Terrorismus bedeutet Angst und Schrecken. Im Falle der jüngsten Anschläge in Europa bringt er auch eine große Frage mit sich: Lässt sich eine Gesellschaft durch die Angriffe einer Handvoll Terroristen spalten?

"Die Wirkung solcher Anschläge hängt davon ab, wie man auf sie reagiert", erklärt Daniela Pisoiu. Da seien schon die ersten Momente entscheidend, so die Terrorismusexpertin vom Österreichischen Institut für Internationale Politik. "In Wien ist das ganz gut gelaufen. Man hat getrauert, aber man hat auch gesagt: Wir stehen zusammen. Es hat von Anfang an geheißen: Wir sind wir, wir sind Wien und diese Person, das sind nicht wir."

"Wir lassen uns nicht spalten und halten weiter zusammen", sagte Bürgermeister Michael Ludwig am Dienstag nach dem Terroranschlag. "Obwohl der Schmerz derzeit sehr tief sitzt, lassen wir uns nicht von unserem demokratischen Weg und unserem Miteinander abbringen."

Diese Reaktion sei genau das, was die Terrororganisation nicht möchte, erklärt Pisoiu. Denn die Strategie des IS in Westeuropa sei es, die Gesellschaft zu spalten. Das sagt nicht nur die Expertin, das sagt auch der IS selbst. Nach den Attentaten auf die Redaktion der französischen Satirezeitung "Charlie Hebdo" erklärt der IS, damit "die Welt weiter gespalten zu haben" und durch die Polarisierung in der Gesellschaft die Koexistenz zwischen den Religionen erschwert zu haben.

IS versucht, Regierungen zu Überreaktion zu provozieren

Ziel der Anschläge sind also eigentlich jene Muslime, die ihren Glauben nicht als beiläufiges Hobby sehen, sich aber gleichzeitig als Österreicher in einer religiös vielfältigen Gesellschaft begreifen. Letztlich will der IS Muslime weltweit in eine Situation treiben, in der sie nur noch zwei Möglichkeiten haben: Ihrem Glauben abzuschwören oder irgendwohin auszuwandern, wo sie geschützt sind vor islamistischen Angriffen einerseits und der Diskriminierung als Muslime andererseits.

"Wenn man Regierungen durch solche Anschläge provoziert und dazu bringt, überzureagieren und Teile der Bevölkerung - insbesondere Muslime - zu stigmatisieren, dann bekommen die Terroristen ihr Narrativ bestätigt, dass Muslime überall auf der Welt unterdrückt werden", führt Pisoiu aus. "Gewinnen kann man, indem man dieses Spiel nicht spielt." Das ist aber natürlich nicht so leicht, wenn man permanenten - auch nicht-physischen - Attacken ausgesetzt ist.

"In den vergangenen Wochen waren Menschen sehr präsent, die gegen Meinungsfreiheit, Europa und unsere Werte gehetzt haben. Diese geistigen Brandstifter müssen als solche anerkannt und nicht auch noch zu Partnern gemacht werden", sagt der deutsch-israelische Psychologe und Islamismusexperte Ahmad Mansour. "Wir müssen Demokratisierungsoffensiven an Schulen betreiben und Jugendlichen, die bei uns leben, erklären, was es eigentlich bedeutet, in einer säkularen Gesellschaft zu leben. Wir müssen sie für unsere Werte gewinnen und nicht an Islamisten verlieren", erklärt der Gründer der Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention.

Auch Pisoiu empfiehlt die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und die Beobachtung einschlägiger Internetforen. Dazu sollte auch die muslimische Gemeinschaft miteinbezogen werden, und die steht in Österreich bereit.

"Wir wünschen uns, dass an uns herangetreten wird", sagt Nadim Mazarweh, Leiter der Extremismusprävention der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich. "Wir haben eine Expertise und einen Einblick, den vielleicht nicht jeder so mitbringen kann." Die Glaubensgemeinschaft habe Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen, die sie als gefährlich erachtet. "Es gibt da ein bestimmtes Profil und ein bestimmtes Schema. Wenn wir das erkennen, können wir die Jugendlichen abfangen, bevor sie in eine negative Richtung gehen. Wir können ihnen Alternativen bieten und die Möglichkeit, Teil der Gesellschaft zu sein. Wir können ihnen anbieten, eine Identität als österreichischer Muslim zu entwickeln, die positiv ist und nicht zerstörerisch und hasserfüllt."

Islamistische Schemata zu erkennen, ist etwas, das Ahmad Mansour gerne flächendeckend sähe: "Wir brauchen eine Sensibilisierung zum Thema Islamismus. Jeder Sozialarbeiter und jeder Lehrer sollte in der Lage sein, ihn zu erkennen."

Nichts zu machen, ist jedenfalls für keinen der Experten eine Option. Auch einem härteren Vorgehen gegen Islamisten kann Mazarweh etwas abgewinnen: "Es ist sicherlich auch notwendig, eine klare sicherheitspolitische Kante zu fahren und zu zeigen, dass der Rechtsstaat wehrhaft ist." Aber das abzuwägen, sei ohnedies Sache der Sicherheitskräfte.

Dass sich ein zu starkes Vorgehen sich negativ auf Unschuldige auswirken könnte, glaubt Mansour nicht. "Wenn man professionell arbeitet, kommt es sehr selten zu solchen Fällen. Wenn ich jemanden beobachte, der zu bestimmten Strukturen gehört, dann kann ich keine Rücksicht darauf nehmen, ob ich seine Gefühle verletze. Bei einer Verkehrskontrolle werden auch Menschen kontrolliert, die gesetzeskonform gefahren sind. Solange es nicht zu einem Generalverdacht kommt und in der Lage sind ihre Unschuld zu beweisen, sehe ich da keine Probleme."

Vor einem zu harten Vorgehen warnt wiederum Pisoiu. Dann besteht die Gefahr, das Kind mit dem Bad auszuschütten. "Wenn von Bürgerkrieg gesprochen wird, wenn sich ein Minister darüber echauffiert, dass man ausländisches Essen im Supermarkt kaufen kann, dann ist es das, was die Terrororganisation möchte."

"Wir werden als Wiener und Muslime angegriffen"

Denn nach Terroranschlägen haben es Muslime an sich schon schwer genug, erklärt Nadim Mazarweh: "Es ist wahrscheinlich unvorstellbar, wenn man nicht selber betroffen ist. Egal, wo wir auf der Welt von Gewalt hören, hoffen wir, dass es keine Islamisten waren. Denn wir wissen natürlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die das instrumentalisieren, um auch von der anderen Seite Gräben aufzureißen." Derart schnappt die, vom Islamismus geschaffene, Zwickmühle zu. "Wir sind Bürgerinnen und Bürger Österreichs und werden doppelt angegriffen, als Wienerinnen und Wiener einerseits und als Muslime andererseits. Darüber hinaus müssen wir natürlich zeigen, dass es sich nicht um einen Konflikt zwischen der muslimischen und der Mehrheitsbevölkerung handelt, sondern, dass eine kleine Gemeinschaft von verdorbenen und verirrten Extremisten hier Unfrieden stiften will und wir uns gemeinsam dagegen stellen müssen."