Dass der beliebte Kabarettist Michael Niavarani persische Wurzeln hat, weiß sein Wiener Publikum aufgrund vieler seiner Pointen nur allzu gut. Aber es gibt zumindest noch einen weiteren aus dem Iran stammenden Schauspieler und Theatermann, der in einem besonderen Segment aus dem Wiener Kulturleben nicht wegzudenken ist. Parvis Mamnun (geb. 1939) ist ein klassischer Geschichten- und Märchenerzähler orientalischer Tradition.

Mamnun ist eigentlich ein Zauberer, der mit einfühlsamer Stimme und Sprachpoesie sein Publikum in tranceähnliche Entspannungszustände zu versetzen mag. Ob Märchen aus 1.001 Nacht, Sufi-Geschichten, Liebesepen, Fabeln, Lehrstücke oder auch betörend-erotische Stoffe stehen auf seinem Repertoire.

Die freie Erzählkunst hat im Orient eine jahrhundertealte Tradition, die wenig mit unserer Form des Märchenerzählens von Oma oder Opa gegenüber Kleinkindern zu tun hat. Sie gilt als hohe Kunstform für alle Schichten. Ihre größten Vertreter treffen sich zu prestigeträchtigen Festivals und Wettbewerben in aller Welt.

Der seit 1960 in Wien lebende Mamnun ist einer von ihnen. Schon sein Großvater war ein bekannter Mystiker in der persischen Kultur. Er zitiert aus Werken der bedeutenden persischen Dichter Rumi, Hafez oder Nezami. Viele der Texte dieser "großen Drei" Persiens hat Mamnun gemeinsam mit Barbara Frischmuth für den deutschen Sprachraum übersetzt. Meist begleitet er sich für Zwischengesänge in einnehmender Originalsprache mit seiner Setar, einer persischen Laute.

Zumindest bis in Vor-Corona-Zeiten war das so. Jetzt im Lockdown hat der ORF-Radiosender Ö1 dem persischen Wiener Erzähler am 6. Dezember um 9.05 Uhr eine Sendung gewidmet. Denn bald feiert Mamnun sein 30-jähriges Erzähler-Jubiläum in Wien.

Vor seinem Umstieg in die Märchenwelt war er nach der Absolvierung des Reinhardt-Seminars als Regisseur, Dramaturg und Schauspieler tätig gewesen. Seine Geschichte über die damals erfolgte "Aufnahmeprüfung" mit seinem "Perserdeutsch" zählt zu seinen lustigesten und beliebtesten Geschichten im Zyklus "Ali Baba & Dr. Faust". Theaterwissenschafter und Uni-Professor Mamnun verbindet in Wien vielfältig die Kulturen zwischen den Welten von Ost und West. Er hat früh auch die Kompetenz eines offiziellen Gerichts-Dolmetschers für die persische Sprache Farsi erworben. Auch Perser-Teppiche sind durchaus sein Metier. Eingeweihte wissen: Auch hier ist Parvis Mamnun ein Sachverständiger.

Mit seinen Programmen ist der orientalische Erzähler schon mit den Wiener Symphonikern unter Fabio Luisi oder den Pianistinnen Ferhan & Ferzan Önder in Wiens großen Konzerthäusern aufgetreten. Dennoch wünscht er sich derzeit sehnlichst seine kleinen Spielstätten in Wien wieder geöffnet zurück. Das Café Korb ist so einer seiner Lieblings-Veranstaltungsorte. Dieses typische Wiener Kaffeehaus ist zwar mitten in der Stadt der Donaumetropole. Aber wenn Parvis Mamnun erst einmal zu erzählen beginnt, taucht man selbst dort rasch in die Atmosphäre aus 1.001 Nacht ein und wird lange nicht mehr losgelassen.