Bei der Zuteilung von Schulplätzen an verschränkten Ganztagsschulen will Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) künftig auch den sozioökonomischen Hintergrund der Kinder berücksichtigen. Das soll zu besseren Bildungschancen benachteiligter Schüler führen, betonte er am Mittwochabend bei einer Veranstaltung der Wirtschaftsuniversität (WU). Forscher der WU orten beim aktuellen System generell Verbesserungsbedarf: Es führe zu ineffizienter und unfairer Zuteilung.

Ganztagsschulen werden derzeit vor allem von Kindern mit höher gebildeten und beruflich bessergestellten Eltern genutzt. In Wien werden bei den verschränkten Ganztagsschulen (mit einem Wechsel aus Lern- und Freizeit über den Tag) zusätzlich Familien mit zwei berufstätigen Eltern bei der Platzvergabe bevorzugt, wodurch teilweise gerade jene Kinder, deren Eltern sie nicht so gut beim Lernen unterstützen können, von dem Angebot ausgeschlossen sind.

Neue Kategorie

Künftig soll es in Wien nun eine Kategorie "soziökonomischer Hintergrund der Eltern" bei der Schulplatzzuteilung bei verschränkten Ganztagsschulen geben. Das sei in den Verhandlungen mit dem Regierungspartner SPÖ festgeschrieben worden. Laut Regierungsprogramm sollen zudem auch Deutschförderbedarf und Empfehlungen der Kindergärten einfließen.

Beim aktuellen Modell gibt es nach dem Befund von Anita Zednik, die an der WU zu ökonomischen Entscheidungen forscht, jedenfalls noch Luft nach oben. In Wien melden sich jedes Jahr 17.500 Schüler für eine der 288 Volksschulen an. Wichtigste Kriterien für die Schulplatzzuteilung sind derzeit Geschwisterkinder am Standort, Wohnortnähe und Betreuungsbedarf. Für Außenstehende sei der Prozess allerdings nicht transparent und das führe zu "strategischem Verhalten" der Eltern, sagte Zednik.

Diese würden ihr Kind nicht unbedingt an ihrer Wunschschule anmelden, sondern an einem Standort, wo sie sich gute Chancen auf einen Platz erwarten. Andere würden ihre Beziehungen spielen lassen, Direktoren und Schulinspektoren "belagern" oder ihr Kind zur Sicherheit als Plan B bei einer Privatschule anmelden. Tatsächlich zeige eine Analyse der (anonymisierten) monatlichen Meldedaten in Wien bei Kindern vor dem Schuleintritt einen starken Anstieg der sogenannten "Hin-und-her-Umzüge", bei denen jemand nach einer Ummeldung wieder an die ursprüngliche Adresse zurückkehrt.

Betroffen sind vor allem die Monate September bis Jänner, also jene vor der Schuleinschreibung. Auch vor dem Kindergarteneintritt oder dem Wechsel in die AHS-Unterstufe bzw. Mittelschule steigt die Zahl der "Hin-und-her-Umzüge" stark. Genutzt wird das vor allem von österreichischen Staatsbürgern. Die Schulen haben übrigens keine Möglichkeit, den echten Wohnort zu verifizieren.

Ineffizient und unfair

"Dieses strategische Verhalten führt zu einer Zuteilung, die ineffizient oder unfair ist", betonte Zednik. Es könnten mehr Kinder ihrer wirklichen Lieblingsschule zugeteilt werden, ohne deshalb andere Kinder schlechterzustellen. Zusätzlich führe dieses strategische Verhalten dazu, dass Familien, die nicht um die diversen Mechanismen wissen, schlechter aussteigen. Um das tatsächliche Ausmaß von strategischem Verhalten und die Zufriedenheit der Eltern mit dem derzeitigen Prozedere einschätzen zu können, bräuchte es allerdings noch mehr Daten.

Modelle für eine Schülerzuteilung, bei der möglichst viele Kinder und Jugendliche tatsächlich einen Platz an ihrer Wunschschule bekommen, hat bei der Veranstaltung Stanford-Professor Alvin E. Roth vorgestellt. Die vom ihm entwickelte Zuteilung per Computeralgorithmus soll vor allem dazu führen, dass Eltern ihre tatsächliche Präferenz angeben, statt zu taktieren. In Boston etwa, wo das alte Modell jenem von Wien ähnelte, wird nun ein "Top Trading Cycle" eingesetzt: Das System erhebt, welche Schüler noch nicht an ihrer Wunschschule gelandet sind, und schaut, ob es Möglichkeiten gibt, andere ebenfalls noch unzufriedene Schüler so ihre Plätze wechseln zu lassen, dass am Ende jeder an einer von ihm bevorzugten Schule landet.

Dabei kann das System neben der Präferenz auch andere Kriterien berücksichtigen, etwa wie in Wien Geschwisterkinder, Wohnortnähe oder eben auch die soziale Durchmischung.

Bildungsstadtrat Wiederkehr zeigte sich grundsätzlich offen für Änderungen. Immerhin sollten nicht nur jene den geeignetsten Schulplatz oder die beste Bildung bekommen, die am besten informiert oder die besten Strategen seien.