Wiener Zeitung": 2020 war für viele eine große Belastung. Wie kann es gelingen, nach diesem Jahr die Weihnachtsfeiertage unbeschadet zu überstehen?

Georg Psota: Wir müssen das Tempo rausnehmen und von der permanenten Aufregung runterkommen. Das geht nicht von allein. Das ist ein bewusster Prozess der Reflexion. Es muss nicht alles perfekt sein, zumal wir heuer erschwerte Bedingungen haben. Heuer hat man zwar weniger Möglichkeiten, aber auch weniger Verpflichtungen.

Bei vielen gehört der Streit zu Weihnachten ungewollt dazu. Wieso?

Wir haben zu Weihnachten oft übertriebene Erwartungen und stehen daher in dieser Zeit besonders unter Anspannung. Erhöhter Alkoholkonsum ist ein wesentlicher Faktor für familiäre Konflikte, und zu Weihnachten sind die Folgen der Berauschung noch fataler als sonst. Womöglich gibt es heuer aber auch weniger Konflikte, weil es weniger Hetzerei gibt. Es wäre zu hoffen.

Dabei gibt es schon im Vorfeld Streitpunkte: Wer feiert mit wem, sollen alle einen Corona-Test machen, darf die Oma dabei sein, singen ja oder nein...

Ich rate dringend, über diese Dinge im Vorfeld sachlich zu sprechen, und nicht erst um 16 Uhr am Heiligen Abend. Wir sind alle gefordert, Verantwortung zu übernehmen. In diesem besonders schwierigen Jahr sollte man im Umgang mit anderen besonders nachsichtig und froh sein, wenn man gesund ist.

Jede dritte Person in Österreich erlebt im Laufe des Lebens eine psychische Erkrankung. Haben diese heuer zugenommen?

Alle Daten, die wir bis jetzt dazu haben, basieren auf Telefonumfragen und in diesen zeigt sich eine Zunahme von Ängsten und Depressionen. Auch die Telefonhotlines hatten heuer mehr Anrufe als davor. Es gibt aber auch neue Hotlines, etwa hat der Psychosoziale Dienst die Corona-Sorgenhotline Wien ins Leben gerufen. Hier rufen Menschen an, die sich beispielsweise Sorgen machen, dass sie sich angesteckt haben könnten, oder die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie haben.

Haben die Menschen jetzt mehr Angst?

Es gibt keinen explosionsartigen Anstieg, aber Menschen berichten vermehrt von Angst und Schlafstörungen. Im Frühjahr war die Angst vor der Ansteckung höher als jetzt, obwohl die Gefahr heute ungleich größer ist. Ich will keine Angst schüren, aber warne davor, jetzt unvernünftig zu sein. Während viele Angstpatienten mit der Pandemie gut zurechtkommen - schließlich kennen sie sich mit Ängsten aus - gibt es auch jene, für die diese permanente Angst neu ist und die eine regelrechte Corona-Phobie entwickelt haben, sich nicht mehr hinaus trauen usw. Ich empfehle diesen Menschen, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Nehmen wir an, ich mache mir immer wieder Sorgen um die Zukunft. Was kann ich dagegen tun?

Ich stelle derzeit eine kollektive Erschöpfung fest. Wir müssen uns jetzt noch einmal anstrengen, die Infektionszahlen herunterzubringen. Dass es jetzt eine Impfung gibt, ist eine Riesenchance und ein Privileg.

Andererseits gibt es viele Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen.

Die 10 bis 15 Prozent grundsätzlichen Impfgegner muss ich zur Kenntnis nehmen, das ist nicht die große Mehrheit. Diese anfängliche Skepsis lässt sich durch Information auflösen. Hier hoffe ich auf Auftritte von Medizinern, die die Sinnhaftigkeit und Sicherheit der Impfung gut erklären können.

Wie kamen Menschen mit psychischen Erkrankungen heuer zurecht?

Sehr unterschiedlich. Manchen von ihnen ging es überraschend gut, anderen miserabel. Sicherlich gab es heuer ein allgemein höheres Level an Anspannung und Stress, was teils gleich zu Belastungsreaktionen geführt hat, teils werden wir die Auswirkungen erst zeitverzögert sehen.

Welche Menschen leiden derzeit besonders unter den Maßnahmen der Isolation?

Alleinerzieherinnen und junge Menschen haben sicher am meisten damit zu kämpfen. Ältere Menschen haben in der Regel schon einige Krisen überlebt und verfügen über eine höhere Krisenkompetenz. Außerdem sind diese meist durch ihre Pension abgesichert und nicht durch Arbeitslosigkeit bedroht. Aber die älteren Menschen in Senioreneinrichtungen wurden kaum befragt und hatten auch ein besonders schwieriges Jahr.

Haben viele Menschen versucht die Belastung mit Alkohol zu kompensieren?

Ja, der Alkoholkonsum ist heuer gestiegen, und er hat sich in den privaten Raum verlagert. Dadurch sinkt zwar die Gefahr, dass alkoholisierte Menschen im Schlaf erfrieren. Andererseits führt exzessiver Alkoholkonsum im privaten Raum auch zu häufigeren und heftigeren Konflikten.

Kam es heuer wie befürchtet zu einem Anstieg häuslicher Gewalt?

Ja, aber der Anstieg war weniger als befürchtet, zum Glück.

Was sollte man tun, wenn man vermutet, dass jemand suizidgefährdet ist? 

Die Notdienstnummer 01/31330 anrufen. In Abstimmung mit unseren Mitarbeitern wird besprochen, wie man weiter vorgeht. Bis jetzt sehen wir für heuer aber keinen signifikanten Anstieg. Seit kurzem haben wir in Wien ein zeitnahes Monitoring der Suizidzahlen, das würde ich mir für ganz Österreich wünschen.

Streit mit dem Partner kennt wohl jeder. Ab wann sollte man sich professionelle Hilfe suchen?

Man wird zuerst selbst versuchen aus dem Konflikt herauszukommen. Dann kann man sich auch an eine Vertrauensperson wenden, die eine moderierende Funktion einnimmt. Wenn der Konflikt aber immer wieder auflodert, sollte man sich professionelle Hilfe suchen. Das bedeutet nicht, dass man krank ist. Es bedeutet lediglich, dass man sich in einem Konflikt verrannt hat.

Georg Psoa ist Chefarzt des Psychosozialen Dienst. - © feel image - Fotografie
Georg Psoa ist Chefarzt des Psychosozialen Dienst. - © feel image - Fotografie

Was sollte man in einer hitzigen Situation tun?

Den Raum verlassen, an die frische Luft gehen, eine Runde um den Häuserblock drehen. Vielleicht jemanden anrufen, Dampf ablassen. Auch die Person, die im Raum verblieben ist, kann sich besinnen. So kann man beruhigt zurückkehren. In vielen Situationen wird das reichen. Reicht das absolut nicht aus, würde ich professionelle Hilfe suchen, eine unserer Telefonhotlines anrufen.