Es ist 12 Uhr Mittag, die Sonne scheint warm und hell vom Himmel - ein strahlend sonniger Septembertag, wie er im Buche steht. Trotz Corona-Pandemie befinden sich zahlreiche Menschen auf den Gehwegen, sie schlendern, drängeln und laufen.

- © WZ-Illustration: it
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Phillip S. ist Geschäftsmann, das merkt man an seinem Auftreten. In Anzug und Krawatte, mit Kopfhörern, den ganz neuen, kabellosen Modellen in den Ohren, eilt er die Landstraßer Hauptstraße hinunter, um sich rasch etwas zu essen zu besorgen. Für ihn ist die Situation mit Corona mühsam, die Grenzsperren schränken ihn ein. Er ist im Handel tätig und müsste reisen - kann aber nicht. Was er sich wünscht, sind klare Vorgaben der Regierung, dann könne man sich zumindest danach richten, sagt er.

Ähnlich sieht das Gerwin G., der gerade in einen Bus Richtung Wien Mitte steigen möchte. Er wählt seine Worte mit Bedacht, man merkt, dass er seine Sätze zuerst im Kopf ausprobiert, bevor er sie laut ausspricht. Er erwartet von der Bundesregierung mehr Transparenz bei den Maßnahmen und eindeutige Ansagen nach dem "Wenn-dann"-Prinzip. Eine solche Entwicklung sei schließlich vorauszusehen gewesen, meint er. Nach sieben Monaten voller Zurückhaltung und Vorsicht würden die Menschen nun wieder unachtsamer werden. Er glaubt, dass sich die Situation vor allem für die Wirtschaft in den nächsten Monaten noch rapide verschlechtern wird. Mehr Arbeitslose und viele Konkurse - "da kommt noch viel mehr auf uns zu, das können wir uns im Moment noch gar nicht vorstellen".

Eine glatte Sechs

Franz F. geht am Campus des Alten AKH spazieren, zu einem dunkelblauen Sakko trägt er eine passende Schirmmütze. Als er spricht, wirkt er resigniert. Eine derart katastrophale Politik hätte er schon lange nicht mehr erlebt, genauer gesagt nicht mehr seit dem Zweiten Weltkrieg. "Gäbe es fünf Noten, würde ich eine Sechs geben", seufzt er. Dass sich durch die Wien-Wahl etwas am Krisenmanagement ändern könnte, glaubt er nicht. "Einer so schlimm wie der andere", gibt er zu verstehen.

Anders sieht das Hans-Peter W., er hat Kopfhörer auf und einen Rucksack auf dem Rücken. Die Bundesregierung habe grundsätzlich gut gehandelt, meint er, bloß die Lockerungen seien zu früh gekommen. Die Grenzen hätte man ruhig noch bis Jahresende geschlossen halten können, immerhin hätten wir es in Österreich auch sehr schön. Dass die Fallzahlen im Moment wieder steigen, sei aber bei einer Millionenstadt wie Wien vorhersehbar gewesen. Er hat keine Angst vor dem Virus, unterschätzen dürfte man es natürlich trotzdem nicht. Immerhin berge es vor allem für die Risikogruppen eine sehr reale Gefahr.

Zu einer dieser Risikogruppen gehört die Pensionistin Gertraud R.. Sie steht bei einer Straßenbahnhaltestelle auf der Währinger Straße im 9. Bezirk und vertreibt sich die Wartezeit mit Flanieren entlang der Schaufenster. Gertraud R. ist herzkrank und leidet an der Lungenkrankheit COPD. Gemeinsam mit ihrem fortgeschrittenen Alter ergibt das die denkbar schlechteste Kombination für eine Covid-19-Infektion. Dessen ist sich die Pensionistin auch bewusst, sie hat daher ihre Maske immer bei der Hand. Maskenverweigerer, die sie in der Straßenbahn oder im Bus trifft, weist sie resolut zurecht, die Reaktionen sind nicht immer freundlich.

