Was es am Wiener Heumarkt jeden Sommer seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Turnierform live zu sehen gab, mag später als müder Fernsehabklatsch "Wrestling" auf irgendwelchen Sendern eine schlechte Wiederauferstehung gefeiert haben. Am Heumarkt regierten nämlich noch echte Herren ihrer Zunft. Der "Weltverband der Berufsringer" trat hier jährlich zu echten Handgreiflichkeiten in Form des "Freistilringens" an. Ob unter dem Titel WM, Europameisterschaften oder sonstigen hochtrabende Turnierbezeichnungen. Sie hatten in den 60er- und 70er-Jahren alle eines gemeinsam: Sieger war immer der Turnier-Organisator, Publikumsliebling und Lokalmatador Georg Blemenschütz.

Der "Schurl" musste noch mit über siebzig in das Geviert des Ringes. Das Freistilringen mit bis zu 15.000 Zuschauern pro Abend war wirklich populär, Es ist wohl kein Zufall, dass diese Heumarkt-Veranstaltung bis heute zu den meisten Aufrufen auf der Website des "Hauses der Geschichte" geführt haben. Manche Zuschauer saßen sogar auf den Dächern in der Umgebung. Kleine und große Buben bastelten komplizierte Spiegelkonstruktionen, um über die Absperrungen Richtung Ring lugen zu können.

Höhepunkt war immer das Teammatch. Da traten zwei Ringer im Duett gegen ein anderes Paar an. Eine Lieblingspaarung des Publikums war Blemenschütz gemeinsam mit dem Ungarn Michael Nador. Das schuf Reminiszenzen an die gute alte österreichisch-ungarische Monarchie.

Aber auch ein angeblicher Tscheche mit dem Namen Franz Orlicek war ein gern gesehener Blemenschütz-Compagnon. Der Prager war ein Spezialist in der Kunst des sogenannten "Ohrenreiberls", das er wie kein Zweiter beherrschte. Unter dem Gejohle des Publikums nahm er den Kopf von Gegnern zwischen seine Waden und rieb sie fest mit seinen Unterschenkeln auf und ab. Das Art der Ohrenmassage galt in besten Heumarktzeiten als allergrößte Demütigung von Gegnern. Die Aufforderung an Schurl & Co.: "Mach eahm a Ohrenreiberl", und deren Erfüllung gehörte zur Erwartungshaltung und größten Lusterfüllung des p. t. Publikums am Gelände des Wiener Eislauf-Vereins. Nicht nur männliche Zuseher, sondern auch hunderte Damen verloren dabei reihenweise ihre Facon.

Opfer der "Ohrenreiberl" wurden meistens die bösen Protagonisten unter den Freistilringern. Die waren meistens nicht aus den ehemaligen Kronländern, sondern zählten zu den Gegnern Österreichs im Ersten Weltkrieg, wie Italiener oder etwa der kahlköpfige Franzose Martinson. Der Bösewicht war im wahren Leben kein Franzmann, sondern ein ganz liebenswürdiger, homosexueller Bulgare, der im homophoben Wien der 1950er als goldbehängte und überparfürmierte Tunte mit Partner im nahegelegenen Gasthaus "Gmoa-Keller" ein ruhiges Beisammensein pflegen wollte. Das war jenes Lokal "ums Eck", wo auch der Schurl Blemenschütz Stücke seiner geliebten Biedermeier-Bildersammlung unterzustellen oder zu verkaufen pflegte.

Als es der im Ring zum Greis gewordene Blemenschütz kaum mehr in den Ring schaffte, war es mit dem Freisteilringer-Boom bald vorbei. Er verstarb 1990 und hat in Wien ein Ehrengrab.

Davor versuchte in den 80er-Jahren noch "Big Otto" Wanz, "Weltmeister im Telefonbuchzerreißen", mit seiner Truppe in Blemenschütz’ Fußstapfen zu treten. Die Zeit des Ringens am Heumarkt war aber 1998 vorbei.