Congratulations, you have regained control over your body!" Dieser Satz belohnt den Spieler, wenn er sich erfolgreich durch alle vier Ebenen von Alessandra Plaza’s Videospiel "Body Invaders" gekämpft hat. Genau das würde die Peruanerin gerne endlich auch in ihrem Heimatland hören. Seit Jahren wird dort Frauen die Möglichkeit zur Abtreibung verwehrt - und zwar auch nach einer Vergewaltigung oder bei unmittelbarer Gefahr für Mutter oder Kind. Bereits zum dritten Mal wurde ein Antrag auf Änderung dieses Gesetzes von einem (großteils männlichen) Gremium abgelehnt. Plaza wollte sich mit diesem herben Rückschlag nicht zufriedengeben. Also beschloss sie kurzerhand, dagegen anzukämpfen, und zwar mit dem Medium, in dem sie zuhause ist - dem Videospiel.

Das von Plaza entwickelte Game "Body Invaders" ist eine Reinterpretation des Klassikers "Space Invaders". Im Gegensatz zur Vorlage müssen Spieler aber nicht mehr Jagd auf Aliens, sondern auf das Patriarchat machen. In vier Levels gilt es, gegen die "Gegner" Kirche, Staat, Gesetzgebung und Medien anzutreten. In klassischer Old-School-Manier müssen auf zweidimensionaler Ebene möglichst viele kleine Kirchenmänner, Zeitungen oder Gesetzeshämmer mit der Laserpistole erwischt werden. Schafft man es beim ersten Versuch nicht gleich, alle Gegner auszuschalten, kommt die aufmunternde Nachricht: "You lost the battle but the fight continues."

Zwischen Stigma und Kriminalisierung

Auf den ersten Blick mag das Spielprinzip vielleicht radikal erscheinen. Die Hintergründe wecken aber Verständnis für die Wut der Entwicklerin. Laut der NGO Promsex zufolge haben 20 Prozent der Peruanerinnen zwischen 18 und 48 Jahren trotz des Verbots schon einmal abgetrieben. Auch die Androhung hoher Geld- und Gefängnisstrafen hält betroffene Frauen nicht ab. Illegale Schwangerschaftsabbrüche werden meist unter schlechtesten hygienischen Zuständen durchgeführt und stellen eine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit der betroffenen Frauen dar.

Die Auswirkungen der strengen Regelungen wurden 2007 an einem besonders drastischen Fall deutlich. Eine 13-Jährige war infolge einer Vergewaltigung schwanger geworden. Nach einem Selbstmordversuch wurde ihr die nötige medizinische Versorgung verwehrt, weil diese den Fötus hätte beeinträchtigen können. Erst nach einer Fehlgeburt wurde das Mädchen operiert und ist seitdem von der Schulter abwärts gelähmt. Die Gesetzeslage hat sich seitdem nicht geändert.

Obwohl die Regelungen zu Abtreibung in Europa tendenziell "lockerer" sind als in Peru, erkennt Plaza ähnliche Problematiken. Die Tatsache, dass Schwangerschaftsabbrüche in Österreich zwar straffrei, aber immer noch mit einem verpflichtenden vorherigen Beratungsgespräch verbunden sind, sieht die Spielentwicklerin als problematisch und freiheitsberaubend. Das Stigma, dass Frauen "zu dumm" seien, um zu verhüten, gehöre abgeschafft. Es bräuchte viel mehr Bewusstsein dafür, dass Verhütungsmittel auch versagen können, meint sie.

Auch das in Deutschland geltende Werbeverbot für Abtreibungen stellt für Alessandra Plaza eine Form der Diskriminierung dar, weil es Frauen vor allem daran hindere, sich zu informieren. Plaza war es vor allem wichtig, anhand von "Body Invaders" aufzuzeigen, wie Kapitalismus, Kolonialismus, weißes Überlegenheitsdenken und Heteronormativität zusammenspielen. Es sei nicht möglich, sich als Individuum von den Ketten des Patriarchats zu befreien, ohne das gesamte System zu entlarven und anzuprangern, sagt sie. Durch das simple Spielformat sollen die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bereichen so gut wie möglich heruntergebrochen und einem möglichst breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

Aufklärung, Unterhaltung und Performance

Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Arbeiten sei Gaming nämlich ein Medium, das deutlich mehr Menschen und vor allem auch Kinder erreiche, meint Plaza. Das Videospiel ist zwar das Herzstück der interaktiven Performance "Body Invaders", vor allem lebt diese aber von der Interaktion der Besucherinnen. Neben dem Zocken stehen nämlich die Information und der Austausch unter den Besuchern im Vordergrund. Am eigens eingerichteten Infostand kann man sich mit den Veranstalterinnen über die dort präsentierten Inhalte unterhalten und mithilfe von QR-Codes Internetseiten aufrufen, die zu themenverwandten Artikeln führen. Darunter ist auch eine Studie, die die Unterrepräsentation und stereotype Darstellung von Frauen in Videospielen behandelt.

Außerdem gibt es Download-Links für andere Games, die sich mit gesellschaftskritischen Themen beschäftigen. In einem davon tritt der Spieler etwa in die Rolle einer schwarzen Frau, die andere davon abhalten muss, ihre Haare anzufassen. Ein anderes Spiel ist wiederum in der Kultur der nordamerikanischen Ureinwohner angesiedelt und thematisiert Waldbrände und die Ölindustrie.

Ganz nach dem heurigen "Wienwoche"-Motto - "Power and Privilege" - werden also bei "Body Invaders" alle möglichen Formen der Diskriminierung thematisiert. So beinhaltet das von Aktivistin Anisha Müller präsentierte DJ-Set zu einem Großteil Lieder marginalisierter Künstler aus Reggae und Dancehall. Gerade in diesen Musikgenres hätten Frauen und queere Menschen nämlich meist nur einen Platz hinter den Kulissen.

Auch die Songtexte würden oft vor Sexismus und Xenophobie nur so sprühen, sagt Anisha Müller. Daher sei es vor allem wichtig, Ausnahmekünstlern eine Plattform zu bieten und deren Musik zu verbreiten. Neben all der wichtigen Information bleibt auf diese Weise sogar noch Raum, diese Interpreten zu zelebrieren. Natürlich ganz Corona-konform - mit Maske und Abstand. Denn mit gutem Gewissem tanzt es sich sowieso viel besser.