Der bisher durchgängige Mehrzweckstreifen für den Radverkehr endet nun vor und beginnt wieder nach dem Kreisverkehr. - © Foto: Dworzak
Der bisher durchgängige Mehrzweckstreifen für den Radverkehr endet nun vor und beginnt wieder nach dem Kreisverkehr. - © Foto: Dworzak

Große Ziele setzen sich die Wiener Regierungsparteien bei der Zurückdrängung des Autoverkehrs. 80 Prozent aller Wege sollen künftig mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder dem Rad zurückgelegt werden, so die SPÖ in ihrem Programm für die Wahl am 11. Oktober. Der grüne Koalitionspartner wünscht sich gar 85 Prozent. Im vergangenen Jahr wurde noch für ein Viertel der Strecken das Auto genommen.

Dann kam die Corona-Pandemie. Auf sie geben zwei potenzielle Koalitionspartner der höchstwahrscheinlich erstplatzierten SPÖ ganz unterschiedliche Mobilitätsantworten: Für die ÖVP, sie steht in Umfragen auf Rang zwei, hat der motorisierte Individualverkehr "gerade in der Corona-Krise seine Berechtigung gezeigt". Die drittplatzierten Grünen betonen hingegen den Umstieg vieler auf das Rad, sie wollen daher mehr Platz schaffen.

Auf Bezirksebene finden aber auch das grüne Währing und das schwarze Döbling punktuell in der Verkehrspolitik zusammen. Im Bereich von Gymnasium- und der Hasenauerstraße, wo die Grenze zwischen 18. und 19. Bezirk verläuft, wurde im Sommer die bisherige Kreuzung in T-Form zu einem Kreisverkehr umgestaltet. Kostenpunkt: 475.000 Euro.

Ungeteilte Zustimmung herrscht allerdings nicht. Ausgerechnet für die grüne Kernklientel der Radfahrer könnte das Bauprojekt am Rande des noblen Cottage-Viertels Ärgernisse bergen. "Es gibt zwei Möglichkeiten, den Radverkehr sicher zu führen: Im Mischverkehr mit Autos bei geringen Verkehrsmengen und Geschwindigkeiten. Oder baulich getrennt bei höherem Aufkommen. Bei dieser Kreuzung ist beides nicht der Fall, auch nach Umgestaltung", kritisiert Ulrich Leth, Verkehrswissenschafler an der TU Wien, den Umbau.

Der durchgängige Mehrzweckstreifen entfällt

Der bisher durchgängige Mehrzweckstreifen - hierbei wird ein Teil der Fahrbahn für den Radverkehr markiert, sie darf von Lkw und Bussen mitbenutzt werden - auf Hasenauer- wie auch Gymnasiumstraße entfällt. Die Markierungen des Mehrzweckstreifens enden nun vor dem Kreisverkehr und beginnen danach wieder. "Der Radverkehr wird vor der Kreuzung in den Mischverkehr mit den Autofahrern geschickt", erklärt Leth. "Eine markierte - und damit rechtlich bindende - Führung des Radverkehrs im Kreisverkehr wäre aufgrund der Spurführung und Schleppkurve der den Kreisverkehr durchfahrenden Linienbusse nicht zielführend", entgegnet die MA 46 (Verkehrsorganisation und technische Verkehrsangelegenheiten); sie prüft, ob Planungen der Verkehrssicherheit entsprechen. Die Magistratsabteilung betont, dass das Befahren im Fließverkehr jederzeit möglich sei.

Die Kreuzung vor dem Umbau in diesem Sommer. - © Screenshot Google Maps
Die Kreuzung vor dem Umbau in diesem Sommer. - © Screenshot Google Maps

Da auch Busse der Linien 35A und 40A den Kreisverkehr passieren, ist die Fahrbahn breit genug, damit Pkw und Radler gleichzeitig in den Kreisverkehr einfahren. "Was aber, wenn der Autofahrer gleich bei der nächsten Gelegenheit den Kreisverkehr verlassen möchte und der rechts neben ihm Radelnde weiter im Kreisverkehr bleiben möchte?", skizziert Ulrich Leth eine mögliche Gefahr.

Diese Kritik an einem Eingriff im Grundnetz, der zweitwichtigsten von drei Ebenen im Wiener Hauptradverkehrsnetz, will Währings Bezirksvorsteherin Silvia Nossek nicht stehenlassen. "Ich halte das Problem in der Praxis für konstruiert", entgegnet sie. "Ich fahre selbst dort und habe derartiges noch nicht erlebt." Der gesamte Weg sei für Radler nun rechtsbündig, es gebe keinen Bedarf mehr für einen Spurwechsel, betont die Grün-Politikerin. Denn zuvor mussten Radfahrer, die von der Hasenauerstraße nach links in die Gymnasiumstraße abbiegen wollten oder auch von der Gymnasiumstraße nach links in die Hasenauerstraße, vom Mehrzweckstreifen am rechten Rand über die Autospur nach links wechseln. Dass dieser Gefahrenherd entfällt, merkt auch Roland Romano vom Verein Radlobby positiv an. Ansonsten sieht er jedoch "kaum Verbesserungen" für Radfahrer.