Maskenlose Mitmenschen

"Das Netteste, was ich jemals gehört habe, war: "Sei leise, du alter Trampel, schleich di.‘" Sie lächelt. "Und was glauben Sie, hab’ ich darauf geantwortet? Ich hab’ zu ihm gesagt, Sie können gerne krepieren, aber die anderen Menschen um Sie herum, sollen bitte leben." Gertraud R. ist nicht der Meinung, dass es klarere Vorgaben der Regierung bräuchte. Sie hofft, dass die Leute ihren gesunden Menschenverstand nutzen und sich der Situation angepasst verhalten. Sie fährt nicht mehr auf Urlaub und verzichtet seit März auf Essengehen in Restaurants. Für dieses Jahr hat sie sich auch kein Opern- und Theaterabo mehr gekauft. Dass die Masken nur bis zum Platz getragen werden müssen, findet sie widersinnig. Als die Straßenbahn kommt, verabschiedet sie sich höflich, setzt ihre blaue Stoffmaske auf und steigt ein.

Larissa R. ist Jus-Studentin und gerade am Weg in die Bibliothek, um zu lernen. Auf die Frage, ob sie Angst hat, lächelt sie und zeigt dabei ihre strahlend weißen Zähne. Ja, die steigenden Zahlen, die machen ihr Angst. Sie geht viel zu Fuß, ihre Freunde trifft sie selten und wenn doch, dann umarmen sie sich nicht. Das kleine Desinfektionsmittelfläschchen in ihrer Handtasche ist ihr ständiger Begleiter. Als sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, lacht sie: "Grad eben hab ich mir noch die Hände desinfiziert, sonst würde ich mich nicht trauen, mir ins Gesicht zu fassen."

Ein wenig weiter beim Schottentor steht Alisha B., die Haare hat sie in einen Dutt gefasst, beim Reden gestikuliert sie mit den Händen. Sie beginnt im Oktober das Studium der internationalen Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität und die Situation empfindet sie im Moment als äußerst kompliziert. Weil die Fallzahlen wieder ansteigen, passt sie noch besser auf als zuvor, die Maske findet sie gut. Maskenverweigerer spricht sie jedoch nicht darauf an, weil sie negative Reaktionen fürchtet.

Mit Fakten gegen Gerüchte

An die Politik hat Alisha B. eine klare Bitte: Diese soll die Menschen beruhigen, ihnen Fakten liefern und Verschwörungstheorien aufklären. Davon gibt es nämlich viel zu viele, sagt sie.

Alexander K. glaubt nicht direkt an eine dieser Theorien, skeptisch ist er aber schon. "Das ist alles reine Panikmache. Wenn’s den Coronavirus wirklich gibt, dann hab‘ ich ihn schon gehabt.", behauptet er. Alexander K. wohnt im 10. Bezirk, Simmering ist aber "sein Ghetto". Hier ist er aufgewachsen, hier fühlt er sich wohl. Während er redet, wirkt er hibbelig, er zieht an seiner Zigarette und kommt beim Reden zu nah heran.

Wenige Meter weiter wartet Nadiah S. auf der Simmeringer Hauptstraße vor einer Apotheke auf ihre Mutter. Immer wieder streichelt sie während des Gesprächs gedankenverloren über ihren Bauch, so als müsste sie das noch ungeborene Kind darin beschützen. Sie fürchtet sich vor einer Infektion, vor allem wegen ihrer Schwangerschaft und weil ihre Mutter aufgrund ihres hohen Alters zu der Risikogruppe gehört. Mit den Maßnahmen ist sie zufrieden, die Regierung unternehme sehr viel, um die Bevölkerung zu schützen. Der Rest hänge jetzt aber vor allem von uns ab. Gerade bei jüngeren Leuten unter dreißig hat sie aber die Befürchtung, dass diese die Situation nicht ernst genug nehmen.

"Pass auf dich auf!"

Am Eck vor der U-Bahn-Station steht Arf T. mit seinem Hund vor einer Bäckerei. Er lebt seit 2001 in Österreich, ursprünglich kommt er jedoch aus Afghanistan. Sein Deutsch ist gut, wenn auch etwas gebrochen. Er hat keine Angst. "Angst bringt nichts, Angst ist nur schlecht", erklärt er. Jeder Mensch muss selber auf sich aufpassen. Stolz zeigt er seine Maske im Tarnmuster, die er am Ellbogen trägt. Für ihn ist das Einhalten des Ein-Meter-Abstands eine der wichtigsten Maßnahmen, um sich vor einer Infektion zu schützen.

"Pass auf dich auf", sagt er bei der Verabschiedung. Das gilt wohl derzeit für alle.