In ihren Büchern schreibt die Schweizer Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm gegen Optimierungsdruck, Leistungswahn und den "Mama-Mythos" an. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" spricht sie darüber, wie belastend der Lockdown für Familien vor allem in beengten Stadtwohnungen war, wie Frauen durch die Corona-Krise verstärkt in den privaten Raum gedrängt werden und weshalb die "intensive Mama" sich selbst und ihren Kindern schadet.

"Wiener Zeitung": Sie fordern die Eltern zu mehr Gelassenheit auf. Aber wie kann das gelingen, wenn man Home Office, Home Schooling und Haushalt unter einen Hut bringen muss?

Margrit Stamm: Ich habe mein Buch vor Ausbruch des Coronavirus geschrieben. Das ist eine unglaubliche Überforderung für alle, insbesondere für Familien mit kleinen Kindern. Wir dachten der Lockdown sei eine einmalige Erfahrung, aber nun sind wir mitten in der zweiten Welle.

- © Annick Ramp
© Annick Ramp

Welche Auswirkungen hatte der Lockdown vom Frühjahr auf Familien?

Die Forschung zeigt, dass benachteiligte Kinder, die in beengten Wohnverhältnissen leben, keinen Computer und keine Unterstützung der Eltern haben, längerfristig weniger profitieren als Kinder, die mehr Platz haben und auf die Hilfe der Eltern zählen können. Man kann mit Sicherheit sagen: Der Gap zwischen den Schichten wird weiter aufgehen. Das Wichtigste ist, dass es nicht zu einem zweiten Lockdown kommt, das wäre für benachteiligte Familien verheerend.

In Wien müssen Kinder ab sechs Jahren im Schulgebäude Maske tragen...

...wirklich? In der Schweiz erst ab zwölf Jahren. Für ältere Kinder ist Masketragen kein Problem, sie haben bereits die kognitive Fähigkeit zu abstrahieren, dass es sich um eine Maske handelt und der Mensch dahinter immer gleich bleibt. Ein sechsjähriges Kind kann das noch nicht. Ich finde es problematisch, dass Kinder in dem Alter schon Maske tragen müssen. Ältere Kinder haben andere Probleme: dass sie nicht ausgehen dürfen, dass es keine Partys gibt...

Man könnte einwenden: Partymachen ist kein Grundbedürfnis, aber Jugendliche sehen das vermutlich anders.

Selbstfindung und Abgrenzung ist für die Entwicklung junger Menschen sehr wichtig und sie müssen dafür andere Menschen treffen. Andererseits sind Jugendliche viel widerstandsfähiger als wir denken. Wir sehen auch, dass psychologische Probleme zugenommen haben, können das aber nicht direkt mit dem Corona-Virus in Zusammenhang bringen, weil es noch keine entsprechenden Untersuchungen gibt.

Was hat die Pandemie in Bezug auf Betreuungspflichten gezeigt?

In Paarbeziehungen haben sich soziale Ungleichheiten ganz klar gezeigt. Vor allem gut gebildete Mütter leisteten täglich vier Stunden pro Tag mehr für Betreuung ihrer Kinder als ihre Partner. Man kann natürlich sagen: Die Mütter haben das alles mitgemacht, haben sich einspannen lassen. Aber oft haben sie sich einspannen lassen müssen.

Wieso lassen Frauen das mit sich machen?

Diese Frage habe ich im Zuge unserer Studie (die vor Corona erschienen ist, Anm.) auch gestellt. Das Mutterbild stammt noch aus den 1980er-Jahren, die Ansprüche an Mütter sind aber gestiegen. Frauen haben heute viele Freiheiten: Sie können Hausfrau und Mutter sein oder Vollzeit arbeiten, können ein Kind mit oder ohne Mann bekommen ... egal welches Modell sie wählen: Eine Mutter muss immer beweisen, dass ihre Kinder an erster Stelle stehen. Wenn Freizeit-Papas am Freitagnachmittag den Kinderwagen eine Runde lang schieben, sind sie Helden. Natürlich nicht immer, aber die Tendenz ist, dass sie schneller gelobt werden. Die Ansprüche an Mütter sind viel höher, und Frauen haben internalisiert, dass sie Top-Mutter sein müssen, egal was sie sonst noch leisten.

Sie schreiben, Mütter seien die am stärksten beobachtete und kritisierte Gruppe unserer Gesellschaft. Wie zeigt sich das?

Die Überwachungsmechanismen funktionieren überall: In der Straßenbahn oder im Bus werden Mütter oft angesprochen. Man fragt sie etwa: "Bekommt das Kind denn Luft, wenn sie es so eng an der Brust tragen?" Das führt dazu, dass sich Mütter dauernd selbst beobachten. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches, welches das Mama-Ideal verstärkt.

Das Mama-Ideal, das Sie beschreiben, ist doch ein krasser Widerspruch zur emanzipierten Frau, wie kann das sein?

