Die Wienerin Charlotte "Lotte" Brainin (geb. Sontag) ist 100 Jahre alt geworden. Das Fest wird dieser Tage auch mit einer virtuellen Ausstellung des Bezirksmuseums Wien-Alsergrund begangen. Bemerkenswert an dieser besonderen Wienerin ist nicht bloß die Tatsache des biblischen Alters. Sie ist eine der letzten Ex-Häftlinge aus Wien, welche die nationalsozialistischen Vernichtungslager in Ravensbrück und in Auschwitz-Birkenau überlebt haben.

Die glühende österreichische Patriotin mit polnisch-wienerisch-jüdischen Wurzeln verzeichnet in ihrer reichen Biografie schon am Anfang eine weitere Besonderheit: Sie hat den selben Geburtstag wie die Republik Österreich. Sie wurde allerdings nicht 1918, sondern zwei Jahre später, am 12. November 1920 in der Brigittenau geboren. Wohnstatt der siebenköpfigen Familie mit fünf Kindern war eine Substandard-Wohnung mit Straßen-Eingang. "Es war eine abscheuliche Wohnung", erzählt Brainin in einem Interview. Man lebte in bitterer Armut, die Mutter arbeitete als Näherin und brachte damit ihre Familie irgendwie durch.

"Die Kinder spielten immer auf der Straße. Damals fuhren fast nur Pferdewagen. Das heißt, es war nicht so gefährlich", erzählt Lotte Brainin. "Manchmal spielten wir auch mit einem Fetzenlaberl Ball. Spielzeug habe ich überhaupt nicht gekannt. Von Puppen keine Spur."

Das "rachitische Kind" wie sie sich selbst bezeichnet, erwachte in diesem Milieu schon früh politisch. Sie ging ohne Ausbildung "gleich als Hilfsarbeiterin in die Fabrik". Lotte trat der Gewerkschaft bei. 1936 wurde sie 16-jährig erstmals verhaftet. Sie hatte im austrofaschistischen Ständestaat im Zuge eines Geburtstagsfests "kommunistische Propaganda" betrieben.

Der einen Diktatur folgte die nächste: Im März 1938 annektierten die deutschen Nationalsozialisten unter reger Anteilnahme der heimischen Bevölkerung Österreich. "Meine Chefin sagte, dass ich nicht mehr kommen bräuchte, da die Firma keine Jüdinnen beschäftige." Lotte wusste, was auf sie und Ihresgleichen zukommen sollte. Sie versuchte, sich ins Ausland abzusetzen. Vor der Flucht wollte sie sich aber doch noch schnell im Rothschild’schen Spital ihre immer eitrigen Mandeln entfernen lassen. Bei Jüdinnen war dies aber nur ohne Narkose erlaubt. Es war der erste furchtbare körperliche Schmerz ihres Lebens. Es sollte nicht der letzte bleiben.

Lotte gelang die Flucht nach Belgien. Gleich engagierte sie sich im Widerstand gegen die "Nazis". Bald wurde sie von den deutschen Besatzern wieder verhaftet.

Sie kam später ins KZ. Zuerst Auschwitz, dann Ravensbrück. Überall lebte sie Solidarität und half mit, Widerstand aufzubauen. In den letzten Kriegstagen gelang ihr auf einem der Todesmärsche aus dem Lager die Flucht.

Nach dem Krieg und ihrer Rückkehr nach Wien wurde Lotte Kronzeugin in einem der Ravensbrück-Prozesse. 1948 heiratete sie ihre Lebensliebe. Mit ihrem Ehemann Hugo (96) lebt sie bis heute zusammen.

Lotte half ab 1945 beim Aufbau von KZ-Lagergemeinschaften. Das Ehepaar pflegte über Jahrzehnte diese Formen der Kameradschaft. In den 80er-Jahren stellte sich Lotte Brainin in zahlreichen Veranstaltungen als Zeitzeugin zu Verfügung. Viele, viele Schulbesuche gehörten dazu.

Ihre Erzählungen, die auch hier zitiert sind, finden sich nun auf einer eigenen Internet-Seite, welche zu ihren Ehren anlässlich des 100. Geburtstags gestaltet worden ist (www.brainin.at). Gestalterin dieser digitalen Schau und "virtuellen Ausstellung" ist die Künstlerin Marika Schmiedt. Die Idee dazu wurde von Brainins Töchtern und ihren Familien mitgetragen. Ein Projekt der öffentlichen Würdigung Brainins wurde mit Hilfe des Wien Museum und Kurator Vincent Weisl umgesetzt.

Die Videobotschaft am Anfang (https://www.brainin.at/video.html) stammt von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Sie fühlt sich Lotte Brainin persönlich besonders verbunden: "Ich bin eigentlich eine angeheiratete Verwandte. Ich bin sozusagen adoptiert worden." Jelinek bezeichnet sich als "älteste Tochter", die bei ihr "eine Heimstatt" gefunden habe. Jelinek: "Lotte hat mir Dinge aus dem KZ erzählt, die ich nicht über die Lippen bringen würde." Man müsse "das alles wissen und Lotte hat dafür gesorgt, dass man es weiß".