Basteln, Singen, Kuchenbacken: Vor fast zwei Wochen hat Jana Beer per SMS erfahren, dass jemand in der Kindergartengruppe ihrer Tochter positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Ob es sich dabei um ein anderes Kind oder eine Betreuerin gehandelt hat, hat Beer (Name geändert, Anm.) aus Gründen des Datenschutzes nicht erfahren. Jedenfalls tut sie seither ihr Bestes, um ihre 2,5-jährige Tochter zuhause bei Laune zu halten. "Es ist öd. Zwei Wochen lang keine anderen Kinder treffen zu dürfen ist für Kinder in diesem Alter sehr hart", erzählt die Sozialpädagogin, die früher selbst in einem Kindergarten gearbeitet hat. Dennoch zeigt die 33-Jährige Verständnis für die Situation und war während der zehntägigen Quarantäne nur ein einziges Mal an der frischen Luft, um sich mit ihrer Tochter, die keinerlei Symptome hatte, bei einem Waldspaziergang die Füße vertreten.

Nur 80 Prozent Auslastung

"Eines der Kinder ist eigentlich ständig K1- oder K2-Kontakt und zu Hause", erzählt auch ein junger Vater von drei Kindergartenkindern. Doch zu Hause bleiben in der Pandemie nicht nur Kinder, die sich in Heimquarantäne befinden, weil sie als K1-Kontakt gelten, also Kontakt zu einer Corona-positiven Person hatten. Derzeit sind nur 80 Prozent der Kinder, die in einem städtischen Kindergarten angemeldet sind, auch tatsächlich im Kindergarten anwesend, wie eine Sprecherin der MA10 der "Wiener Zeitung" bestätigt hat.

Am 20. März, am Freitag nach dem ersten Lockdown, war es sogar weniger als ein Prozent. Im Mai, als die Geschäfte wieder aufgesperrt haben, waren 19 Prozent, im Juni 52 Prozent im Kindergarten. In privaten Einrichtungen, die zwei Drittel der Wiener Kindergärten ausmachen, dürfte die Situation ähnlich sein. Dabei waren die Kindergärten zu keinem Zeitpunkt offiziell geschlossen - allerdings wurde von Politikern heuer mehrmals betont, dass man sein Kind, wenn es geht, zu Hause lassen soll, zuletzt vergangene Woche nach dem Terrorangriff. Die Eltern kamen auch dieser Empfehlung nach, am Dienstag nach dem Angriff waren nur 20 Prozent der Kinder im städtischen Kindergarten. Bereits einen Tag später lag die Zahl wieder bei rund 80 Prozent.

Was der Aufruf im Frühjahr mit jenem nach dem Terrorangriff gemeinsam haben ist, dass jeweils an das Angst- und Pflichtgefühl der Eltern appelliert wurde. Und das mit Erfolg. Nicht nur die Zahlen, sondern auch Berichte von Elementarpädagogen legen nahe, dass manche Eltern ihre Kinder zu Hause lassen, weil sie Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus haben. Dabei ist es inzwischen wissenschaftlich belegt, dass Kindergärten bei der Verbreitung von Covid-19 eine geringe Rolle spielen. Von 96.330 Kindern, die in Wien den Kindergarten besuchen, wurden in den vergangenen zehn Tagen nur 59 Kinder positiv getestet, bei den Betreuern gab es 143 Fälle. Ende Oktober wurden 116 Kinder und 209 Betreuer positiv getestet, im Gegensatz zur Gesamtgesellschaft nahmen die Fälle im Kindergarten also ab. "Im Kindergarten stecken sich sehr wenige Kinder an, wenn dann in ihren Familien. Kindergärten und Horte sind für Kinder wichtige Orte der Bildung, Sicherheit und Normalität. Die Kindergärten waren immer offen und bleiben offen", sagt Christian Morawek, Geschäftsführer der Wiener Kinderfreunde.

Zuhause weniger Möglichkeiten

"Eltern können zu Hause mit ihren Kindern noch so viel basteln, malen oder wissenschaftliche Experimente machen, das kann den Kindergartenbesuch nicht ersetzen", so Daniela Cochlár, Leiterin der Städtischen Kindergärten (MA 10). "Kinder brauchen gleichaltrige Spielpartner und die Gemeinschaft. Kindergärten sind Bildungseinrichtungen, hier arbeiten Profis. Kinder, die seit März nicht im Kindergarten waren, haben ein Jahr Bildungszeit verloren."

Dass weniger Kinder den Kindergarten besuchen, bedeutet aber nicht, dass diese nicht ausgelastet wären. Im Gegenteil; durch das Coronavirus ist das Arbeitspensum in den Kindergärten erheblich gestiegen, die Liste der Zusatz-Tätigkeiten ist lange: Leiterinnen führen Kontaktlisten, den Kindern wird zig Mal beim Händewaschen assistiert. Eltern dürfen ihre Kinder nicht mehr in die Garderobe begleiten, das in den Wintermonaten so mühsame An- und Ausziehen übernehmen nun die Kindergartenpädagogen oder Assistentinnen - und all das bei weniger Personal, schließlich gibt es vermehrt Ausfälle aufgrund von K1-Kontakten, Betreuungspflichten oder Krankenständen.

"Pädagoginnen stoßen an ihre Leistungsgrenzen", berichtet Cochlár und verweist auf fehlende Fachkräfte: "Selbst wenn wir mehr Personal wollten, würden wir es nicht bekommen."

Personalengpässe und schlechte Arbeitsbedingungen herrschen in den Kindergärten aber nicht erst seit der Pandemie, die Corona-Krise hat die Situation lediglich weiter verschärft. Aus diesem Grund haben sich Kinderfreunde, Diakonie, Kinder in Wien und St. Nikolausstiftung - die vier größten privaten Kindergarten- und Hortträger in Wien - zusammengetan und fordern unter anderem bessere und einheitliche Bezahlung, kleine Gruppengrößen und bessere Ausbildung.

"Kindergarten hat Priorität"

Unterdessen sind die Infektionszahlen besorgniserregend, die Diskussion um Schulschließungen reißt nicht ab, und auch Kindergärten sind von den Spekulationen um etwaige Schließungen nicht ausgenommen. "Ich hoffe, dass diesmal Kindergärten Priorität haben und nicht vor Baumärkten und Golfplätzen schließen müssen", sagt Cochlár dazu.

Wie schwierig es ist, Kindern zu vermitteln, warum sie zu Hause bleiben müssen, weiß Beer zu berichten: "Ich habe meiner Tochter gesagt, dass der Kindergarten geschlossen ist, weil die anderen Kinder krank sind - aber wie soll ich ohne Angstmache erklären, warum wir nicht in den Supermarkt gehen dürfen?" Sie hofft, dass sie ihrer Tochter nicht erklären wird müssen, warum Kindergärten geschlossen sind, der Handel aber nicht.