In den 70ern war die Welt noch in Ordnung. Im Fernsehen klopfte Edmund Sackbauer bierselige Wuchteln. Bruno Kreisky verkürzte die Arbeitszeit. "A Glock’n" lief in Dauerschleife. Papa fuhr im VW-Golf zur Trafik. Mama kaufte Schnitzel am Markt. Der Sohn die Schlaghose in der Boutique ums Eck. Die Tochter den Kassettenrekorder im Elektrogeschäft. Das Internet war noch nicht erfunden. Die Erderwärmung interessierte niemanden.

Die Zeiten sind vorbei. Heute wird im Netz eingekauft. Wiener Traditionsgeschäfte sperren - nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie - reihenweise zu. Ganze Straßenzüge veröden und verramschen. Ihr öffentliches Leben kommt zum Erliegen. Auslagen werden zu Garageneinfahrten. Geschäftslokale zu Radabstellräumen. Büchereien zu Nagelstudios. Der Wandel im Handel wird auch zum Wandel der Stadt. Erdgeschoße erblinden. Straßen verlieren ihr Flair. Die Stadt ihren Charakter.

Es gibt auch Lichtblicke. Einige wenige Geschäftsstraßen trotzen dem Trend. Die Landstraßer Hauptstraße im 3. Bezirk ist so eine Straße. Sie ist in den 70ern hängengeblieben. Zwar sind Schlaghose und Föhnfrisur verschwunden. Ansonsten könnte die Straße - mit wenigen Retuschen - noch immer als Kulisse für den "Kottan" herhalten. Einen Messerschleifer gibt es hier genauso wie einen Schuster, einen Kaffeeröster, eine Bücherei, ein Geschäft für Handschuhe, eines für Hüte, eines für Lederwaren, eines für Comics. Mode-Boutiquen, Trafiken, Bäcker, Juweliere sowieso. In kaum einer Straße Wiens ist die Handelsstruktur kleinteiliger. In kaum einer Straße ist die Dichte an Fachgeschäften höher. In kaum einer Straße sitzen mehr Familienbetriebe. Von Einkaufszentren belagert, vom Onlinehandel bedroht, widersetzt sich die Landstraßer Hauptstraße dem Zeitgeist. Noch. Denn auch ihr geht allmählich die Luft aus.

Kein Touristenmagnet

Vom Stubentor schlägt sich die Landstraßer Hauptstraße ihren Weg stadtauswärts zur Schlachthausgasse - vorbei an prunkvollen Zinshäusern aus der Gründerzeit. Vor allem auf ihrem ersten Kilometer - zwischen Wien Mitte und Apostelgasse - ist sie eine klassische Einkaufsstraße. Sie ist kein Touristenmagnet, wie die Mariahilfer Straße oder Kärtner Straße mit ihren großen Ketten und teuren Edelboutiquen. Sie steht in keinem Reiseführer. Teenager aus den Bundesländern kommen nicht zur Shoppingtour in den Dritten. Sie ist auch nicht heruntergekommen wie die Thaliastraße mit ihren Handyshops und Diskontern. Die Landstraßer Hauptstraße ist authentisch geblieben. Und beständig. Während die anderen Geschäftsstraßen der Stadt nach und nach wegbrachen, hatte sie deutlich weniger Probleme. Heute ist sie - nach der Mariahilfer Straße und der Innenstadt - die drittgrößte Geschäftsstraße der Stadt.

Trafiken, Juweliere und Bäcker gibt es wie Sand am Meer. - © Matthias Winterer
Trafiken, Juweliere und Bäcker gibt es wie Sand am Meer. - © Matthias Winterer

Laut Wiener Wirtschaftskammer sind an der Landstraßer Hauptstraße rund 400 Unternehmen aus 200 unterschiedlichen Branchen auf 82.000 Quadratmetern Geschäftsfläche gemeldet. In den Erdgeschoßen sind Bekleidungshandel, Lebensmittelhandel und Restaurants vorherrschend. Vor Corona kamen rund 14.000 Kunden pro Tag. 4,5 Prozent der Lokale standen leer. Keine allzu hohe Quote. Sechs Prozent sind Wiener Durchschnitt. Lange blieben die Auslagen selten verwaist. Im Bezirksvergleich rangiert der 3. Bezirk bei den Standortsuchenden an vierter Stelle - gleichauf mit der Innenstadt. Ideale Bedingungen für eine belebte Bezirksstraße. Ideale Bedingungen für eine lebenswerte Stadt.

