Wien fehlen Ärzte. Das alleine ist keine Neuigkeit. Jedoch fällt dieser Umstand seit März und mit Ausbruch des Coronavirus in Österreich verstärkt auf. In einer Pressekonferenz am Montag kündigte Bürgermeister Michael Ludwig gemeinsam mit Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (beide SPÖ), Vertretern der Ärztekammer Wien und des Wiener Gesundheitsverbundes an, noch dieses Jahr 120 zusätzliche Ärztinnen und Ärzte anzustellen. Der schon 2019 angekündigte Ausbau der Personalausstattung nimmt mit diesen 120 Stellen seinen Start. Insgesamt soll es 380 neue Stellen geben. Bürgermeister Michael Ludwig ist sich aber eines weiteren Ausbau-Bedarfs bewusst: "Mehr machen kann man immer."

Besetzungen bis Ende 2020

Ein Wunschziel des Gesundheitsverbundes wäre es, die 380 bereits geschaffenen Stellen bis Ende des Jahres zu besetzen. 10 Prozent davon, sprich 38 Stellen, sind es bisher schon. Mit diesen Stellen sollen nicht nur Ärzte-Posten belegt werden, sondern in der Pflege und weiteren Berufsgruppen, wie dem klinischen Betrieb vor Ort und Schreibkräften, erklärt die Generaldirektorin des Wiener Gesundheitsverbundes, Evelyn Kölldorfer-Leitgeb. Das Recruiting laufe schon seit zweieinhalb Wochen, sei aber natürlich von der Situation am Arbeitsmarkt abhängig, meint dazu der Pressesprecher des Gesundheitsverbundes auf Nachfrage der "Wiener Zeitung".

Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) spricht aktuell von zwei großen Herausforderungen für das Wiener Gesundheitssystem. Einerseits das Wachsen der Stadt und die damit einhergehende Inanspruchnahme der Infrastruktur, wie Krankenhäuser. Andererseits der baldige Pensions-Antritt der Babyboomer-Generation: In den zwei Jahrzehnten wird ein Großteil von ihnen die Pension antreten. Um die Pflegegarantie für alle Wienerinnen und Wiener aufrechtzuerhalten, müssen die Gesamtkapazitäten aufgestockt werden. Mit den 380 neuen Stellen, die ab sofort zur Besetzung ausgeschrieben sind, soll ein erster Schritt getan werden, den zukünftigen Ärztemangel zu reduzieren.

Die neuen Stellen haben keinen Bezug zu Corona, betont der Vizepräsident der Ärztekammer Wien, Wolfgang Weismüller. Sie wurden schon vor Ausbruch der Pandemie zugesprochen. Die Pandemie habe aber nochmals gezeigt, wie notwendig die neuen Posten sind. Besetzungsschwierigkeiten gebe es vor allem in der Anästhesie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Inneren Medizin. Die neu besetzten Stellen sollen aber quer durch alle Fächer verteilt werden. Um zukünftig entstehende Beschäftigungs-Lücken zu schließen, setzt man außerdem auf die Ausbildung. Sie stellt die zweite Säule dar, sowohl im Facharzt-Bereich als auch in der Pflege. Dieses Jahr finanziert der Wiener Gesundheitsverbund 122 Studienplätze am FH Campus Wien. Bis 2022 soll sich diese Zahl auf 150 erhöhen. 1080 Studienplätze stehen an den Studienstandorten Campus Donaustadt, Campus Favoriten und Campus Floridotower zur Verfügung. Susanne Jonak, Vorsitzende der Hauptgruppe II des Wiener Gesundheitsverbundes, freut sich in diesem Zusammenhang besonders, die "760 zusätzlichen Hände" für das Gesundheitswesen zur Verfügung stellen zu können.

Kein statisches Ziel

Gleichzeitig unterstreicht Hacker die Bedeutung eines öffentlichen Gesundheitssystems. "Eine solche Krise braucht ein starkes öffentliches System." Die kritischen Stimmen, die nach einer Bettenreduzierung und einer Privatisierung des Gesundheitssystems rufen, seien zwar leiser geworden, kämen aber langsam wieder zurück, meinte Hacker in diesem Zusammenhang.

Dass die neu geschaffenen Stellen erst der Anfang sein sollen, darin sind sich alle Anwesenden einig. "Das Gesundheitswesen wird nie fertig sein, es gibt keinen statischen Zielzustand", so Gesundheitsstadtrat Hacker.