Seit Beginn der Corona-Epidemie hat sich die Prostitution in der Stadt stark verändert. "Schon nach dem ersten Lockdown, als die Prostitution verboten wurde, hat die Wohnungsprostitution extrem stark zugenommen", erklärte Wolfgang Langer vom Referat für Prostitutionsangelegenheiten der Polizei Wien bei einem Hintergrundgespräch. Derzeit - im zweiten Lockdown - führt Langer mit seinem Team ein bis zwei Schwerpunktaktionen pro Woche durch. Allein in der vergangenen Woche wurden seinen Angaben zufolge 12 Wohnungen kontrolliert und es gab 25 Anzeigen sowie Strafverfügungen im Umfang von rund 8000 Euro.

Wohnungsprostitution ist auf dem Vormarsch. - © LPD Wien
Wohnungsprostitution ist auf dem Vormarsch. - © LPD Wien

Seit März würden sich immer mehr Prostituierte in Wohnungen ansiedeln, die sie über Internetplattformen anmieten. "Früher hat man einen Mietvertrag gebraucht, Geld für die Ablöse, für Frauen aus dem Osten kam noch die Sprachbarriere dazu. Jetzt werden einem die Wohnungen billig nachgeschmissen und man braucht nur ein paar Mausklicks", erzählte Langer.

Bis zu 3.000 Euro pro Tag

Denn ohne Tourismus stehen die Wohnungen leer und werden zu einem Spottpreis angeboten. In einem Laufhaus würden Prostituierte bis zu 400 Euro pro Monat für ein Zimmer bezahlen. Die sind jetzt aber Lockdown-bedingt geschlossen. Also weichen sie auf Airbnb-Wohnungen aus - wobei größere Wohnungen bereits um 70 Euro pro Nacht angeboten würden. "Und die 1.000 Euro Strafe fürs Erwischtwerden bezahlen die Frauen mit einem Lächeln, weil es ein kalkulierter Teil des Jobs ist", meinte Langer. Denn die Frauen würden derzeit bis zu 3.000 Euro pro Tag verdienen.

Fliegt so eine Wohnung auf, müssen die Prostituierten wegen des derzeit geltenden Prostitutionsverbots 1.000 Euro Strafe bezahlen. Auch für die Kunden wird es teuer, denn sie bezahlen aufrund des Prostitutionsgesetzes 500 Euro und zusätzlich noch 200 bis 300 Euro wegen Missachtung der Ausgangssperre. "Die 500 Euro können sie sofort bezahlen, aber beim Verstoß gegen die Covid-19-Verordnung kommt die Anzeige per Post nach Hause, was für die Betroffenen noch einmal unangenehm werden kann", hieß es vonseiten der Polizei. Können Betreiber bzw. Zuhälter ausgeforscht werden, sind für diese beim ersten Mal 500 Euro fällig, Wiederholungstäter können mit bis zu 6.000 Euro belangt werden. Bei den Vermietern stößt die Polizei allerdings schnell an ihre Grenzen: Denn sowohl Vermieter als auch Vermieterplattform könnten sich immer darauf ausreden, dass sie nicht wissen können, ob es sich bei den Mietern um Prostituierte handelt.

Keine Gesundheitskontrolle

Dazu kommt, dass die Polizei nicht auf Verdacht alle Wohnungen der Stadt überprüfen kann. Ihr bleibt also nichts anderes übrig, als die - derzeit laut Langer sehr offensiven - Kontaktanzeigen auf entsprechenden Internetforen zu durchforsten, um dann verdeckte Ermittler loszuschicken. Wobei dann eine Geschäftsanbahnung schon als strafbare Handlung gilt.

Die Polizei ortet neben dem Internet zwei weitere Probleme: Zum einen, dass es durch das Abgleiten der Prostitution in die Illegalität die Gesundheitskontrolle über die Frauen abhandenkommt. Und zum anderen, dass das Zuhältertum wieder aufzuleben scheint. "Da sitzen plötzlich wieder die sogenannten Beschützer mit dem netten kleinen Hund im Nebenzimmer. Das gibt es in den Prostitutionslokalen nicht und wenn, dann würden wir es sofort zusperren", so Langer.

Monatelang gequält

Damit würde eine Kriminalität wieder aufpoppen, die man in den vergangenen Jahren erfolgreich zurückdrängen konnte. Manche Frauen würden zwar sehr viel Geld verdienen, aber andere seien wieder zunehmend körperlicher Gewalt ausgesetzt. So berichtete Langer über einen sehr tragischen Fall, wo eine Frau von der Familie ihres Ex-Freundes seit März in einer gemieteten Wohnung zur Prostitution gezwungen worden sei. Bei einer Schwerpunktaktion habe man sie schwer zugerichtet gefunden - ihr ganzer Körper von blauen und grünen Hämatomen bedeckt und mit Elektroschocker gequält. Und Stundenlisten, die belegen, dass sie ihren Peinigern rund 1.000 Euro pro Tag eingebracht hat. Geld, das sie in einem Wandschlitz stecken musste, wo sich dahinter ein eingemauerter Tresor befand, der regelmäßig geleert wurde.

Langer befürchtet, dass sich die Lage nach Beendigung des Lockdowns nicht verbessern wird. Auch nicht in der Zeit "nach Corona". Eine Novelle des Prostitutionsgesetzes sieht er daher als unumgänglich an. Und das ist Landessache. "Vielleicht ergibt es sich ja aufgrund der neuen Zusammensetzung der Wiener Landesregierung, hier einmal anzusetzen", so Langer.