"Was, die Wiener werden in diesem Spital gratis behandelt?" Henry Kissinger, ehemals US-Außenminister und privat ein ganz großer Jugendstil-Fan, konnte es kaum fassen. Eben hatte man ihm Otto Wagners Kirchenjuwel auf dem Gelände des gleichnamigen Spitals im Rahmen eines Privatbesuchs gezeigt, als er sich 2008 ungläubig mit dieser Frage an den damaligen Bundespräsidenten wandte. Heinz und Margit Fischer hatten Kissinger den sehnlichen Wunsch eines Kitchenbesuchs am Steinhof ermöglicht.

Dass in Wien Patienten kostenlos versorgt werden, einfach solche Kirchen besuchen können und Erhaltung und Betrieb von all dem durch den öffentlichen Spitalsträger Wien geleistet werde, überstieg das Vorstellungsvermögen des Republikaners.

Nicht immer konnten Juden, wie Kissinger, oder Angehörige anderer Religionen ganz ohne jegliche Probleme die katholische Jugendstilkirche betreten. So weiß der scheidende Verwaltungsdirektor des Otto-Wagner-Spitals, in dessen administrative Obhut auch die Kirche fällt, von einem skurillen Fall vor nicht allzu langer Zeit zu berichten. Übereifrige Religionswächter und Kirchengänger baten einen jüdischen Besucher mit Kippa resolut aus dem Sakralraum. Der damalige Bürgermeister Michael Häupl ließ Wiedergutmachung leisten: Rainer Miedler lud den Besucher samt verstörtem kleinen Sohn zum neuerlichen Besuch inklusive koscherer Jause.

Religiöse Toleranz war zwar vom Architekten Otto Wagner eingeplant, aber sie ist in der Kirche nicht immer gelebt worden. Zwei seitliche Eingänge neben dem dreigeteilten Hauptportal waren von ihm für allfällige nichtkatholische Patienten vorgesehen gewesen. Denn als die "Landesirrenanstalt" samt Kirche am Steinhof 1907 in Betrieb ging, hatte der Architekt überlegt, dass die rund 3.500 Patienten aus der Reichshauptstadt wohl nicht nur Katholiken sein würden. Doch Otto Wagner musste die vorgesehen Nebeneingänge noch vor der Eröffnung wieder zumauern. Miedler: "Man kann man die Umrisse aber heute noch erahnen, wenn man genau hinsieht."

Schon der Schöpfer der Altarbilder, Koloman Moser, wurde um 1907 Opfer skurriler Vorgänge. Nach Fertigstellung der beiden Seitenfenster mit Heiligendarstellungen, durfte er zur Fertigstellung des zentralen Bildes "einfach den Altarraum nicht mehr betreten", erzählt Miedler. Moser hatte während der Arbeiten eine Protestantin geheiratet und war gänzlich unbedarft und aus Liebe und Respekt seiner Frau gegenüber der evangelischen Kirche beigetreten. Das reichte damals für das Verbot durch Eiferer. Das Altarbild mussten Freunde und Schüler Mosers fertigstellen.

Das katholische Kaiserhaus hat den Sakralbau als sogenannte "Patronanzkirche" gespendet. Daraus folgte, dass die Katholische Kirche über die innere Nutzung ganz wesentlich mitbestimmt. Für die Erhaltung und Finanzierung hatte aber immer der Staat und somit bis heute die Stadt Wien in Form ihres Spitalerhalters des "Wiener Gesundheitsverbund (früher KAV)" aufzukommen.

Weiteres zu Wagners "Kirche am Limoniberg" folgt im Rahmen dieser Serie hier demnächst.