Peter Balazs ist "gelernter" Mathematiker. Er leitet seit 2012 als Direktor das Institut für Schallforschung der Akademie der Wissenschaften, das sich in der Nähe der Technik-Universität in Wien-Wieden befindet. Im selben Jahr leistete Balazs wissenschaftlich Bahnbrechendes: Es gelang ihm erstmals, das "Meidlinger L", in einer für die Fachwelt nachvollziehbaren Form, grafisch-technisch darzustellen. Der Erfolg wurde auch in einer international beachteten englischsprachigen Publikation verkündet (s. Grafik).

An des Direktors Institut zeigt man sich an dem für den 12. Bezirk identitätsstiftenden zwölften Buchstaben des Alphabetes besonders interessiert. Neben Lärmschutzwänden, Psychoakustik, MP3-Codierungstechnik und anderen Schallfragen bildet er ein seltenes Feld der Grundlagenforschung.

"Sociophonetics of the velarized lateral in the Viennese dialect" aus 2015 ist nur ein Beispiel dafür. "Die Soziophonetik des velarisierten Laterals im Wiener Dialekt" lautet der deutsche Titel. Ausgerechnet eine aus dem den Wienern so gänzlich fremden Frankfurt "dahergelaufene" Phonetikerin des besagten Instituts, Carolin Schmid, hat schon damals diese Arbeit verfasst. Es sollte nicht ihre einzige bleiben.

Die Schallforschung stellt den urwienerischen Laut so dar. - © Balazs
Die Schallforschung stellt den urwienerischen Laut so dar. - © Balazs

Obwohl waschechte "Marmeladingerin", ist Schmid begeisterer weiblicher Fan des Wiener Dialektes und vor allem des ominösen "L". Sie blieb nicht allein wegen dieser Liebe in Wien hängen - und trainiert so zeitweise mit ihrer Dreijährigen den mittlerweile bedrohten Buchstaben-Laut.

Denn "der Lateral" aus dem Zwölften, so ergaben die echt aufschreckenden Forschungsergebnisse der Frau Doktor aus Frankfurt und ihrer Kollegenschaft, "ist tatsächlich vom Aussterben bedroht". - Und das noch dazu ganz besonders aus Meidlinger Frauenmund. Ausgewählte, dokumentierte Stichproben ergaben: Nur 50 Prozent der Männer aus dem Urgebiet um Meidlinger Hauptstraße und Philadelphiabrücke sprechen den dunklen Lateral überhaupt - noch dazu richtig - aus.

Aber vor allem nur zehn Prozent der Frauen kommt der L-Lateral überhaupt noch über die Lippen. Vor allem ihnen scheint seine Aussprache vielleicht doch etwas zu proletenhaft. Carolin Schmid: "Sie haben ein viel höheres Sprachbewusstsein bei der Erziehung der Kinder und achten merkbar darauf, den Dialekt zu vermeiden."

Ein schwerer Schlag für Initiativen, die schon vor Jahren danach trachteten, das "L" aus Meidling in den Rang eines Weltkulturerbes zu erheben. Bezirksvorsteher Wilfried Zankl (SPÖ) will jedenfalls der Volkshochschule im Bezirk Bildungsmaßnahmen zur Entwicklung des Idioms empfehlen. Eine Rettung des "L" ist jetzt am ehesten Zuwanderern zuzutrauen. Auch das hat Schmid wissenschaftlich erforscht. Denn das einst von tschechischen Einwanderern importierte "Meidlinger L" findet sich "auf natürliche Weise in den Sprachen der Bosnier, Serben, Kroaten, Albaner und Türken wieder." Nur im deutschen Sprachraum gilt es als Besonderheit. Schmid: "Mit diesen Gruppen könnte sich der Lateral in Wien doch wieder verfestigen."