Einkaufsstraßensterben

Doch Straßen wie die Landstraßer Hauptstraße sind selten geworden. "Vor 100 Jahren gab es in Wien 100 Geschäftsstraßen", sagt Roman Schwarzenecker, Prokurist der Beratungsfirma Standort und Markt. Die Stadt war für ihre Einkaufsboulevards bekannt. Das liegt vor allem an der radialen Form von Wien. "Die vielen Ausfallstraßen, die vom Zentrum wegführen, waren ein guter Nährboden für Geschäfte." Sie versorgten die Grätzl. In einer schachbrettartigen Planstadt wäre so eine Entwicklung unwahrscheinlich. Doch von 100 Einkaufsstraßen kann Wien heute nur träumen. Die Ausbeute fällt vergleichsweise mager aus.

Für Schwarzenecker gibt es nicht mehr als eine Handvoll. "Wien verfügt über fünf, mit zusammengedrückten Augen vielleicht zwölf echte Geschäftsstraßen", sagt er. Laut Definition von Standort und Markt braucht eine Straße, um als Einkaufsstraße zu gelten, mindestens 4.000 Quadratmeter Geschäftsfläche. Die Geschäfte müssen sich lückenlos durch die Erdgeschoßzone ziehen. 75 Prozent müssen Auswahlgüter anbieten - also Dinge, die nicht den täglichen Bedarf decken und unbedingt überlebenswichtig sind. "Schließlich geht es um Shopping, nicht um Versorgung." Streng genommen erfüllen in Wien lediglich die Mariahilfer Straße plus Nebenstraßen, die Fußgängerzone der Innenstadt, die Favoritenstraße und die Meidlinger Hauptstraße die Bedingungen.

Von Einkaufszentren umzingelt

Und eben die Landstraßer Hauptstraße. Dass ausgerechnet sie zu den Überlebenden zählen wird, glaubte niemand. Gleich drei Einkaufszentren drückte man ihr aufs Auge. Erst die Galeria am Ende der Straße, dann The Mall bei Wien Mitte und seit 2017 die Post am Rochus direkt im Herzen der Straße - am Rochusmarkt. Shopping Malls galten lange als der sichere Tod benachbarter, kleinteilig gewachsener Infrastruktur. Traditionelle Händler hätten gegen die Dumpingpreise der Filialisten keine Chance. Die hohe Dichte der unterschiedlichen Läden auf kompaktem Raum würden jede Straße ausstechen. Doch die Geschäftsstraße Landstraßer Hauptstraße funktioniert immer noch. Totgesagte leben länger.

Die Landstraßer Hauptstraße schlägt sich ihren Weg von Wien Mitte quer durch den Bezirk. - © Matthias Winterer
Die Landstraßer Hauptstraße schlägt sich ihren Weg von Wien Mitte quer durch den Bezirk. - © Matthias Winterer

Der Erfolg der Landstraßer Hauptstraße - oder Landstraße, wie der Landstraßer sagt - hat viele Gründe. Der Straßenzug ist mit dem Bahnhof Wien Mitte hervorragend angebunden. U-Bahn, Bim, Bus und die Züge der ÖBB verkehren hier. Er ist einer der meistfrequentierten Bahnhöfe des Landes. Die Wiener Linien zählten im Jahr 2019 170.000 Fahrgäste am Tag, die ÖBB 66.000. Vor allem der zentrumsnahe Teil der Landstraße profitiert von ihnen.

Doch das Geheimnis hinter ihrer Beständigkeit liegt woanders - in den Bewohnern der Straße selbst. Sie stellen das Gros der Kunden der Geschäftsstraße. Die Bevölkerungsstruktur der zentrumsnahen Grätzl des 3. Bezirks ist überdurchschnittlich alt. Gut betuchtes Bürgertum. Rund 17.800 Menschen leben rund um die Landstraßer Hauptstraße. Die meisten sind zwischen 45 und 65 Jahre alt. Es gibt wenig Studierende, aber viele Akademiker. Klassisches Bürgertum mit hoher Kaufkraft. Die Oma, die sich seit 50 Jahren ihre Übergangsjacke in derselben Boutique kauft. Der Opa, der auf Hosen vom Herrenausstatter Teller schwört. Und auf Geldtaschen vom Lederwarenhändler Weidner. Die Zeitung kauft er täglich in derselben Trafik. Danach trinkt er einen Veltliner am Rochusmarkt.