Ein Grund ist die Doktrin des Neoliberalismus, wonach die Selbstverantwortung des Menschen ganz oben steht. Das Individuum ist frei, jeder ist für seinen Erfolg selbst verantwortlich, und Mütter eben auch für den Erfolg ihrer Kinder. Der zweite Grund ist die Bindungsforschung, die derzeit ein Revival erlebt. Als die Frauen verstärkt in den Arbeitsmarkt drängten, hat die Bindungsforschung begonnen, die Mutter-Kind-Bindung als die wichtigste für das Kind zu bezeichnen, wichtiger als die Vater-Beziehung, und Fachinstitutionen, Familienberatung, Kinderärzte, Gynäkologen haben das übernommen.

Sie nehmen also Experten in die Pflicht?

Unbedingt. Diese müssen aufpassen, was sie sagen und oft sind das ganz subtile Bemerkungen, wie: "Das andere Kind kann schon viel länger gehen. Ihr Kind kann das noch nicht." Das führt sofort dazu, dass sich die Mutter fragt: "Was habe ich falsch gemacht?"

Ihrem Buch schreiben Sie von Müttern, die ihr Kind immer in den Mittelpunkt stellen und diesem damit schaden. Was ist so problematisch an der intensiven Mutter?

Manche Mütter verschmelzen mit ihren Kindern. Das ist nicht neu, aber in den (neuen) Medien wird die "intensive Mama" oft hochgelobt. Influencerinnen schreiben Dinge wie: "Ich wusste nicht, dass ich so intensive Gefühle haben kann, ich bin immer glücklich ..." - als hätten die Kinder all ihre Probleme gelöst. Was nie diskutiert wird: Diese Intensivität führt zu einer Symbiose zwischen Mutter und Kind. Das muss man zügeln. Das Ziel ist ja, dass das Kind lebenstüchtig und widerstandsfähig wird, und ohne Eltern ins Leben gehen und in sozialen Gruppen agieren kann. Dafür müssen Kinder spüren, dass sie sich entfernen und selbständig werden dürfen, das ist sehr wichtig für die Entwicklung. Auch für die Frau ist intensive Mutterschaft belastend: sie ist dann nur noch Mama und keine eigenständige Person mehr. Und wenn die Mütter den Partner kaum noch beachten, oder nur noch als Juniorpartner, schadet das der Partnerschaft.

Die Wissenschaft bezeichnet das als "Maternal Gatekeeping": Die Mutter ist Chefin in Erziehungsfragen, der Partner hat die Rolle des Assistenten, dem Aufgaben zugeteilt werden.

Das Phänomen der Dominanz der Mutter in der Familie ist in den USA gut erforscht. Viele Mütter sind überzeugt, sie hätten eine angeborene Fürsorglichkeit, die viel besser sei als jene der Männer. Aber das stimmt nicht. Fast alle Mütter sagen mir, dass sie das kennen, und auch ich kenne das: Meine Kinder sind heute erwachsen, aber als sie klein waren, habe ich studiert und mein Mann war zu Hause. Anfangs habe ich für ihn Listen gemacht und am Abend festgestellt, dass er alles ganz anders gemacht hat - und es hat trotzdem funktioniert. Heute streben wir meist egalitäre Beziehungen an, und deshalb müssen Frauen bereit sein, Aufgaben den Männern zu überlassen und ihnen nicht dreinzureden. In Studien zeigt sich ein anderes Bild: wenn Paare zusammenziehen, ist die Partnerschaften egalitär, aber sobald das erste Kind kommt, kommt es zu einer Traditionalisierung. 80 Prozent der Paare entscheiden gemeinsam, dass die Mutter zu Hause bei den Kindern bleibt, wie unsere Studien zeigen.

Weil die Frau meist weniger verdient. Ist nicht ein Armutszeugnis für Jahrzehnte der Gleichstellungspolitik?

Ja, das ist ein Rückschritt. Man sieht das am Beispiel der Berufsfelder Design und Biologie: Das waren Männerdomänen, und sobald Frauen in diese drängten, sind die Gehälter gesunken. Umgekehrt ist es so, wenn Männer in Frauenberufe drängen, zum Beispiel Lehrer oder Krankenpfleger werden wollen, dann kommen die Rufe nach Lohnerhöhung.

Wie lautet Ihre Prognose für die Folgen der Pandemie für Frauen?

Es zeichnet sich ab, dass Frauen die Verliererinnen der Krise sind. Man kann erwarten, dass Kündigungen und Konkurse zunehmen und vor allem Frauen den Arbeitsmarkt verlassen oder in Kurzarbeit gehen. Frauen werden dadurch wieder stärker in den privaten Raum gedrängt.

Welche Lehren sollte die Politik aus einem halben Jahr Pandemie ziehen?

Im ersten Lockdown wurden Familien zu wenig beachtet, man hat angenommen, dass diese sich selbst erhalten können und resilient sind. Jetzt merken wir, dass Psychologen viel mehr zu tun haben. In der Politik ist hoffentlich angekommen, dass die Konzentration auf die Kernfamilie kein Ausweg ist, und dass Kindergärten und Schulen nicht schließen dürfen. Ganz wichtig ist auch, dass Psychologen in der Corona-Task Force sind.