Wir werden jetzt alle bessere Menschen. Wir werden nur noch regionale Produkte kaufen. Wir werden im Winter keine Erdbeeren mehr essen. Wir werden nicht mehr die neuesten Turnschuhe, Jacken, Handys, Computer, Autos haben müssen. Wir werden den bibeldicken Reklamestapel, der täglich unser Postkastl verstopft, ungelesen wegwerfen. Wir werden prüfen, wo die Waren herkommen und unter welchen Bedingungen sie produziert wurden, bevor wir sie kaufen. Wir werden nicht mehr zum Shoppen nach Paris jetten. Wir werden der Verkäuferin beim Hofer huldigen. Wir werden für ihre Gehaltserhöhung auf die Straße gehen. Wir werden helfen, wenn Flüchtlinge in Lagern auf Lesbos und in Moria wie die Ratten im Dreck hausen. Wir werden Waldspaziergänge machen. Wir werden unsere Topfpflanzen gießen. Wir werden unsere Oma besuchen.

Denn das Virus hat uns Bescheidenheit, Nächstenliebe, Zusammenhalt, Verantwortung, Solidarität gelehrt. In jeder Krise steckt eine Chance. Sie macht uns zu besseren Menschen. Wenn sie erst einmal vorbei ist. Bestimmt. Versprochen.

Corona wird nichts ändern

Die Hoffnungen der Optimisten in allen Ehren. Die Corona-Krise wird unsere Gesellschaft nicht umkrempeln. Zumindest nicht zum Guten. Ganz im Gegenteil. Wirbt ein Möbelhaus mit Prozenten, rennt ihm die sabbernde Masse die Türe ein, unwürdig nach Rabatte lechzend, wie Junkies auf Methadonentzug vor der Apotheke. Corona-Leugner posten ungeniert antisemitische Mems, Verschwörungsvideos, plumpe Lügen. Sie infiltrieren die Gesellschaft mit Xenophobie, Neid, Hass. Der Eso-Hippie im Stadtpark findet das genauso super wie die Hausfrau im Waldviertel. Schließlich kämpft man gemeinsam an der Impfgegnerfront gegen die Profitgier der Pharmafirmen - und natürlich Bill Gates. Corona wird nichts ändern. Der Turbokapitalismus wird weiterlaufen. Der Riss in der Gesellschaft genauso.

Trübe Aussichten am Fest der Liebe. Doch atmen Sie durch. Es ist nicht alles verloren. Selbst die Apokalypse hat ihre guten Seiten. Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Zwar wird uns die Pandemie nicht von Konsumismus, Gier und Fremdenfeindlichkeit läutern. Doch immerhin beschert sie uns ein einmaliges Weihnachten - ein Weihnachten ohne Weihnachten. Das Christfest wurde aus den Straßen Wiens verbannt. Advent abgesagt. Der staatlich verordneten sozialen Distanz sei Dank.

Beschwingt schlendert der bekennende Grinch durch die Gassen. Kein Glühwein-Bouquet steigt ihm in die Nase. Kein "Last Christmas"-Ohrwurm raubt ihm den Verstand. Keine Bürodame stolpert ihm am frühen Vormittag beschwipst entgegen. Sogar die Rentier-Geweihe auf den Schädeln der Menschen sind verschwunden. Es ist wie immer. Und das ist gut so.

Auf dem Rathausplatz ist es leer. Am Spittelberg ist es leer. Am Karlsplatz ist es leer. Die berühmten Weihnachtsmärkte Wiens, für die die Touristen sonst aus aller Herren Länder - sogar den Bundesländern - angekarrt werden, sind heuer dem Virus zum Opfer gefallen. Richtig besinnlich wirkt die Stadt.

Heuer kein "Hulapalu"

Am Karlsplatz picken Tauben in Maronischalen herum. Nebelkrähen hocken in den Baumkronen. Es ist fast still. Zwei Pensionisten unterhalten sich gedämpft hinter ihren Schutzmasken. Ein Punk trinkt verlassen Dosenbier. An jedem anderen Adventsonntag der vergangenen Jahre schoben sich hier tausende Besoffene an sinnentleertem Weihnachtskitsch vorbei. An Plastik-Weihnachtsmännern, die auf Strickleitern Wände erklimmen - wo doch jedes Kind weiß, dass der Weihnachtsmann per fliegendem Schlitten kommt. An Heerscharen von Engerl. An blinkenden Hausschuhen, roten Zipfelmützen, singenden Bären, summenden Rentieren. Vor den Labehütten stellten sie sich stundenlang an, um ein verschrumpeltes Bratwürstl mit trockenem Sauerkraut zu ergattern. Die Kinder schoben sich Schaumrollen in den Mund. Andreas Gabalier säuselte "Hulapalu" aus den Boxen.

Heute muss der Grinch seine Augen fest schließen, um sich diese Hölle überhaupt vorstellen zu können. Unter den barocken Türmen der Karlskirche herrscht Stille. Beruhigende, die Seele wärmende Stille. Eine Stille, die heuer auch die Großraumbüros, Kantinen, Betriebsküchen, Werkstätten, Produktionshallen der Stadt erfüllte. Keine Firma trug ihre Weihnachtsfeier aus. Eine Win-win-Situation. Der Arbeitgeber spart sich Geld, der Arbeitnehmer Peinlichkeiten. Denn Alkohol löst bekanntlich die Zunge. Gratis-Alkohol umso mehr. Covid-19 schenkte den Betrieben Weihnachtsfrieden. Lehrlinge sagten ihrem Chef nicht, dass sie sein protziges Auto für eine Kompensation seiner sexuellen Fähigkeiten halten. Abteilungsleiterinnen flohen nicht vor enthemmten Angestellten aufs Damenklo. Und dort kotzte niemand ins Waschbecken. Vereinzelung kann ja doch für etwas gut sein.

Beinahe kitschfrei

Sie wird auch Familien empfohlen. Ob echte Sorge um den betagten Opa, oder Vorwand, nicht mit der Tante über Homöopathie streiten zu müssen, viele werden dieses Jahr alleine unter dem Christbaum sitzen. Das ist gar nicht so schlecht. Lesen Sie ein Buch. Hören Sie Musik. Freuen Sie sich, dass Mamas Gansl mit Rotkraut nicht tagelang im Magen herumliegt. Spazieren Sie durch die menschenleere Stadt. Sie ist beinahe kitschfrei. Nur die Beleuchtung der Geschäftsstraßen und die letzten verbliebenen Tannen der Christbaumverkäufer werden Sie daran erinnern, dass Weihnachten ist. Denken Sie darüber nach, wie die Corona-Krise unsere Gesellschaft verändert. Werden wir wirklich zu konsumkritischen, ökologisch verantwortungsbewussten, empathischen Menschen? Oder verschlingt uns das Moloch Konsum endgültig?

Das diesjährige Weihnachten deutet eher auf Letzteres hin. Redeten sich die Menschen in den letzten Jahren ein, zu Weihnachten gehe es in erster Linie um die Familie, ums Zusammensein, bleibt ihnen heuer ausnahmslos der Konsum. Sie können ihre Lieben vielleicht nicht treffen, beschenken können sie sie schon. Die Geschäfte hatten bis zum 24. Dezember geöffnet. Amazon verbuchte Rekordbestellungen. Die Post geriet an ihre Grenzen. Turnschuhe, Jacken, Handys, Computer reisten um die Welt. Die Menschen bleiben zu Hause. Und stopfen sich mit Erdbeeren voll.