Es ist der Ort, an dem der "Wiener Zucker" hergestellt wird: In der Zuckerfabrik in Leopoldsdorf im Marchfelde. Und die soll nun geschlossen werden. Für die 150 Mitarbeiter der vor dem Aus stehenden Agrana-Zuckerfabrik gibt es einen fertigen Sozialplan. Nur bis zu 20 Jobs könnten erhalten bleiben.

Der Grund für die geplante Schließung: Es werden in Österreich immer weniger Rüben angebaut. Für eine Aufrechterhaltung der Produktion wäre eine Zusicherung einer Anbaufläche von zumindest 38.000 Hektar nötig, sagt die Agrana. Derzeit sind es nur 26.000 Hektar.

Von einer "Katastrophe für die Marktgemeinde Leopoldsdorf im Marchfelde und die gesamte Region", sprach Bürgermeister Clemens Nagel (SPÖ). Abgesehen von den Arbeitsplätzen bedeute die Schließung für die Marktgemeinde eine finanzielle Einbuße. In guten Jahren seien 300.000 Euro an Kommunalsteuer seitens der Agrana geflossen.

"Die Bauern wollen die Flächen bewirtschaften, man muss sie aber auch lassen. Sie brauchen Verlässlichkeit und notwendige Rahmenbedingungen", forderte auch Niederösterreichs Landeshauptmann-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP). Eine nationale, überparteiliche Kraftanstrengung und ein Schulterschluss von Wirtschaft, Bauern und Konsumenten seien nötig. Es gehe schließlich auch um die regionale Wertschöpfung und darum, die jetzt in der Coronakrise beschworene Unabhängigkeit Österreichs von anderen Ländern zu garantieren. "Wir wollen nicht den Wiener Zucker aus Brasilien importieren", hieß es am Mittwoch.

Bürgermeister Nagel gestand zu, dass die Situation mit gesunkenen Zuckerpreisen und der Rübenrüsselkäfer-Plage für die Bauern nicht einfach sei. Er habe schon vor Monaten Vorschläge gemacht, um die Fabrik zu retten.

Schon länger Probleme

Tatsächlich kämpft die börsennotierte Agrana schon lange um Überleben. Bereits im Mai 2019 sprach man von einer "Zuckermisere". Beim Netto-Gewinn war das börsennotierte Unternehmen Agrana damals mit einem drastischen Rückgang von 142,6 auf 30,4 Millionen Euro konfrontiert.

"Wir brauchen eine verbindliche Zusage für verlässliche Rahmenbedingungen beim Pflanzenschutz sowie finanzielle Unterstützung im Kampf gegen den Rüsselkäfer", sagte Rübenbauernpräsident Ernst Karpfinger Karpfinger am Mittwoch in Richtung der Politik. In Frankreich sei solche Unterstützung zugesagt worden, weil man auf Eigenversorgung setzen wolle. Die Kritik der Rübenbauern zielt darauf ab, dass hierzulande Pflanzenschutzmittel verboten seien, die allerdings bei Importware angewendet werden. "Uns fehlt hier das notwendige Werkzeug zum Arbeiten", beklagt Karpfinger.

Noch könne sich Österreich mit Zucker selbst versorgen, betonen die Rübenbauern. Würde die eine von zwei Agrana-Fabriken geschossen, "wäre das nicht mehr der Fall". Agrarministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) hatte Dienstagabend einen runden Tisch mit allen Beteiligten angekündigt - mit dem Ziel die Anbauflächen wieder zu steigern. Für manche kommt diese Initiative allerdings zu spät.(rös/apa)