Die neunte Ausgabe des Kunst- und Kulturfestivals "Wienwoche - Festival for Art & Activism" feierte am Wochenende ihren Auftakt und beschäftigt sich unter dem Motto "Power and Privilege" mit etablierten, bewussten oder unbewussten Zuschreibungen kultureller und sozialer Macht.

Michaela Moser, Sozialexpertin und Mitarbeiterin der Armutskonferenz, leitete das im Rahmen der "Wienwoche" am Montag realisierte Projekt "Paläste für Alle!". Die "Wiener Zeitung" hat mit ihr über "Housing First", Obdachlosigkeit in Wien gesprochen und warum es so wichtig ist, wie man wohnt.

"Wiener Zeitung": In Ihrem Projekt "Paläste für Alle!" ging es darum, dass unsere Art des Wohnens darüber entscheidet, wer wir in der Gesellschaft sind. Was meinen Sie damit?

Michaela Moser ist Sozialexpertin, Inklusionsforscherin und Mitarbeiterin der Armutskonferenz. Außerdem unterrichtet sie als Professorin am Department Soziales der FH St. Pölten. Luisa Puiu - © Puiu
Michaela Moser ist Sozialexpertin, Inklusionsforscherin und Mitarbeiterin der Armutskonferenz. Außerdem unterrichtet sie als Professorin am Department Soziales der FH St. Pölten. Luisa Puiu - © Puiu

Michaela Moser: Wohnen ist ein Distinktionsmerkmal, daran hängt sich vieles auf. Außerdem leiten sich viele Rechte davon ab: das Wahlrecht, die Eröffnung eines Bankkontos oder die Ausübung einer Erwerbsarbeit. Außerdem werden dadurch Sozialleben und Gesundheit beeinflusst. Wie jemand wohnt, bestimmt extrem stark sein Leben.

Sie sprechen von "Housing First" als vielversprechendem Ansatz in der Wohnungslosenarbeit. Was bedeutet das?

"Housing First" unterstreicht zum einen die spezielle Rolle des Wohnens im Leben. Dabei geht es aber auch darum, dass Menschen einen direkten Zugang bekommen zu einer eigenen, leistbaren Wohnung. "Housing First" bedeutet, dass man nicht einfach nur irgendwo ein Bett hat, wo man übernachten kann, sondern dass Menschen möglichst rasch und möglichst gut einen eigenen Wohnraum haben.

In Wien gab es laut der Statistik Austria im Jahr 2017 insgesamt 21.567 registrierte Wohnungslose. Wie könnte man hier ansetzen?

Wien steht hier vor mehreren Herausforderungen. Einerseits gilt es, das Problem der Wohnungslosigkeit, also Menschen, die zwar bei Bekannten oder Einrichtungen unterkommen können, aber keine eigene Wohnung haben, gut und breit anzugehen. Andererseits muss natürlich auch die Frage der Obdachlosigkeit geklärt werden. Im Sommer gibt es viel weniger Quartiere als im Winter. Heuer war das wegen Corona anders, die Winterquartiere blieben länger offen, trotzdem fehlen derzeit rund 700 Betten.

Im Moment gibt es in Wien 220.000 Gemeindewohnungen und mehr als 200.000 geförderte Wohnungen. Ist das ausreichend?

Das ist gut und das ist viel, aber wie bei allen Dingen, die recht gut funktionieren, gibt es trotzdem Lücken. Für all die tausend Menschen, für die es nicht funktioniert, ist es ein schwacher Trost, dass Wien beim sozialen Wohnbau recht gut ist. Wohnen ist nach wie vor ein Thema, wo große Ungleichheit herrscht. Zu Gemeindewohnungen haben nicht alle Menschen gleichermaßen Zugang. Hier wäre es wichtig, gerechtere Verhältnisse zu schaffen und auch Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft bessere Möglichkeiten zu geben.

Wäre eine Priorisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen bei der Wohnungsvergabe notwendig?

Ja und nein. Natürlich muss man manchmal mit Sorgfalt priorisieren, aber das Wichtigste ist eigentlich, genug geförderten Wohnraum zu schaffen, sodass leistbarer Wohnraum für alle, die diesen brauchen, da ist. Wenn man sich fragt, wen man von denjenigen, die dringend Wohnraum brauchen, bevorzugen soll, dann zeigt das ja schon, dass es einen Missstand gibt.

Es soll also mehr sozialer Wohnbau betrieben werden?

Nicht nur sozialer Wohnbau, es ist auch wichtig, sich zu überlegen, welche neuen Formen und Alternativen es gibt. In letzter Zeit gibt es mehr Eigeninitiative und selbst organisiertes gemeinschaftliches Wohnen. Bei diesen Bauprojekten ist oftmals bereits ein inklusiver Ansatz integriert, die Gruppen sorgen selbst für die soziale Durchmischung. Das könnte man durch Förderungen noch besser unterstützen.