In Österreich leben 1,8 Millionen Menschen alleine, die meisten von ihnen seit mehr als drei Jahren. Das besagt eine Studie im Auftrag der Online-Partneragentur Parship. Die Zahl entspricht in etwa 30 Prozent der Österreicher im Alter zwischen 18 und 69 Jahren. In Wien sind es sogar noch mehr: 36,8 Prozent. Die große Mehrheit von ihnen wünscht sich, nicht mehr Single zu sein. Allerdings gibt es hier Unterschiede: Während sich mehr als 80 Prozent der Single-Männer eine Beziehung wünschen, sind es bei den Frauen lediglich knapp 62 Prozent. Und noch etwas fällt auf: Die meisten Singles - nämlich fast die Hälfte - finden sich in der Gruppe der Unter-30-Jährigen. Die "Wiener Zeitung" hat mit Psychologin Caroline Erb über die Hintergründe gesprochen.

"Wiener Zeitung": Mehr als 40 Prozent der Singles sind jünger als 30 Jahre. Zu Omas Zeiten galten noch alle, die mit 25 Jahren nicht unter der Haube waren, als unvermittelbar. Was hat sich geändert?

Caroline Erb: Im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten verlagert sich alles nach hinten - von Eheschließung bis zum ersten Kind. Die Unter-30-Jährigen stehen ganz schön unter Druck.

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Inwiefern?

Ich habe in meiner Praxis auch viele Studenten, die neben der Universität arbeiten, Praktika machen und während des Lockdowns nur mehr vor dem Computer sitzen. Die Phase zwischen 20 und 30 ist heute so etwas wie die Rushhour des Lebens. Es ist eine Phase, in der man versucht, alles gleichzeitig zu erreichen: die Ausbildung, den Beruf, die finanzielle Unabhängigkeit. Es gibt viele Sachen, die man noch sehen und erledigen will, gleichzeitig will man sich etwas aufbauen und investiert ordentlich Zeit und Energie in die Arbeit. Daneben laufen noch Sport, Hobbys und Freunde. Und genau in dieser Zeit möchte man auch noch den richtigen Partner finden. Viele unterschätzen da, dass man sich auch Zeit nehmen muss, wenn man jemanden kennenlernen will. Es ist eine Frage der Prioritäten, wir leben an sich schon sehr temporeich.

Da sollte doch auch in Sachen Beziehung die Schlagzahl hoch sein, oder?

Das ist eine Frage der Verbindlichkeit. Manch einer denkt, dass vielleicht noch etwas Besseres kommt und will sich nicht festlegen. Wenn man sich allerdings die 1960er und 1970er Jahre ansieht, dann wirkt die heutige Generation im Vergleich dazu wie das Biedermeier. Es herrscht dieser große Wunsch nach Sicherheit und Glück. Da reicht ein Blick auf die florierenden Magazine, in denen es um Themen wie Hochzeit und Wohnungseinrichtung geht oder die Frage: "Wie mache ich Quittengelee?" Man sieht auch, dass der Wunsch nach Glück und der heilen privaten Welt umso größer ist, je wüster es in der Welt draußen zugeht.

Caroline Erb ist klinische und Gesundheitspsychologin mit Schwerpunkt Single-Thematik, Familie und Paarkonflikte. Sie ist zudem Psychologin bei der Online-Partneragentur Parship. - © Parship
Caroline Erb ist klinische und Gesundheitspsychologin mit Schwerpunkt Single-Thematik, Familie und Paarkonflikte. Sie ist zudem Psychologin bei der Online-Partneragentur Parship. - © Parship

Hat sich die Zahl der Singles über die letzten Jahre verändert?

Die ist über den Beobachtungszeitraum der letzten zehn Jahre ziemlich konstant geblieben und liegt zwischen 27 und 30 Prozent. Was aber ein genereller Trend in Europa ist, ist jener hin zum Langzeitsingle. Die meisten Singles sind länger als drei Jahre allein. Im Geschlechtervergleich kommen Männer damit schlechter zurande als Frauen.

Wie ist es um diesen Unterschied bestellt? Hat das mit der Einstellung zu tun? In Partnervermittlungssendungen hört man fast ausschließlich von Frauen den Wunsch nach einem Partner, der auch weiter in seiner Wohnung leben soll.

Man darf das nicht geschlechterspezifisch pauschalieren. Wenn man frischer Single ist, kann man sich an dieses Gefühl gewöhnen, autonom und unabhängig zu sein. Man gewöhnt sich daran, dass die Wohnung am Nachmittag noch genauso aussieht, wie man sie verlassen hat. Wenn dann alles gut eingespielt ist, ist es schon so, dass sich Frauen oftmals schwerer damit tun, da schnell jemanden wieder hineinzulassen. Aber gerade am Anfang kann das ja von Vorteil sein, wenn einmal jeder in der eigenen Wohnung lebt, während man einander beschnuppert. Es gibt Singles, die es in der ersten Zeit genießen, selbstbestimmt und autonom zu sein. Aber nach einer gewissen Zeit ist bei der großen Mehrheit der Wunsch nach einer Partnerschaft wieder da.

Der Lockdown macht die Partnersuche nicht gerade einfacher. Wie hat die Corona-Krise hier das Verhalten verändert?

Gerade jetzt während des Lockdowns hat die Online-Suche natürlich Hochsaison. Man hat ja kaum die Möglichkeit, jemanden beim Ausgehen kennenzulernen. Dabei verlieren diese ganzen Ablenkungen an Wert: Ich kann nicht ausgehen, ich kann nicht mit dem Auto vorfahren, ich kann nicht mit meiner letzten Reise prahlen. Dadurch geht es mehr auf Inhalte. Man kommt schneller zum Punkt auf Persönlichkeit und innere Werte.

Irgendwo geht das Ganze doch in Richtung Brieffreundschaft?

Das ist etwas, was ich immer empfehle: dass man einander nicht ewig schreibt. Sonst hat man irgendwann ein Fantasiegebilde im Kopf. Die Erwartungshaltung ist dann auf einmal so hoch, dass sie der Realität nicht standhält. Man sollte sich eher früher als später treffen. Auch jetzt kann man sich auf einen Spaziergang treffen.

Haben Sie einen Tipp für die Suche?

Ja - zu suchen. Es fällt auf, dass die meisten nicht aktiv suchen und sich darauf verlassen, gefunden zu werden. Das ist natürlich ein Fehler.