Ein Schotterhaufen, den die Donau anschwemmte und zur Insel bildete, ist heute Wiens berühmtestes Freibad: Weil sich einst viel Federvieh dort aufhielt, nannten die Wiener das Gelände "Gänsehäufel". Eigentlich waren es zwei Inseln, die um 1870 im Donau-Altarm "Alte Donau" ihren Platz fanden. Damals begann die Donau-Regulierung, die das Gelände endgültig vom früher oft reißenden Fluss abschnitt. So entstand ein wahres Paradies für die Wiener Bevölkerung.

Seit jeher ging es dort wenig schicklich zu - zumindest nach den jeweiligen moralischen Standards. Der erste Pächter des Naturbadestrandes war im Jahr 1900 ein gewisser Florian Berndl. Der leidenschaftliche Naturkundler eckte mit seinen freizügigen Bade-, Gesundheits- und Hygienevorstellungen sehr bald bei der Obrigkeit an. So war ein gemeinsames Plantschen von Männlein und Weiblein - noch so züchtig verhüllt - ein absolutes No-Go. 1905 war die Genehmigung weg.

Jetzt nahm die gestrenge Commune Wien das Ruder selbst in die Hand und eröffnete 1907 stolz das "Strandbad Gänsehäufel", natürlich mit nach Geschlechtern getrennten Anlagen. Aber man konnte sich am Weg dorthin schwimmend oder rudernd näher kommen. Denn die Insel war ausschließlich über das Wasser erreichbar. Die Brücke von Kaisermühlen aus wurde erst in den 1930ern errichtet.

Selbst unter der fortschrittlichen roten Stadtverwaltung blieb die strenge Geschlechtertrennung bestehen. Aber immerhin gab es schon einen Familienbereich. Dieser zeigte sich in jeder Weise attraktiver, sowohl in Unisex-Hinsicht als auch wegen der beliebten Wasserrutsche. Es folgten Eintrittslösungen mit typischem Wiener Schmäh: Schon bei der Anreise in der Straßenbahn sprachen Single-Herren alleinfahrende Damen an, am Eingang gab man sich dann als (Ehe-)Paar aus, um in den spannenderen Teil des Bades gelangen zu können. Der Trick musste bloß an der Kasse funktionieren. Wie es danach drinnen weiterging, blieb den findigen Zufallspaaren und ihren jeweiligen Vereinbarungen überlassen. Übergebliebene und weniger zungenfertige Männer aus der Tram drängten sich später frustriert an den Holzplanken des Männerbades, um doch noch einen aufregenden Blick zwischen den Latten hindurch auf das andere Geschlecht im Familienbad zu erheischen - bis der "Badewaschl" einschritt und dem Spannen ein Ende machte.

Nach 1945 wurde dann alles lockerer. Die strikte Trennung der Geschlechter war schon vorher abgeschafft worden. Die Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle errichteten bis 1950 das nun denkmalgeschützte Bad mit Uhrturm, wie wir es heute kennen. Stammgäste und Kabanenbesitzer (begehrte Kabinen mit Vorbauten) wurden Hauptdarsteller legendärer Radio- und TV-Dokumentationen. Und das "Gänsehäufel" ist mit einem Fassungsvermögen von 30.000 Besuchern (in Nicht-Corona-Zeiten) bis heute Wiens größtes und beliebtestes Freibad.