Wie sieht ein Spielplatz aus? Zwei Schaukeln, eine bunte Rutsche, Wipptiere über gepolstertem Boden. Um den Spielplatz verläuft ein Zaun, es gibt Bänke für Eltern. Doch ein Problem stört diese vermeintliche Idylle: Internationalen Studien zufolge sind solche Spielplätze zu sicher. Warum diese Sicherheit zu einem Problem werden kann, erklärt die Kinderpsychologin Robin Menges: "Kinder brauchen freie Strukturen. Das Problem der klassischen Spielplätze ist, dass durch die fixen Strukturen die Bewegung der Kinder eingeschränkt wird. Mit der Zeit gibt diese Spielplatzstruktur zu wenig Bewegungs- und Lernanreiz, also suchen Kinder andere Risiken, indem sie Schaukeln beispielsweise zweckentfremden."

Kinder in der Stadtplanung nicht genug berücksichtigt

Auch Landschaftsarchitekt Stefan Schmidt sieht in der aktuellen Landschafts- und Städteplanung ein Problem. "Freiraum wird heute stark verplant. Jede Fläche hat ihre eigene zugewiesene Funktion. Das schränkt Kinder ein." Die freie Fläche, auf der Kinder spielen können, werde immer mehr zurückgedrängt. Die Spielpädagogik fordere zwar, dass Kinder Grenzen selber ausloten können, diese Möglichkeit werde aber immer mehr verwehrt. "In den 70er Jahren gab es das Ideal der Abenteuer-Spielplätze, hier wurden Risiko und Naturerfahrungen gefördert. Kinder konnten das Areal selbst mitgestalten und mit Holz bauen." All das setze aber natürlich eine pädagogische Betreuung voraus. "Die Spielplatzgeräte, die es heute gibt, sind zwar von der Qualität sehr gut, aber jedes Gerät hat einen bestimmten Nutzen." Durch einen dem Gerät zugeschriebenen Verwendungszweck würde sich ein "formalisierter Spielraum" ergeben. Den Kindern wird auf diesen gesicherten Spielplätzen die Möglichkeit auf Risiko und Selbstgestaltung genommen.

Dabei können sie Risiken sehr wohl selbst einschätzen, erklärt Kinderpsychologin Robin Menges. Durch Bewegung würden schon Babys früh lernen, mit der Welt in Kontakt zu treten. Diese Risikoeinschätzung sei aber stark auf die Reaktion der Eltern fokussiert, ob etwas eher bestärkt oder unterbunden wird. Wichtig sei vor allem das Erlernen der Selbstwirksamkeit. Dafür ist es elementar, dass Kinder Dinge selbst ausprobieren können. Am Spielplatz lernen sie zum Beispiel "Wie muss ich mich festhalten, um da raufzukommen?" In den Bewegungsabläufen von Kindern gibt es wichtige Prozesse, die von Anfang an mitlaufen, um Risiken einzuschätzen, beispielsweise zu erkennen, dass es wo tief runter geht. "Kinder sind von Grund auf neugierig und wollen experimentieren und ausprobieren."

Kreatives Spielen als Ausgleich zum Bildschirm

Auch Landschaftsarchitekt Daniel Zimmermann sieht diese Problematik klassischer Spielplätze. "Spiel- und Streifräume fehlen in der Stadt, Kinder wollen und müssen aber raus." In heutigen Stadtplänen hätten Kinder aber de facto keine Stimme. Gerade als Ausgleich zum Spiel vor dem Bildschirm wäre eine Struktur, wie Abenteuerspielplätze sie bieten, wichtig. Fehlt dieser Ausgleich, geht der Spieltrieb der Kinder zurück. Zu beobachten sei außerdem, dass es bei Kindern vermehrt zu Unvermögen kommt zu balancieren. Neben steigenden Adipositasfällen sieht Zimmermann in der fehlenden Struktur auch eine verlorene Möglichkeit für Aggressionsabbau, gerade bei Jugendlichen.

