Es ist, als wäre man auf Kohlen gesessen. Als hätte man es nicht erwarten können, den Schlüssel umzudrehen und dichtzumachen. Im Dianabad in der Leopoldstadt ist Badeschluss. Ende des Monats sperrt es endgültig zu. Zum frühestmöglichen Zeitpunkt.

Denn der Neubau des privaten Hallenbades zwischen Salztor- und Marienbrücke wurde am 4. Oktober 2000 feierlich eröffnet. Bürgermeister Michael Häupl, Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll und Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad waren da. Die Stadt Wien förderte den Bau mit 200 Millionen Schilling - rund 14,5 Millionen Euro. Die Bedingung - das Bad muss den Wienerinnen und Wienern mindesten 20 Jahre lang offenstehen. Fast auf den Tag genau 20 Jahre später sperrt es nun zu. Vereinbarung erfüllt.

Doch warum die Eile? Was haben die Eigentümer - die Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien und Uniqa - mit dem Haus vor? Luxus-Appartments? Coworking-Space? Einkaufszentrum? Spa? "Einstweilen nichts", heißt es auf Anfrage der Wiener Zeitung knapp. "Es ist noch nicht klar, was mit der Immobilie passiert", sagt die Pressesprecherin der Raiffeisen Michaela Haber. Nur Bad wird sie keines mehr. "Wir haben uns für eine Schließung entschieden." Die Gründe dafür, will sie nicht nennen.

Natürlich geht es ums Geld. Aus unternehmerischer Sicht ist es sinnvoll, das Bad zu schließen. Auch wenn die Eintrittspreise des Dianabades jene der städtischen Bäder um ein Vielfaches übertreffen, werfen Hallenbäder kaum Gewinn ab. Aus gesellschaftlicher Sicht wird das Bad jedoch fehlen. Auch die Raiffeisen weiß das. 2016 wurde mit der Stadt Wien über eine Fortführung des Betriebs gesprochen. Die Stadt zeigte kein Interesse. Das Büro des Stadtrats für Bildung, Integration und Jugend, Jürgen Czernohorszky (SPÖ), bestätigt, dass weder Kauf noch Miete des Bades je ernsthaft in Frage kamen. "Das Dianabad passt nicht in unser Bäderkonzept", heißt es. Aufgrund der Maße des Beckens sind Schulschwimmkurse hier nicht möglich. Sanierung und Instandhaltung wären außerdem zu teuer. Insgesamt 20 Millionen Euro muss die Stadt pro Jahr für ihre Hallenbäder zuschießen - Stadthallenbad exklusive.

Bäderstrategie 2030

Doch die Lücke, die die Schließung des Dianabades reißt, ist groß. Die Hallenbad-Infrastruktur Wiens wuchs in den vergangenen Jahrzehnten nicht mit der Bevölkerung mit. Ganz im Gegenteil, sie schrumpfte. Momentan betreibt die Stadt Wien fünf Hallenbäder und sieben Kombibäder mit Außen- und Innenbereich für 1,9 Millionen Bürger. Die sogenannte "Bäderstrategie 2030" soll das Defizit richten. Die Stadt Wien präsentierte sie im Frühjahr. Bestehende Bäder wie das Höpflerbad in Liesing, das Laaerbergbad in Favoriten, das Simmeringer Bad und das Großfeldsiedlungsbad in Floridsdorf bekommen neue Schwimmhallen. Die Donaustadt, der am stärksten wachsende Bezirk, sogar eine komplett neues Hallenbad. Nach einem geeigneten Standort werde bereits gesucht. Ziel ist es, das Gros der Projekte bis 2030 abzuschließen. 100 Millionen Euro will die Stadt investieren.

Das Dianabad bekommt kein Stück vom Kuchen. Dabei wird es in naher Zukunft in den kalten Tagen besonders für Kinder eng in den Becken der Stadt. Denn das Dianabad ist vor allem für Familien attraktiv. Und das Angebot ist knapp. Ähnlich kleinkindertauglich ist nur die - erheblich teurere - Therme Wien. Im Stadtzentrum gibt es kein vergleichbares Kinderhallenbad. "Master Blaster" - eine 125 Meter lange Reifenrutsche -, Piratenschiff, Wellenbecken, ein seichter, überschaubarer Pool. Ideale Bedingungen für die ersten Plantsch- und Schwimmversuche.

