Es wird kälter. Spätestens am Sonntag erwartet Wien ganztägigen Frost. Laut Prognosen der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) sinken die Temperaturen auf bis zu minus 7 Grad. Am Dienstagabend begann es sogar zu schneien. Zumindest ein bisschen. Im Stadtpark rutschten Kinder über den dünnen Schneefilm. Die Grashalme konnte er nicht ganz bedecken. Fast kam ein Gefühl von Winter auf - in der Stadt, die gegen Schnee resistent zu sein scheint.

Im Jahr 2019 fielen in der Bundeshauptstadt zwei Zentimeter Schnee. Auch in den Jahren davor war die Ausbeute mager. "Von 1991 bis heute fielen im Jänner im Schnitt 16 Zentimeter Neuschnee", sagt Alexander Orlik, Meteorologe an der ZAMG. "Von 1961 bis 1990 waren es noch 25 Zentimeter." An etwa zehn Jännertagen ist Wien verschneit. Vor 30 Jahren zählten die Meteorologen noch 17 Tage mit Schneedecke. Am Niederschlag liegt das nicht. Denn wie die Statistik der ZAMG zeigt, war der Winter 2019 außerordentlich nass. 200 Millimeter Regen fielen im Jänner pro Quadratmeter. Insgesamt waren die Jänner der vergangen drei Jahrzehnte überdurchschnittlich feucht.

Doch Schnee ist nicht Wasser allein. Er braucht bekanntlich auch tiefe Temperaturen. Und an denen hapert es. So richtig kalt war es in den vergangenen Jahren in Wien selten.

Im Schnitt um 2 Grad zu viel

Die Aussicht auf ein kaltes Wochenende mag uns frösteln. Einzelne kalte Tage täuschen über den Trend hinweg. Und der ist eindeutig: Es wird wärmer. Von den vergangenen zehn Jännern war es in nur einem kälter als im langjährigen Durchschnitt. Im Jänner 2017 lag der Tagesmittelwert der Lufttemperatur bei minus 3,1 Grad. Über viele Tage herrschte Dauerfrost. Sogar die Donau fror zu - ein statistischer Ausreißer. Denn in den anderen neun Jännern war es zu warm - und zwar um ein Vielfaches. 2018 lag der Mittelwert sogar bei lauen 4,5 Grad plus. "Seit den 1950er Jahren ist es in Wien im Schnitt um 2 Grad zu warm", sagt Orlik.

Der Klimawandel zeigt sich nicht nur in den überhitzten Sommern der Stadt. Auch die Winter werden milder. Führt im Sommer die hohe Konzentration an Kohlendioxid in der Atmosphäre zu Tropennächten und Hitzetagen, ist das Problem im Winter ein anderes: "Die globale Erwärmung der Erde ändert die Großwetterlagen. Im Winter kommt immer öfter warme Luft aus dem Süden zu uns. Früher war das Winterwetter von der Kaltluft aus Osteuropa geprägt", erklärt der Meteorologe.

Doch Lufttemperaturen sind von vielen Faktoren abhängig: von der Seehöhe, der Sonneneinstrahlung, den Windverhältnissen, der Geländebeschaffenheit. So erklärt sich auch der regionale Unterschied im kleinen Österreich. Sanken die Temperaturen im Jänner im Westen bereits tief unter den Gefrierpunkt, war es im Osten meist zu warm. Ein Grund dafür sind die Berge: Tief stehende Wintersonne und hohe Gipfel führen dazu, dass manche Täler für mehrere Monate im Schatten liegen. Kein Sonnenstrahl erreicht ihre Böden, während die Restwärme ungehindert abstrahlen kann. Die kalte Luft strömt die Berghänge hinab und sammelt sich auf dem Talboden. Dicke Schneedecken halten die Wärme im Boden. Sie kann nicht an die Luft abgegeben werden.

Harter Winter 1929

Warme Luft aus dem Süden, keine Berge, hohe Konzentration an Kohlendioxid. Der Winter in Wien ist zum lauen Herbst geworden, Dauerfrost eine Rarität. 1929 war der kälteste Winter der vergangenen 200 Jahre: Die Luft kühlte auf unter minus 25 Grad ab. 37 Tage am Stück sollte die Temperatur nicht mehr über den Gefrierpunkt steigen. Eine 50 Zentimeter dicke Eisschicht bedeckte die Donau.

Am Wochenende wird es kälter. Von Rekordwerten sind wir aber weit entfernt. Die Chance auf Schnee ist gering. Rodeln wird Wunschtraum bleiben. Vielleicht geht sich ja ein Schneefilm aus.