Wien leuchtet momentan zwar in hellem Corona-Gelb, für die Wiener Tanzschulen hingegen steht die Ampel nun auf Grasgrün. Bis vor Kurzem war nämlich nicht klar, ob die Grund- und Jugendkurse, in denen der Partnerwechsel bisher zum guten Ton gehörte, im Herbst stattfinden können. Das nicht zuletzt deshalb, weil offenbar niemand so genau weiß, welche Vorschriften einzuhalten sind. Nicht einmal die Ministerien sind sich einig, wer für die Tanzschulen eigentlich zuständig ist.

"Wir haben gewartet und gezittert", erzählt Bernhard Wagner von der Tanzschule Prof. Wagner. Erst Ende August erfolgte die Entscheidung durch den Verband der Tanzlehrer Österreichs (VTÖ), Jugendkurse wie gewohnt abzuhalten. Die einzigen Auflagen bisher: verkleinerte Gruppen und größere Abstände zwischen den Paaren. Dass Wien seit Ende letzter Woche farbentechnisch einen anderen Weg einschlägt, ändert vorerst nichts an diesem Entschluss.

Die Tanzschulen zählen zwar grundsätzlich zu den Freizeit- und Tourismusbetrieben, jedoch wurden sie im Zuge der Covid-Verordnungen immer öfter an den Sport gekoppelt. Das sorgt sowohl bei Inhabern als auch in der Politik für Verwirrung. "Mir ist nicht bewusst, dass es eine Auflage gibt, die zu 100 Prozent auf uns passen würde", sagt Karin Lemberger, Besitzerin der Tanzschule Dorner und Präsidentin des Verbands der Wiener Tanzschulen. Auch in den Ministerien herrscht Ratlosigkeit. Auf Anfrage der "Wiener Zeitung" verwies das Gesundheits- aufs Sportministerium. Dort sah man sich allerdings ebenfalls nicht zuständig und leitete ans Wirtschaftsministerium weiter. Dort wiederum sah man die Tanzschulen dann nach reiflicher Überlegung am ehesten beim Sport angesiedelt. Auf Rückfrage im Sportministerium lenkte man ein, dass der Tanzschulbetrieb, zumindest in Bezug auf die Corona-Ampel, wohl zu den Sportarten und Freizeitaktivitäten zähle, bei deren sportartspezifischer Ausübung es zu Körperkontakt komme und dementsprechende Maßnahmen gelten würden.

Bestimmung wie im Sport

Folgt man diesem Gedanken, gelten für Tanzschulen dieselben Bestimmungen wie für andere Sportarten, die in der Lockerungsverordnung Anfang Mai festgelegt wurden. Eine Maskenpflicht ist damit ebenso passé, wie die notwendige Teilung eines gemeinsamen Hygienehaushalts für Tanzpaare, wodurch auch Single- und Jugendkurse wieder möglich werden. Eine Verschärfung der Maßnahmen sieht der Maßnahmenkatalog des Bundesministeriums für den Sport erst wieder bei oranger Ampelschaltung vor. Dann wäre laut Ampel-Website aber ein völliges Verbot von Kontaktsportarten gegeben.

Da der Babyelefant beim Tanzen zwangsläufig zuhause bleiben muss, haben Tanzschulbetreiber ein Covid-Präventionskonzept auszuarbeiten. Genaue Vorgaben dafür gibt es jedoch nicht. Dementsprechend unterschiedlich handhaben die Wiener Tanzschulen ihre Situation. Während die einen ihre Besucher dazu anhalten, im Eingangsbereich weiterhin einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen und auf Visiere für die Tanzlehrer setzen, werden andere mit Einbahn- und Schleusenregelungen kreativ, um dadurch sicherzustellen, dass sich die Teilnehmer der verschiedenen Kurse möglichst nicht begegnen.

Trotz fehlender einheitlicher Vorgaben wird es den für die Grundkurse typischen Partnerwechsel in seiner gewohnten Form dieses Jahr nicht geben; ganz ohne geht es dann aber doch nicht. Um das Risiko einer Infektion möglichst gering zu halten, versucht man gezielt, teilnehmermäßig ohnehin schon reduzierte Kurse in noch kleinere Einheiten zu unterteilen: In der Tanzschule Chris und in der Tanzschule Prof. Wagner werden die Basics zuerst verstärkt einzeln und mit Sicherheitsabstand trainiert, bevor in Kleingruppen der erste Versuch zu zweit geschieht.

Kleinkurs bis Fiebermessung

Bei Yvonne Rueff wird es vorerst überhaupt nur einen Tanzpartner pro Stunde geben. In der Tanzschule Dorner werden Partnerwechsel höchstens in Gruppierungen von drei bis vier Personen durchgeführt und die Traditionstanzschule Elmayer setzt zusätzlich noch auf Temperaturmessungen und Maskenpflicht für die Anwesenden, auch im Tanzsaal. Alle Tanzschulen führen zudem genau Buch, wer wann und mit wem getanzt hat, um im Falle eines Verdachts rasch reagieren zu können.

"Das Schlimmste, was den Wiener Tanzschulen passieren kann, ist, dass eine Ansteckung en masse passiert", erklärt Sandra Stockmayer, Direktorin der Tanzschule Svabek. Aus diesem Grund habe man sich dazu entschlossen, die klassischen Jugendkurse ohne fixen Tanzpartner für das Wintersemester abzusagen. Jugendliche, die bereits einen Partner haben, können aber an den regulären Paarkursen teilnehmen.

Die meisten Jugendkurse starten Ende September, trotz der steigenden Infektionszahlen gibt es schon jetzt viele Anmeldungen. "Man merkt, die Jugendlichen wollen wieder etwas machen", erzählt Rueff. Natürlich gibt es aber auch jene, die sehr gerne kommen würden, aber nicht können, weil sie mit einer Person aus einer Risikogruppe zusammenleben oder selbst zu einer zählen. In diesen Fällen würde man auch explizit von einer Teilnahme abraten. "Wir können alle möglichen hygienischen Vorkehrungen treffen, ausschließen können wir eine Infektion aber natürlich nicht."

Die Erleichterung darüber, dass die Jugendkurse stattfinden können, ist bei den Wiener Tanzschulbesitzern spürbar groß. Nach dem Lockdown im Frühjahr und der schrittweisen Wiedereröffnung im Sommer unter strengsten Auflagen ist die wirtschaftliche und finanzielle Situation der Tanzschulen äußerst angespannt.

Mit den bevorstehenden Grundkursen soll das Geschäft nun wieder ins Rollen gebracht werden. Eine weitere wichtige Einkommensquelle der Tanzschulbetreiber, die Stellung von Jungdamen und Jungherrenkomitees pünktlich zum Start der Wiener Ballsaison, steht jedoch noch zur Debatte. Neben dem Kosten/Nutzen-Faktor spielt aber auch hier die Corona-Ampel eine entscheidende Rolle. "Die Ampelfarbe kann wöchentlich wechseln. Das ist für einen Ballveranstalter ein fast nicht tragbares Risiko", erklärt Rueff. Gemeinsam berieten die großen Veranstalter am Donnerstag in der Hofburg über mögliche Konzepte, um die Wiener Ballsaison doch noch zu retten. Das Ergebnis soll nächste Woche verkündet werden.