Bei Abenteuerspielplätzen stellt sich natürlich die Frage, wer die Verantwortung übernimmt. Menges sieht hier Bedarf an mutigen Entscheidungsträgern. Manche Kinder seien ängstlicher als andere. "Eltern müssen ihre Kinder kennen, um zu wissen, was ihnen zuzutrauen ist." Indem man Kinder auf einem Spielplatz aber beispielsweise vor dem Klettern auf hohe Gegenstände warnt, werde Höhenangst eher provoziert, als abgewandt. "Man kann und muss Kindern mehr zutrauen, sie mit Risiko konfrontieren und sie selbst lernen lassen." Vor allem müsse man zulassen, dass sie Freiraum zum Experimentieren haben, sagt die Kinderpsychologin. Das Problem verortet Menges aber weniger bei einzelnen Eltern, sondern in der Gesellschaft. Diese sei insgesamt "wahnsinnig auf die Maxime der Sicherheit aufgebaut". Innerhalb dieser Maxime wollen Eltern alles "richtig" machen und besser kein Risiko eingehen.

Abenteuer-Spielplätze entstanden in den 70er Jahren im Zuge der Industrialisierung und des Wiederaufbaus nach den Weltkriegen. Ziel war es, Kindern einen Spielraum in der Natur zu bieten. Mit der Naturnähe sollte eine Alternative zu den Beserlparks geschaffen werden, erklärt Renate Kraft von der MA 13 (Bildung und Jugend). Heute hat sich die Struktur solcher Abenteuerspielplätze verändert. Standen früher Feuer und die Möglichkeit zum Bauen im Vordergrund, wird heute ein zusätzlicher Fokus auf den Umgang mit der Natur gelegt. Generell sei zu bemerken, dass die Kinder das Angebot von Abenteuer und dazugehörigem Risiko gerne annehmen. Als Alternative zu dezidierten Abenteuerspielplätzen nennt Kraft die Naturparks auf der Donauinsel und in der Lobau. Hier biete die Natur das Abenteuer, ohne großartige zusätzliche Ressourcen zu benötigen. Auch der Wasserspielplatz oder das Tiergut am Cobenzl bieten eine Alternative zu klassisch befestigten Strukturen. "Es braucht auf jeden Fall mehr Freiheit für Kinder, vor allem, damit sie sich entfalten können", sagt Kraft. Auch Michaela Müller-Wenzel, Mediensprecherin der Kinderfreunde Wien sieht heute einen Trend zur Risiko-Distanzierung auf Spielplätzen.

Spielplatz entsteht aus dem Bedürfnis der Kinder heraus

Den letzten Abenteuerspielplatz Wiens gibt es in der Greinergasse im 19. Bezirk. Seit 1966 betreiben die Kinderfreunde Wien den Abenteuerspielplatz Robinson. Zwischen Laubbäumen können Kinder hier auf 7000qm herumtollen. Im "Robbi" spielen die Kinder nicht nur an der frischen Luft, sie lernen gleichzeitig die Natur kennen. Tiergehege, Kräuterspirale, Gemüsebeet, Baumhäuser, zum Teil selbst gebaut. "Der Spielplatz entsteht aus dem Bedürfnis der Kinder. Neue Areale am Spielplatz entstehen durch die Ideen der Kinder und werden mit ihnen umgesetzt. Es gibt eindeutig ein Bedürfnis nach anderen Spielplatz-Strukturen, abseits der Bekannten", sagt Anna Kiffmann, Leiterin des Areals .

Warum der Robinson-Spielplatz in Wien eine Seltenheit darstellt, obwohl sein Angebot so wichtig wäre, erklärt Renate Kraft. "Abenteuerspielplätze benötigen eine große Fläche, aber das alleine reicht nicht. Um spannend zu sein, muss diese Fläche auch viel bieten, man denke an Gefälle und Bäume." Ein zweites Projekt war der Abenteuerspielplatz am Rennbahnweg. 1999 wurden hier auf einem 4000qm Areal Hügel künstlich aufgeschüttet. Man habe aber festgestellt, dass die künstlich geschaffene Fläche nicht mit der natürlichen mithalten könne. Heute wird das Areal als Aktivspielplatz geführt. Er charakterisiert sich durch die Einbindung von Naturelementen und der Möglichkeit, aktiv zu gestalten und zu bauen.

Diese Spielplätze seien aber auch eine Sache der Finanzierung. "Es wäre natürlich spannend, mehr Flächen zu finden, Ökologie sollte besonders in einer Zeit wie heute einen wesentlichen Platz finden." In diesem Punkt stimmt sie mit Michaela Müller-Wenzel überein: "Mehr wäre natürlich wünschenswert, die Kinder wollen mehr, die Eltern wollen mehr, wir wollen mehr."

Denn auch so kann ein Spielplatz aussehen: Hänge zum Runterkugeln, Seile zum Klettern, selbst gebaute Baumhäuser und Tipis und eine Wippe aus einem riesigen Stamm.