Sinkende Umsätze

"Solche Kunden habe ich viele", sagt Frau Castka. Sie verkauft auf 25 Quadratmetern Handschuhe. Modelle aus Lammfell, Reh- und Wasserschweinleder liegen in den Holzladen des deckenhohen Einbauschranks. Castka führt den Betrieb bereits in vierter Generation. Gegründet hat ihn die Handschuhmacher-Familie Bahr im Jahr 1903. Den Namen trägt das Geschäft bis heute. "Wir sind eine Institution in Wien", sagt Castka. Wie lange noch, weiß sie nicht. Mit dem Virus kamen drei Lockdowns. Die letzten zwei im Winter, der Hauptsaison für Handschuhe. "Mir ist die Grundlage des Geschäftsjahres verloren gegangen", sagt Castka. "Die Ersparnisse sind aufgebraucht."

Doch schon vor der Pandemie sanken die Umsätze des Handschuhgeschäfts Bahr. "Noch vor 20 Jahren standen wir zu viert im Geschäft und die Menschen Schlange vor der Tür." In den vergangenen Jahren kamen immer weniger. Die Winter wurden wärmer. Die billigeren, minderwertigen Produkte der Modeketten zur immer härteren Konkurrenz. Einige ihrer Nachbarn - vor allem Modehäuser - sperrten in den vergangenen Jahren zu. "Wir sind zwar noch immer eine Insel der Seligen, doch auch vor uns macht der Kahlschlag nicht halt", sagt Castka.

50 Prozent Filialisten

Obwohl in der Landstraßer Hauptstraße noch immer viele traditionelle Händler sitzen, sperren auch viele zu. Ihre Läden werden vorwiegend durch Gastronomielokale ersetzt. Sie versorgen tausende Arbeitskräfte des Büro-Districts um Wien Mitte. Aber auch Filialisten ziehen ein. Libro, Hofer, Deichmann, Billa, DM, Penny Markt, Starbucks. Sie alle findet man hier. Laut Standort und Markt beanspruchen die Ketten knapp die Hälfte der gesamten Geschäftsfläche der Straße. Wobei hier die Flächen der drei Einkaufszentren - in denen es fast nur Filialisten gibt - mitgerechnet werden. Der Mix aus kleinen Geschäften und großen Massenanbietern ist hier nicht per se das Problem. Den verträgt das Grätzl. Es hapert am Engagement der Discounter für die Straße selbst. Internationalen Ketten liegt naturgemäß wenig am regionalen Gefüge einer Stadt. Ihr Interesse endet an der Schiebetür. Die kleinen Händler haben sich hingegen schon vor Jahren in Vereinen zusammengeschlossen. "Gemeinsam investieren wir etwa in Weihnachtsbeleuchtung", sagt Klaus Brandhofer, Obmann der Landstraßer Kaufleute. "Sie soll die Leute aus dem Einkaufszentrum zurück auf die Straße holen."

Das Geschäft Bahr verkauft Handschuhe. Es ist eine Institution in Wien. - © Matthias Winterer
Das Geschäft Bahr verkauft Handschuhe. Es ist eine Institution in Wien. - © Matthias Winterer

Auch in Zeiten der Pandemie hängen die Lichterketten zwischen den Häuserblocks. Autos rauschen unter Weihnachtssternen durch. Denn die Landstraßer Hauptstraße ist nicht nur eine Geschäftsstraße. Sie ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen durch den Bezirk. An manchen Tagen ist das Pkw-Aufkommen enorm. 20.000 Autos passieren durchschnittlich den Bereich zwischen Invalidenstraße und Rochusgasse. Über die Länge der gesamten Straße sind 50 Stundenkilometer erlaubt. Selbst in dieser Hinsicht ist die Landstraße in den 70ern hängengeblieben. Die Straße ist voll auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet. Dem Fußgänger bleibt verhältnismäßig wenig Platz. Radfahrer müssen sich mit einem schmalen Streifen begnügen. Die Feinstaubbelastung ist hoch.

Begegnungszone abgesagt

Schon öfter war eine Begegnungszone nach dem Vorbild der Mariahilfer Straße im Gespräch. Vor allem der zentrumsnahe Bereich der Straße um den Rochusmarkt sollte beruhigt werden. Vor der Wien-Wahl im Herbst brachten sie die Grünen wieder ins Gespräch. Mit Straßenbahn statt Bus, mehr Bäumen und Platz für Fußgänger. Doch ein Rundruf der "Wiener Zeitung" zeigt: Die Mehrheit der Geschäftsleute ist dagegen. Sie fürchten um Kundschaft, die mit dem Auto kommt.

Und so bleibt die Landstraße noch ein bisschen in den 70er-Jahren stecken. Mit allen Vor- und Nachteilen. Mit den alten Familienbetrieben. Mit den Beiseln, Modehäusern und Bäckern. Mit dem Lärm der Motoren, dem Hupen, den Abgasen.

Nur die Schlaghose ist verschwunden. Kreisky und Mundl auch.