Alles, was im Nachkriegsösterreich Rang und Namen hatte, war vor 75 Jahren auf dem Schwarzenbergplatz in Wien versammelt. Wiens Bürgermeister Theodor Körner hielt an 17. August eine flammende Dankesrede in Richtung Sowjetarmee. Mitglieder der provisorischen österreichischen Regierung aus ÖVP, SPÖ und Kommunisten - sie hatten am 18. April ihr Amt angetreten - taten es ihm gleich. Alle Besatzungsmächte waren mit hochrangigen Abordnungen präsent. Die Medien waren begeistert und das Radio berichtete gar live vom großen Ereignis.

Es ging um die Eröffnung des ersten großen öffentlichen Bauwerks im zerbombten Wien: Das Befreiungs-Denkmal zu Ehren der Roten Armee haben Sowjet-Soldaten selbst mit Kriegsgefangenen errichtet. Rund vierhundert Arbeiter waren drei Monate lang damit beschäftigt gewesen.

15 Tonnen Bronze aus Wehrmachtsbeständen und 300 Quadratmeter Marmorplatten wurden für den pompösen Bau eingesetzt. Auf einem 20 Meter hohen Sockel steht seither die Statue eines zwölf Meter großen Rotgardisten, der seinen Schild mit dem Emblem der UdSSR am Boden abgestellt hat. Seine Fahne hält er in Richtung Himmel. In der ganzen Symbolik handelt es sich um ein Friedensdenkmal. "Ewiger Ruhm den Helden der Roten Armee, die im Kampf mit den Deutsch-Faschistischen Eindringlingen für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas gefallen sind", steht in kyrillischen Buchstaben auf dem Denkmal. 18.000 Sowjets haben bei den Kämpfen um die Befreiung Wiens ihr Leben gelassen. Auch einfache Soldaten, wie Ababnow Gennadin Grigorewitsch und Lukowenko Emaljanowitsch sollten nicht vergessen werden. Neben militärischer Prominenz wurden deshalb auch ihre und andere Namen mit goldenen Buchstaben verewigt. Das gesamte Ensemble mit kyrillischer Beschriftung richtet sich in der Konzeption offenbar nicht in erster Linie an die Wiener, sondern dient viel mehr der Roten Armee selbst zum Gedenken an Kriegskameraden. Erst in den 1970er-Jahren wurden deutsche Inschriften und Erklärungen angebracht. Auch bis heute stattfindende Ehrungen und Kranzniederlegungen zu Jahrestagen finden im Kreis von Veteranen oder Staatsrepräsentanten statt. Dennoch scheinen die Wiener, welche wegen vieler überlieferter Gräueltaten Ambivalenzen mit sowjetischen Besatzung verbinden, "ihr Russendankmal" als Symbol der Zeitgeschichte zu mögen. Wobei "Russen" nur ein Teil jener Völkerschaften sind, deren Kämpfer auf Sowjet-Seite zur Befreiung Österreichs ihr Leben einbüßten.

Um 1992 versuchte Jörg-Haiders FPÖ mit H.C. Strache als Bezirks-Repräsentanten, eine Kampagne zur Entfernung des Denkmals. Das scheiterte rasch. In Umfragen wollten fast zwei Drittel der Wiener ihren "Russen" am Schwarzenbergplatz behalten. Außerdem verpflichtet der Staatsvertrag 1955 die Republik, Denkmäler der Roten Armee zu erhalten. In einer Videobotschaft zum 75. Jahrestag der Befreiung Europas hat Russlands Präsident Wladimir Putin Österreich sanft daran erinnert. Für ihn gibt es ja aus FP-Richtung manchmal Kniefälle.

Darauf nahm auch der russische Präsident Wladimir Putin in seiner Videobotschaft an die österreichischen Bürger*innen zum 75. Jahrestag der Befreiung Europas am 8. Mai 2020 Bezug. Darin erinnerte er nicht nur an den Beitrag der Sowjetmenschen zur damaligen Befreiung Europas, sondern betonte ebenso den respektvollen Umgang mit den Gedenkstätten, was deren symbolische Bedeutung auch im postkommunistischen Russland unterstreicht.

Schon vor der Einnahme Wiens plante die Rote Armee die Errichtung eines Denkmals, was dessen hohe ideologische Bedeutung erkennen lässt. Als Standort bot sich der Schwarzenbergplatz aus mehreren Gründen an: Durch seine Länge von 450 Metern gewährt er weitläufige Blickachsen zwischen dem Denkmal und den noblen Gründerzeitbauten im Ringstraßenbereich. Außerdem ergab sich eine Sichtachse zum Reiterdenkmal des Feldmarschall Schwarzenberg, der in Koalition mit dem russischen Zaren erfolgreich gegen Napoleon gekämpft hatte und damit einen passenden Anknüpfungspunkt an die russische Militärgeschichte ermöglichte. Weiters garantierte das Barockpalais Schwarzenberg eine geeignete Kulisse für das Denkmal. Nicht zuletzt ließ sich der im Krieg stillgelegte Hochstrahlbrunnen perfekt in das Ensemble miteinbeziehen, erfreuten sich doch Wasserspiele bei Architekten und Stadtplanern der stalinistischen Zeit großer Beliebtheit.

Der Hochstrahlbrunnen bestand bereits seit 1873 und demonstrierte damals die Leistungsfähigkeit der Ersten Wiener Hochquellenwasserleitung, ein bautechnisch herausforderndes Unternehmen der wachsenden Großstadt Wien. 1905/06 erfolgte der Umbau zum Leuchtbrunnen, der mit seinen buntfarbigen Fontänen dem Ort eine zusätzliche Attraktivität verlieh.

Im Mai 1945 begannen die Bauarbeiten unter der Leitung des sowjetischen Militäringenieurs M. Schenjfeld, ihm zur Seite standen der Architekt S.G. Jakowiew und der Bildhauer M.A. Intisarjan. Bereits im Schützengraben, so erinnerte sich Intisarjan, habe er aus Materialmangel mittels einer Flasche, Brot und Speck Entwürfe des Rotarmisten modelliert. . Die beteiligten Österreicher wunderten sich über die Eile der Sowjets, fehlten ihnen doch klare Vorstellungen um die hohe ideologische Bedeutung des Mahnmals. Als Prestigeobjekt sollte es noch vor dem Einzug der Westalliierten die sowjetische Organisations- und Leistungsfähigkeit demonstrieren, Verbündete wie "Besiegte" beeindrucken.