Ein warmer Herbstnachmittag liegt über Wien. Tausende Krähen ziehen wie dunkle Schatten über den Himmel im Prater. Am Ufer des Unteren Heustadlwassers steht eine Kindergruppe und beobachtet einige darauf schwimmende Enten. Begleitet werden die Kinder von einigen Ökopädagoginnen, die ihnen unter Einhaltung eines Abstands gespannt zuhören und Fragen beantworten. Eine der Pädagoginnen ist Klara Kolker, selbst Mutter von zwei Kindern und Mitarbeiterin von Frohnatur, einem Verein, der jungen Menschen die Schönheiten der Natur näherbringen will.

"Schau mal, dort schwimmt ein kleiner Fisch", ruft der achtjährige Martin plötzlich aufgeregt. An der Wasseroberfläche sind nur mehr einige Wellen zu sehen. Seine Mitschüler laufen zu ihm. Ihre Augen wandern über die Stelle, doch sie entdecken keinen. Die Gruppe wandert nach einiger Zeit wieder weiter - den alten Wasserarm der Donau entlang; bleibt ab und zu stehen; beobachtet einige Schwäne.

Spielerisch entdecken

Die Kinder sollen das Leben wieder "in Echtzeit" erleben. - © Verein Frohnatur
Die Kinder sollen das Leben wieder "in Echtzeit" erleben. - © Verein Frohnatur

"Die meisten Workshops besuchen Kinder aus der Pflichtschule", erklärt Klara Kolker von Frohnatur, die diesen Workshop auch organisiert hat. "Aber wir sind auch mit Kindergartenkindern oder Erwachsenen in den Auen rund um Wien unterwegs."

An öffentlich gut erreichbaren Orten treffen sie sich. Oft holen sie Kinder wie Lehrer auch von einer Schule ab. Klara Kolker: "Bei mehr als 25 Kindern sind wir zu dritt, damit wir auch in kleineren Gruppen arbeiten und auf jedes Kind besonders eingehen können." Spielerisch mit ihnen die Natur entdecken und das Verständnis dafür wecken - das sei ihr wichtig, so die Ökopädagogin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Sie sollen dabei auch "verborgene Schätze" heben, die ihnen sonst vielleicht verborgen bleiben.

Wachsendes Interesse

Seit mehr als 25 Jahren steige das Bedürfnis, die Natur in all ihren Facetten und Besonderheiten zu erleben, sagt Peter Zellmann vom Institut für Freizeitforschung. "Grüne Vereine" wie etwa Frohnatur seien für ihn daher keine Zeiterscheinung. Diese gab es immer schon, räumt der Wissenschafter ein.

Dass viel Potenzial für solche Vereine vorhanden ist, bezweifelt er jedoch. Denn zwischen dem, was Menschen in ihrer Freizeit tatsächlich machen und was sie sich wünschen, liege oft ein großer Unterschied. Peter Zellmann vermisse weiterhin eine "Mehrheitstauglichkeit" bestimmter naturnaher Aktivitäten. Für ihn bestimme heute die Digitalisierung die Freizeitgewohnheiten der Jungen. Diese gehe aber auf "zeitliche" Kosten der Offline-Aktivitäten, beobachtet der Wissenschafter.

Nicht nur im Frühling oder Sommer sind die Ökopädagoginnen von Frohnatur mit Kindern unterwegs - auch im Herbst oder im Winter. Denn die Vielfalt der Natur zeige sich nicht nur in der wärmeren Jahreszeit, ist Klara Kolker überzeugt. Im Jahr 2018 riefen einige aus ihrem Umfeld auch ein Programm für jene Menschen ins Leben, die eine berufliche Auszeit brauchen und abschalten wollen. In speziellen Workshops sollen sie Besonderheiten der Natur mit anderen Teilnehmern entdecken und genießen - wenn möglich ohne Handy, wie Klara Kolker betont. "Sie erfahren dabei etwa auch, wie sie aus der Natur Kraft schöpfen können."

Leben in Echtzeit erleben

Doch nicht nur dieser Verein entdeckt Kinder und Jugendliche als neue Zielgruppe für sich - auch der Österreichische Alpenverein (ÖAV), der vor allem in den Bundesländern stark ist. "Wir wollen junge Menschen bewusst nach draußen bringen", erklärt dessen Jugendsekretär Matthias Pramstaller und nennt "Tage draußen" als Begriff für vieles, was im Leben von Kindern und Jugendlichen wichtig ist.

Sie sollen von Handy, Tablet und Computer eine Auszeit nehmen, Leben in Echtzeit, im Hier und Jetzt erleben, wünscht er sich. Kinder und Jugendliche sollen für die Natur begeistert werden - begleitet von erfahrenen, ehrenamtlichen Jugend- oder Familiengruppenleitern. Matthias Pramstaller: "Wir wollen ihnen damit nicht-strukturierte Zeit ermöglichen - also Räume öffnen, in denen Kinder selbst tätig sein können, sich erproben und Verantwortung übernehmen können."

Das komme bei vielen gut an. Für ihn sei das Programm der Alpenvereinsjugend ein "guter Kontrast" zum Leben drinnen. "Jugendliche brauchen eine passende Einladung, um viel Zeit in der Natur zu verbringen." Mehr als 160.000 der etwa 600.000 Mitglieder des Alpenvereins sind unter 30 Jahre alt und werden daher auch zur Jugend gezählt.

Mit Didaktik und Empathie

"In der Grünen Pädagogik gehen wir auch davon aus, dass Naturerlebnisse und umweltpflegerische Einstellungen positiv korrelieren", sagt Angela Forstner-Ebhart vom Institut für Didaktik, Schulentwicklung und Grüne Pädagogik an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien-Hietzing. Sie sehe darin ein didaktisches Konzept, das Nachhaltigkeit und nachhaltiges Lernen in den Mittelpunkt rückt. An der Hochschule erhalten Pädagogen "eine didaktische Leitlinie" sowie "pädagogisches Know-how", um nachhaltige Themen aufzuarbeiten, so Angela Forstner-Ebhart. "Diese versuchen wir mit dem Konzept der Grünen Pädagogik zu bieten." Ja, deren Bedeutung werde in den nächsten Jahren noch weiter steigen, ist sie überzeugt.

"Ich bin mit den Prinzipien der Grünen Pädagogik nicht im Detail vertraut", gibt Matthias Pramstaller von der Alpenvereinsjugend zu. "Aber auch in unseren Angeboten zählt die Mensch-Natur-Beziehung und das Lernen miteinander."

Wichtig sei es für ihn, dass Kinder sowie Jugendliche das Erlebte reflektieren und eine "empathische Beziehung zur Natur und zu den Mitmenschen" eingehen. Darin sehe er die Grundlage für ein zukunftstaugliches Handeln. Angesprochen auf die aktuelle Corona-Situation und die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie findet er, dass Kinder- und Jugendorganisationen attraktive Freizeitangebote unter Einhaltung der Hygienevorgaben setzen sollten. "Die Krise darf nicht auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen ausgetragen werden", findet Pramstaller.

Es dämmert bereits. Langsam neigt sich der Nachmittag dem Ende zu. Die Kindergruppe wandert zur nächsten Straßenbahnstation. Am Schluss macht Klara Kolker immer eine gemeinsame Feedbackrunde, um von den Kindern zu erfahren, wie ihnen der Nachmittag gefallen hat und wie viel sie vom Ausflug mit nach Hause nehmen. Ökopädagogin Klara Kolker strahlt. "Ja, für mich ist das der schönste Moment des Tages."