Tausende Babys schluckten hier bereits Chlorwasser. Tausende Kinder machten hier ihre ersten Tempi. Das Unternehmen "Seepferdchen" bietet seit 14 Jahren Schwimmkurse für Kinder im Alter von sechs Wochen bis fünf Jahren an. "Um die 500 Kinder pro Woche unterrichten wir im Dianabad", sagt die Geschäftsführerin Dorit Arndt. "Wir tragen nicht unerheblich dazu bei, den Wienerinnen und Wienern schwimmen zu lernen." Damit ist nun Schluss. Ausweich-Becken haben die Seepferdchen keines. Neun Mitarbeiterinnen muss Arndt mit Ende Oktober entlassen. "Es ist schade um das Bad. Es ist schade für uns. Es ist schade für die Kinder."

Ein Stück Kulturgeschichte

Es ist schade für ein Stück Wiener Kulturgeschichte. Immerhin ist das Dianabad 210 Jahre alt. 1810 wurde es - einen Steinwurf vom heutigen Standort entfernt - an der Oberen Donaustraße eröffnet. Nach französischem Vorbild suhlten sich die Wienerinnen und Wiener - natürlich nach Geschlechtern getrennt - in Zinkwannen voll heißem Donaukanalwasser. 30 Jahre später wurde monumental ausgebaut. Die erste überdachte Schwimmhalle Europas überspannte ein Becken von 36 Metern Länge und 13 Metern Breite. Selbst für heutige Verhältnisse ist das beachtlich. Der Bau war aber auch in kultureller Weise ein Experiment. Denn die bürgerliche Gesellschaft, der das Bad vorbehalten war, traf sich nun erstmals in Badehose und Beinkleid. Poltische Debatten am Beckenrad statt in Kaffeehaus und Salon.

Doch trotz zahlungskräftigem Publikum war ein Betrieb im Winter kaum rentabel. Um Heizkosten zu sparen, wurde die Halle im Spätherbst zum Konzert- und Ballsaal umfunktioniert. Rauschende Feste wurden im "Dianasaal" gefeiert. Carl Ziehrer und Johann Strauß Sohn lockten die Wiener in Scharen. Der Walzer "An der schönen blauen Donau" wurde ausgerechnet in einem Hallenbad uraufgeführt. Die Doppelnutzung als Schwimmhalle, Konzert- und Ballsaal war im 19. Jahrhundert ein Wiener Spezifikum. Weil es an Konzertstätten mangelte, wurden neben dem Dianabad auch das Sophienbad als Konzertstätte genutzt.

Viermal aufgebaut

Anfang der 1910er-Jahre war es vorbei mit den Festen. Mitten im Ersten Weltkrieg eröffnete das Dianabad neu. Und das gleich doppelt - für Männer und Frauen. Anders als die aufkommenden günstigen städtischen Bäder des Roten Wien, verfolgte das Dianabad keine hygienischen und gesundheitlichen Motive. Das Bad blieb weiter dem Bürgertum treu, verfügte über Hotel und Restaurant. Ein Bombeneinschlag im Zweiten Weltkrieg beschädigte es schwer, 1967 wurde es abgerissen.

1974 wurde es zum dritten Mal aufgebaut. Diesmal am heutigen Standort in der Lilienbrunngasse. Die Stadt kaufte das Grundstück und baute ein Stadthallenbad mit mehreren Becken und Saunen, Frisör, Kosmetikstudio. Nach einem Brand in den 1990er-Jahren musste auch dieses Bad schließen. Als von Raiffeisen und Uniqa privat betriebenes Erlebnisbad sperrte es im Oktober 2000 wieder auf. Mit zahlungskräftiger Unterstützung der Stadt.

20 Jahre später will es keiner mehr haben. Weder die Stadt Wien noch die Raiffeisen reißen sich um das Bad. Ganz im Gegenteil. Es konnte gar nicht schnell genug zusperren.