Yoga, Tai Chi oder Crossfit: Dass sich seit Freitag nur noch sechs Personen drinnen aufhalten dürfen - eine weitere Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus -, trifft die Fitnessbranche hart. "Wirtschaftliche Rentabilität ist unter diesen Umständen ausgeschlossen", so schreiben die Yoga Union und der Berufsverband der Yogalehrenden. Für sie ist es laut einer Aussendung "nicht nachvollziehbar, weshalb vermeintlich wirtschaftlich lukrativere Branchen wie der Handel durchaus mehr als sechs Personen in ihren Geschäftsräumen begrüßen dürfen".

200 Yogastudios und 2.500 Yogalehrende in Wien

In Wien gibt es knapp 200 Yogastudios, die meisten von ihnen kämpfen derzeit um ihr wirtschaftliches Überleben. Ob sie auch noch den Verlust durch kleinere Gruppen verkraften werden, ist fraglich. In Wien mussten, wie auch in Linz und Graz, nach dem Lockdown bereits einzelne Yogastudios zusperren, wie Astrid Wiesmayr, Obfrau der Yoga Union, gegenüber der "Wiener Zeitung" bestätigt. Ob der neuen Rahmenbedingungen seien Personalkosten sowie Mieten zwischen 2.000 und 6.000 Euro nicht zu stemmen, wie sie sagt. Betroffen sind laut Wiesmayr österreichweit 6.000 Yogalehrende, mehr als ein Drittel davon unterrichtet in Wien.

Im Büro von Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke will man zur Sechs-Personen-Regel vorerst keine Stellung nehmen, nur so viel: "Wir unterstützen jede Maßnahme, die zur Eindämmung des Coronavirus sinnvoll ist. Der Kampf gegen die Pandemie steht jetzt im Vordergrund."

Für Marc Tretter, Betriebsleiter eines Crossfit-Studios im 2. Bezirk, war 2020 ein hartes Jahr. Der Lockdown habe seinen Betrieb mehr als ein Jahr zurückgeworfen, und das ständige Adaptieren auf neue Regelungen sei anstrengend: "Zuerst waren fünfzehn Teilnehmer pro Gruppe erlaubt, dann zehn, jetzt nur noch sechs. Das im System anzupassen ist nicht nur ein Klick, sondern mit tagelanger Arbeit verbunden."

Dabei hat Tretter durchaus Verständnis für Maßnahmen zur Eindämmung des Virus: "Es ist klar, dass Regeln gesetzt werden müssen, aber die aktuellen Regeln sind zu allgemein. Anders als große Fitnessstudios stehen bei uns kaum Geräte herum, also haben wir bei der selben Fläche viel mehr Platz zur Verfügung und können besser Abstand halten."

Aus dem Büro des Gesundheitsstadtrates Peter Hacker heißt es, man habe sich im Vorfeld gegen absolute Zahlen ausgesprochen und hätte bevorzugt, die Regeln auf Menschenanzahl und Raumgröße anzupassen. Aber da es sich um eine bundesweite Verordnung handelt, sei in Wien keine lockerere Handhabe möglich. Die Bundeshauptstadt hat lediglich die Möglichkeit, strenger zu sein als der Bund, und das will man hier auf keinen Fall.

Die Wiener Volkshochschulen (VHS), die in diesem Semester 3.500 Gesundheits- und Bewegungskurse in der Stadt anbieten, sind von der neuen Regelung ebenfalls nicht begeistert. Die VHS-Kurse werden oft in großen Räumen wie Turnhallen abgehalten, deshalb können Gruppen geteilt werden, auch auf den 1,5-Meter-Mindestabstand zwischen den Teilnehmern wird genau geachtet. "Auch unsere Gesundheits- und Bewegungskurse sind derzeit auf sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschränkt. Aktuell verhandeln wir gerade mit dem Ministerium, dass in Kursen, bei denen man sich nicht vom zugewiesenen Platz wegbewegt, wieder zehn Personen gemeinsam üben dürfen", sagt Herbert Schweiger, Geschäftsführer der Wiener Volkshochschulen.

Verhandlungen für 10-Personen-Gruppen laufen

Dies wäre etwa bei Yoga- und Pilateskursen der Fall. Die laufenden Gespräche mit dem Gesundheitsministerium werden gemeinsam mit dem Verband Österreichischer Volkshochschulen und der Berufsvereinigung der ArbeitgeberInnen privater Bildungseinrichtungen (BABE) geführt. Mit einer solchen 10-Personen-Regelung könnten vermutlich auch Yogastudios, die oft nur kleine Räume zur Verfügung haben, aufatmen.

Für den Tai-Chi-Lehrer Markus Tanzer wäre eine solche Anpassung wohl ebenfalls eine Erleichterung. Er erzählt, sein Job habe sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stark verändert: "Es ist die doppelte Arbeit bei weniger Geld. Ich habe heuer schon 3.000 bis 4.000 Euro verloren, mindestens." Er nimmt es aber mit fernöstlicher Gelassenheit: "Ich habe mich damit arrangiert." Der Ein-Personen-Unternehmer, der sich vor rund drei Jahren selbständig gemacht hat, freut sich über treue Schüler, die auf Privatunterricht umgestiegen sind, und über großzügige Vermieter, die ihm einen Teil der Miete erlassen.

Doch auch Tanzer bezeichnet die neuen Regelungen zur Eindämmung des Virus als "absurd": "Während im Wirtshaus nach der Konsumation von Alkohol der Abstand ganz automatisch nicht eingehalten wird und sich illustre Runden lautstark unterhalten und dabei Aerosole absondern, dürfen wir nichts für unsere Gesundheit tun, obwohl Tai Chi sehr gut fürs Immunsystem ist." Wie bei Yoga wird bei Tai Chi durch die Nase ein- und ausgeatmet. Doch egal ob Spinning, Yoga oder Aerobic: Die Regeln gelten für alle Kurse. Feststeht: Wenn es darum geht, einen zweiten Lockdown abzuwenden, sind kleinere Gruppengrößen wohl das geringere Übel. "Oft werden wir von Mitgliedern gefragt, ob das Studio den zweiten Lockdown überleben würden. Wir wissen es nicht", sagt Fitnesstrainerin Eva Kleist, die für eine Fitnesskette arbeitet, bis Ende Mai in Kurzarbeit war und ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Weitere Corona-Hilfen sind geplant

Noch mussten in Wien keine Fitnessstudios schließen, sagt Markus Grießler, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeit der Wirtschaftskammer Wien, aber: "Es ist eine dramatische Situation für die gesamte Branche, es herrscht große Verunsicherung." Studios bekamen bis zu 70 Prozent ihrer Fixkosten rückerstattet, derzeit verhandelt Österreich mit der EU über neue Corona-Hilfen. Der erste Vorschlag des Finanzministeriums, wonach Betriebe bis zu 100 Prozent ihrer Fixkosten zurückerstattet bekommen sollten, wurde von Brüssel abgewiesen.

Ob in Kleingruppen oder alleine: Es ist ratsam, Yoga, Tai Chi, Crossfit oder andere Sportarten weiterhin zu betreiben, denn das stärkt nicht nur den Körper, sondern - und das ist in Pandemie-Zeiten vermutlich noch wichtiger - auch die Psyche.