Es ist ruhig im Bermudadreieck. Selbst das Wuseln der Journalisten, die nach den Attentaten in Scharen angereist sind, ist kaum hörbar. Wien ist die stille Alternative zu anderen Schauplätzen terroristischer Gewalt. Kein überbordendes Blumenmeer, keine zigtausende Menschen fassenden Massen, die Solidarität, Trauer und Zorn bekunden. Ein paar Grablichter flackern am Mittwoch vor jedem der Lokale, in denen der Wahnsinnige gewütet hat, dazu ein paar Blumen. Kurz nach der Öffnung des Tatorts für die Öffentlichkeit steht hier das Einzelne für das Ganze.

"Es ist schwer. Ich kann es nicht in Worte fassen", sagt eine Mutter, die gemeinsam mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann je eine weiße Rose an jenem Platz niederlegt, an dem bereits die geeinte österreichische Staatsführung am Dienstag drei Kränze hinterlassen hat.

Unbegreifliche Tat

"Warum?", fragt ein Mann vor einem Lokal, an dessen Eingang mehrere neongelbe Kreise von der Spurensicherung eingezeichnet wurden. Neben Trauer herrscht vor allem Verständnislosigkeit bei den Menschen, die hier vorbeigehen, wo am Montagabend vier Menschen tödlich getroffen wurden: Ein 39-jähriger Österreicher sowie eine 44-jährige Österreicherin, ein 21-jähriger Mazedonier und eine 24-jährige Deutsche, die Kellnerin in einem der Lokale am Ruprechtsplatz war, die der Terrorist für sich als Ziel auserkoren hat.

13 weitere Opfer erlitten Schussverletzungen. Dazu zählten die Behörden weitere 23 Verletzte im Alter von 21 bis 43 Jahren. Der Großteil sind Österreicher, aber auch Staatsbürger aus Deutschland, der Slowakei, Luxemburg, Afghanistan, Bosnien und Herzegowina befinden sich unter ihnen.

"Ich bin zutiefst erschüttert", sagt Michael. Er geht im Bermudadreieck von Gedenkort zu Gedenkort, legt eine Grabeskerze nieder und hält kurz inne. "Ich bin 800 Meter von hier aufgewachsen", erklärt er. Auch ihm ist unbegreiflich, wie ein Mensch so etwas tun kann. "So jemand gehört nicht auf diese Welt", sagt er. "Das ist nicht der Islam", führt er noch aus und erklärt auf Nachfrage, dass er vor Jahren konvertiert sei.

"Nein, ich habe keines der Opfer gekannt", sagt Maria vor einem der Lokale mit Tränen in den Augen. "Es ist einfach nur furchtbar", schluchzt sie und legt ebenfalls eine Rose zu der kleinen Ansammlung von Grablichtern.

Die angrenzenden Straßen sind leergefegt. Es sind jene, auf denen man nicht alle fünf Meter auf Polizeimarkierungen in Neongelb auf dem Boden stößt. Sie bilden einen unsichtbaren Schutzpuffer zum Ort des Grauens und der Trauer. Auch jenseits davon, am Fleischmarkt und am Bauernmarkt, ist das Leben ruhig - ruhiger als sonst. Dafür sorgen allein schon die Lockdown-Maßnahmen. Doch irgendwie normalisiert sich dort das Leben allmählich. So wie sich auch in den Krankenhäusern die Lage der Opfer stabilisiert.

Drei Opfer auf Intensivstation

Elf Menschen müssen nach dem Anschlag noch stationär behandelt werden. Drei befinden sich auf der Intensivstation, sind aber stabil. Die Verletzungen, die sie davon getragen haben, sind, wie man es erwarten würde: Schussverletzungen und Verletzungen durch Querschläger - also von anderswo abgeprallten Kugeln oder Verletzungen durch Splitter zerschossener Objekte. Hinzu kommen Fluchtverletzungen wie Stürze und natürlich die seelischen Verletzungen der Opfer. Um zu wissen, dass nicht nur sie in der Seele getroffen wurden, sondern ganz Wien, dafür braucht man keine aufgewühlten Massen zu sehen und auch keine Blumen- und Lichtermeere. Es reicht, die stille Trauer und Betroffenheit im Bermudadreieck zu sehen.