"Dort fahren viele nicht gerne mit dem Rad, weil Autofahrer oft zu schnell unterwegs sind", berichtet Romano. Auf der langgezogenen Gymnasiumstraße - von Pkw-Lenkern häufig als Gürtel-Ausweichroute genutzt - herrscht im Währinger Bereich Tempo 30. Auf der Döblinger Seite sind es 50 km/h. Wer stadteinwärts fuhr, bremste bisher nach der Kreuzung zur Hasenauerstraße ab - oder stieg stadtauswärts aufs Gaspedal.

Nun unterbindet der Kreisverkehr zwar das "unerwünschte Beschleunigen des motorisierten Verkehrs noch in der Tempo-30-Zone vor dem Übergang zu Tempo 50", wie Iris Wrana von der MA 46 schreibt. Wer möchte, kann aber danach unverändert Gas geben. Der Föderalismus auf Bezirksebene macht’s möglich. An der Temporegelung wollte ihr Amtskollege Daniel Resch (ÖVP) nicht rütteln, erzählt Nossek. Döblings Bezirksvorsteher Resch ließ die Interviewanfrage der "Wiener Zeitung" unbeantwortet.

Im Währinger Bereich der Gymnasiumstraße herrscht Tempo 30. Auf der Döblinger Seite sind es 50 km/h. Daran wollte Döblings Bezirksvorsteher Daniel Resch (ÖVP) nichts ändern, sagt seine Währinger Amtskollegin Silvia Nossek (Grüne). - © Foto: Dworzak
Im Währinger Bereich der Gymnasiumstraße herrscht Tempo 30. Auf der Döblinger Seite sind es 50 km/h. Daran wollte Döblings Bezirksvorsteher Daniel Resch (ÖVP) nichts ändern, sagt seine Währinger Amtskollegin Silvia Nossek (Grüne). - © Foto: Dworzak

Bezirkswunsch, insbesondere Währings, war die Lösung in Form eines Kreisverkehrs. Weil die Bezirke für die Kosten im sogenannten untergeordneten Gemeindestraßennetz aufkommen, zu dem Gymnasium- und Hasenauerstraße zählen, geben sie die Leitlinien eines Umbaus vor. Mit der Entwurfsplanung wurde die MA 28 (Straßenverwaltung und Straßenbau) betraut. Sie setzte das Projekt auf, unter Einbeziehung anderer relevanter Magistratsabteilungen, erläutert Matthias Holzmüller von der MA 28. Zu den weiteren Zwischenschritten zähle die Besprechung in der Fachkommission Verkehr, zu der auch externe Vertreter wie Verkehrsclubs gehören. Letztlich gebe der Finanzausschuss der involvierten Bezirke das Einverständnis für ein Projekt, dann werde ausgeschrieben und umgebaut.

Wenige Fußgänger als große Profiteure

Oberstes Ziel des Umbaus sei Holzmüller zufolge gewesen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen und die Unübersichtlichkeit an der Kreuzung abzubauen. Auch der in der Station stehende Bus könne nicht mehr überholt werden. Mithilfe der "Ohrwaschln", also der Gehsteigvorziehungen, und einer Mittelinsel wurde der Kreuzungsweg für Fußgänger deutlich verkürzt. Sie sind die großen Profiteure des Umbaus - dabei ist die Frequenz so gering, dass laut MA 46 Querungsmöglichkeiten an nur zwei der drei Kreuzungsarme ausreichen. "Auch wenn es dort nicht viele sind: Die, die gehen, müssen gehen", sagt Bezirksvorsteherin Nossek über die locker bebaute Villengegend.

Für die Bezirke könnte sich der Kreisverkehr finanziell als Glücksfall erweisen. Gewöhnlicherweise teilen sich Währing und Döbling die Umbaukosten zu je 50 Prozent. Die Stadt Wien sagte bereits Gelder aus einem Fördertopf für Prävention für Unfallschwerpunkte zu. Laut Bezirksvorsteherin Nossek ist der genaue Betrag offen, womöglich wird alles gefördert. Bleibt zu hoffen, dass sich der Kreisverkehr für Radler nicht zum Unfallschwerpunkt entwickelt. "Wir werden den Kreisverkehr weiter beobachten", kündigt die Radlobby an.