künstlerische Freiheit walten lassen. - © Königreich der Eisenbahnen

Noch eher ein Geheimtipp

Noch dürfte das "Königreich der Eisenbahnen" eher in die Rubrik Geheimtipp einzuordnen sein. Überlaufen ist es jedenfalls noch nicht. Ab Herbst soll es voller werden: Die Betreiber wollen unter anderem Schulklassen mit Wien-Führungen im Kleinformat anlocken. Abstand halten ist also derzeit kein Problem, weshalb auch keine Maskenpflicht herrscht. "Wir sind ja kein Museum", meint ein Mitarbeiter schmunzelnd. Er hat mit seinem eigenen Kind die Spielstationen schon alle ausprobiert, die es hier auch noch gibt, auch den kleinen Indoor-Spielplatz mit Bällebad, Kletterparcours und Rutsche. Aber die Gäste kommen natürlich in erster Linie, um im 1. Stock die Eisenbahnen durch Wien fahren zu sehen. Auch wenn es im Erdgeschoß – neben einer großen Brio-Sammlung – auch noch eine weitere kleine Attraktion gibt, die es in sich hat: einen Sandkasten, in dem man eigene Landschaften aufbauen und dann mittels Lichteffekten Vulkane entstehen, topografische Höhenlinien anzeigen oder den Wasserkreislauf sichtbar machen kann.

In echt sind die Spittelau und der Millennium-Tower natürlich nicht so nahe beisammen. - © Picasa
In echt sind die Spittelau und der Millennium-Tower natürlich nicht so nahe beisammen. - © Picasa

Bevor man die Rolltreppe hinauffährt, muss man natürlich unbedingt auch bei der alten Straßenbahn stehenbleiben, deren Fahrersitz die Kinder besetzen dürfen. Einmal selbst den Geschwindigkeitshebel und die bunt leuchtenden Türknöpfe drücken – auch wenn sie funktionslos sind. Voll funktionsfähig ist dafür die VR-Brille, die man aufsetzen kann, um sich wie ein Bewohner der Modellstadt zu fühlen. Da steht man nun im virtuellen Raum wie die kleinen Figuren und sieht Straßenbahnen, Busse und Züge vorbeirauschen oder -zuckeln.

Es wird laufend ausgebaut - zur größten Modellbahnanlage Österreichs

Geöffnet ist das "Königreich der Eisenbahnen" täglich von 9 bis 21 Uhr, und für die 25 Euro Eintritt (ermäßigt: 19 Euro) bekommt man tatsächlich einiges zu sehen (und darf gegen 2 Euro Aufpreis auch selbst ein Boot in einem Bassin oder Rennautos auf zwei Strecken fernsteuern). Wobei die Schau im 1. Stock längst nicht fertig ist, dann sie soll noch auf das Vierfache anwachsen und Österreichs größte Modellbauanlage werden. Neben Wien (das noch weiter ausgebaut wird) sollen hier auch noch alle anderen Bundesländer beziehungsweise deren Hauptstädte entstehen. Die Bauarbeiten für Linz haben bereits begonnen.