Manchmal ist der prunkvolle zentrale Saal des Kanzleramtes im Fernsehen zu sehen, - wenn etwa die Regierung eine ihrer Pressekonferenzen abhält. Der "Kongresssaal" im ersten Stock des Ballhausplatzes gibt seit mehr als 200 Jahren für Staatsangelegenheiten ein höchst repräsentatives Umfeld und Ambiente ab.

Ursprünglich soll hier die Familie des Hausherrn, Fürst Clemens Wenzel Lothar Metternich (1773-1859) mit Vorliebe zu Feiern zusammengekommen sein. Er regierte von 1810 bis 1848 mit harter Hand als Staatskanzler das Kaiserreich, ehe ihn die bürgerliche Revolution in den Märztagen 1848 hinwegfegen sollte.

Doch als es 1814 nach dem Sieg der alten Mächte über Napoleon in Wien eines tauglichen Verhandlungssaales für die Delegationen der Sieger bedurfte, stellte der Staatskanzler für den "Wiener Kongress (1814-1815)" auch seine Gemächer am Ballhausplatz zur Verfügung. Während die Diplomaten und hohen Herrschaften angeblich tanzten oder doch verhandelten, wurde in einem angrenzenden Nebenzimmer von der Fürstin Metternich sogar ein Kind zur Welt gebracht.

Doch entgegen vielen Legenden wurde beim "Wiener Kongress" eben nicht nur getanzt, sondern auch so gestritten, dass sich Napoleon von seinem Exil in Elba aufzumachen traute, um den streitenden europäischen Haufen nochmals zur Schlacht herauszufordern. Nach seinem Waterloo war es dann mit ihm zu Ende. Er wurde nach St. Helena verbannt und der "Wiener Kongress" tat im Hause Metternich das, wofür man ihn einberufen hatte: Man raufte sich zusammen und schloss ein Abkommen zur Restauration der alten Mächte Europas. Dass diese Vereinbarung auch im heutigen Kanzleramt unterzeichnet worden sein soll, ist aber reine Legende, wie der Kenner des Hauses und Verfasser eines profunden Standardwerkes darüber, der frühere Sektionschef Manfred Matzka, erklärt. Denn 1815 kannte man noch keine Unterzeichnungszeremonien, wo alle Staatsspitzen gemeinsam an einem Tisch zusammenkommen. Vielmehr wurde das ausgehandelte Dokument quer durch Europa von Hof zu Hof geschickt. Das beglaubigte Schlussdokument befindet sich hingegen tatsächlich im Besitz der Republik Österreich. Eine gerne verbreitete weitere Legende besagt, die ungewöhnliche Anzahl von fünf Kronleuchtern im Kongresssaal würde an fünf damals zur Unterzeichnung anwesenden gekrönten Häupter erinnern. Das ist gut erfunden. Die fünf Luster dienen einfach der Symmetrie, sagt Matzka. Ebenso die fünf Türen, von denen heute zwei davon ins "tote" Nirgendwo führen. Sie haben rein optische Funktion. Die Wiener kolportierten aber gerne, jedes der gar nicht anwesenden gekrönten Häupter hätte aus protokollarischen Gründen einen eigenen Saaleingang gebraucht.

Wahr ist, dass die Lüftungsschächte an der Decke bis heute klaglose technisch-akustische Abhörmöglichkeiten noch so leiser Gespräche aus dem Kongresssaal bieten. Diese gefinkelte Möglichkeit zur Spionage soll Staatskanzler Metternich mit seinem ausgeklügelten Spitzelsystem im Vormärz für seine politischen Zwecke voll genutzt haben.