In den vergangenen Tagen wurden 2.500 Menschen in den Wiener Wohnheimen geimpft, das entspricht etwa einem Drittel der insgesamt rund 8.000 Bewohner der städtischen "Häuser zum Leben". In den kommenden Tagen sollen es mehr werden - doch etwa 50 Prozent der Senioren wollen sich vorerst nicht impfen lassen, wie Horst Harlacher, Sprecher des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser, gegenüber der "Wiener Zeitung" bestätigt.

Auch im Heim Mariahilf, in dem es nach Weihnachten zu einem rapiden Anstieg an Corona-Fällen kam, gibt es Impfskeptiker. Johanna Friedl (Name geändert) ist eine von ihnen. Die 88-Jährige ist Bluterin und unsicher, ob sie trotz ihrer Krankheit geimpft werden sollte. Jedenfalls will sie nicht unter den Ersten sein, die die Impfung bekommen. Dabei gibt es in ihrem Heim derzeit so viele Corona-Fälle wie noch nie: 38 von 250 Bewohnern und 16 Mitarbeiter sind an dem Virus erkrankt, darunter auch der Heimleiter Wolfgang Krb, der seinen milden Verlauf im Moment zu Hause auskuriert. Er berichtet, dass es zu den Ansteckungen vor allem im stationären Bereich kam: Viele dieser Bewohner sind schwer demenzkrank und können keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Da viele noch dazu symptomlos erkrankt sind, konnte sich das Virus schnell verbreiten. Die meisten der Infizierten haben jedoch einen milden Verlauf oder sind asymptomatisch, nur ein Bewohner musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Die meisten Infizierten sind bereits am Weg der Besserung, für viele ist die Quarantäne fast zu Ende. 50 bis 60 Prozent der Bewohner im Haus Mariahilf haben die Corona-Impfung schon bekommen oder werden in den nächsten Wochen geimpft, erklärt Heimleiter Krb, aber: "Es gibt viele, die sich jetzt noch nicht impfen lassen, sondern noch ein wenig abwarten wollen." So auch Friedl, weshalb sich ihre Angehörigen große Sorgen machen. Sie kritisieren, dass die 88-Jährige lediglich in einem Informationsblatt über die Impfung informiert wurde, und nicht in einem persönlichen Gespräch. Das verwundert insofern, als Katharina Reich, neue Sektionschefin für öffentliche Gesundheit, die Verzögerungen bei den Impfungen im ZiB2-Interview mit Armin Wolf mit erforderlicher Vorlaufzeit für Gespräche und Aufklärung begründet hat. In welcher Form diese Aufklärung stattfindet, entscheiden die Heime. Im Heim Mariahilf wurde hauptsächlich auf Info-Blätter, Aushänge und Lautsprecherdurchsagen gesetzt. Bei 250 Bewohnern könne man nicht mit jedem einzeln sprechen, so Pressesprecher Harlacher, aber: "Es haben Gespräche stattgefunden."

Das Ziel lautet: "Alle sollen sich impfen lassen"

Unterdessen sind am Montag hochrangige Mediziner vor die Öffentlichkeit getreten, um zu versichern, dass die Impfung "zuverlässig und sicher" ist. Mit Medien-Kampagnen soll ab Dienstag die Bevölkerung zum Impfen animiert werden. Die Initiative "Österreich impft" will die Vorteile der Corona-Impfung kommunizieren. Möglichst alle Menschen in Österreich sollen sich impfen lassen, lautet das ambitionierte Vorhaben der Initiative, die fünf hochkarätige Sprecher vorzuweisen hat: Markus Müller ist Rektor der MedUni Wien, Ursula Wiedermann-Schmidt die Vorsitzende des Impfgremiums, daneben die Allgemeinmedizinerin Reingard Glehr und der Infektiologe Herwig Kollaritsch sowie die Arbeitsmedizinerin Eva Höltl.

Rektor Müller erinnerte, dass ziemlich genau vor einem Jahr mit der Entwicklung von Schutzimpfungen gegen Covid-19 begonnen wurde. Nun sind die ersten Impfstoffe zugelassen, aber ein Viertel der Österreicher steht ihnen ablehnend gegenüber, knapp die Hälfte ist unentschlossen, ob sie sich impfen lassen soll. Der Mediziner verwies darauf, dass die Impfstoffe "weltweit bereits millionenfach verwendet" wurden. Dass Impfungen "paradoxerweise Opfer ihres eigenes Erfolgs" sind, sehe man an zahlreichen Infektionskrankheiten wie Pocken oder Keuchhusten, die es heute dank der Impfungen nicht oder kaum mehr gibt", sagte Kollaritsch. Wir sehen "die meisten Infektionskrankheiten nicht mehr", und nun fehle uns "der Bezug zu dem Leid, das sie verursacht haben". Deshalb würden viele Menschen nicht verstehen, warum sie geimpft werden müssen. Der fehlende Leidensaspekt führe zu einer kritischen Haltung der Bevölkerung gegenüber Impfungen, warnte der Experte.

450 Geimpfte verhindern einen Corona-Todesfall

Um einen Krankheitsfall zu verhindern, müssen bei der Influenza 40 Personen geimpft sein, rechnete Kollaritsch vor. Beim Coronavirus würden fünf Personen genügen. Um einen Todesfall zu verhindern, brauche es 450 geimpfte Personen. Das zeige, "wie ungeheuer hoch der Nutzen der Corona-Impfung ausfällt", so Kollaritsch. Aufklärung soll Ängste und Sorgen entkräften und Fehlermeldungen und Unwahrheiten entgegentreten, so die Mediziner.

Doch viele Menschen sind unsicher, wie ein Impfstoff, der so schnell entwickelt wurde, sicher sein kann. Die Schnelligkeit bei der Entwicklung liege daran, dass keine neue Impfstofftechnologie entwickelt werden musste, sondern bestehende Impfstoffplattformen an das Virus angepasst werden konnten, erklärte Kollaritsch. Arbeitsmedizinerin Nun gehe es darum, die Menschen umfassend und verständlich zu informieren, sagte Höltl: "Wir wenden uns besonders an die sehr große Gruppe, die die Entscheidung noch nicht getroffen hat." Und Friedl? Nach vielen Gesprächen mit ihrer Familie überlegt sie, sich vielleicht doch impfen zu lassen. Sie will das Thema beim nächsten Arztgespräch ansprechen.