Beate kauft eine Banane. Moritz demonstriert gegen Rassismus. Dagmar überfährt eine Ampel. Ahmet spaziert durch den Park. Ereignisse unterschiedlichster Art. Verschiedene Absichten. Verschiedene Auswirkungen. Verschiedene Zeitpunkte. Verschiedene Orte. Naschmarkt. Heldenplatz. Landesgerichtsstraße. Stadtpark. Doch sie haben eines gemeinsam. Sie passieren im öffentlichen Raum.

Der öffentliche Raum ist essenziell für die Stadt. Ohne ihn existiert sie nicht. Er ist ihre Voraussetzung. Ihre Essenz. Hier findet das urbane Leben statt - auf den Plätzen, Straßen, Gehsteigen, in den Straßencafés, Beisln, Parks. Nicht unsere Wohnungen und Arbeitsplätze machen die Stadt aus. Es ist der Raum dazwischen, auf den es ankommt. Es ist die vermeintliche Lücke - die wir blindlings passieren -, die aus dem riesigen Konglomerat an Menschen das macht, was wir gemeinhin Stadt nennen. Es ist der öffentliche Raum, der eine Stadt lebendig macht.

Die Corona-Pandemie hat uns den öffentlichen Raum genommen. Sie hat ihm sein Adjektiv gestohlen. Öffentlichkeit findet auf den Straßen keine mehr statt. Sie sind zum Risikogebiet und Angstraum verkommen. Wir durchwandern sie allein oder mit unseren engsten Vertrauten. Mit der Familie, mit einem Freund. Hastig, oft mit Maske. Die Begegnung mit den Anderen - Fremden und Gleichgesinnten - vermeiden wir. Sie ist verboten und unter Strafe gestellt. Der öffentliche Raum - in dem sich im 18. Jahrhundert das bürgerliche Leben etablierte, der Kunst und Literatur hervorbrachte - ist mit einem Vakuum gefüllt. Niemand diskutiert im Beisl über die hohe Arbeitslosigkeit. Niemand schimpft auf der Parkbank über Politiker. Niemand beklagt sich im Bus über den Verkehr. Niemand regt sich über Hundstrümmerl am Gehsteig auf.

Krise als Chance

Der freie öffentliche Austausch, der eine Demokratie ausmacht, ist aus den Straßen der Stadt verschwunden. Er ist versiegt. Oder verlagert sich in die Blasen des Internets - auf Twitter, Facebook, den Foren der Tageszeitungen. Ohne öffentlichen Raum wäre weder das Lichtermeer gegen Fremdenfeindlichkeit am Heldenplatz 1992 noch die Wiener Oktoberrevolution 1848 denkbar gewesen. Demokratie setzt einen freien Zugang zum öffentlichen Raum voraus. Soziale Distanz - eine notwendige pandemische Maßnahme - ist das Gegenteil von Teilhabe, Zusammenhalt und Gesellschaft. Ohne öffentlichen Raum wäre die Welt eine andere. Ohne öffentlichen Raum ist Wien keine Stadt.

Doch die Sache ist komplex. So sehr das Virus der Stadt auch zusetzt, so sehr ist es auch Chance. Liegt der öffentliche Raum in diversen Lockdowns danieder, erlebt er gleichzeitig ein unverhofftes Revival. Die Krise scheint das zu verwirklichen, wovon progressive Stadtplaner und Theoretiker seit vielen Jahren träumen.

Bereits 1968 kritisierte der französische Philosoph Henri Lefebvre die Einnahme urbaner Freiräume durch Privilegierte. In seinem Buch "Recht auf Stadt" plädierte er für ein gesamtgesellschaftliches Anrecht auf kollektiv gestalteten und genutzten städtischen Raum. Heute ist der öffentliche Raum umkämpft wie nie. In einer wachsenden Stadt ist er knapp geworden. Die private Sphäre frisst die öffentliche regelrecht auf. Dringend muss Wohnraum geschaffen werden. Jeder Fleck wird verbaut. Investoren und Politiker treiben die Bautätigkeit voran. Der karge Rest wird privatisiert, reguliert, kontrolliert. Der Donaukanal ist Partymeile. Ein Volksfest okkupiert die Kaiserwiese im Prater. Die Straßen gehören den Autos. Wohnungslose werden vertrieben. Die Stadt wird mit Kameras überwacht. Kinder dürfen nur noch auf ausgewiesenen Plätzen spielen. Es ist verboten, die Wiese vor dem Gemeindebau zu betreten. Es ist verboten, auf der Treppe vor dem Einkaufszentrum zu sitzen.

Der öffentliche Raum war vor der Krise weit davon entfernt, allen zu gehören. Vielleicht ist es nach der Krise anders.

Der Lockdown zeigt uns, wie elementar öffentlicher Raum für uns alle ist. Denn auch wenn ihn die Bürger isoliert von ihren Mitmenschen betreten, tun sie Beachtliches. Sie erobern sich die Stadt zurück - in einer in der westlichen Welt lange nicht dagewesenen Art und Weise. Ein Mann stellt einen Wohnzimmersessel auf den Gehsteig und liest ein Buch. Kinder bemalen die Straße mit Kreiden. Ein Vater besteigt mit seiner Tochter einen Brunnen neben einem gesperrten Klettergerüst. Eine Familie picknickt am Abstandsgrün zwischen zwei Gemeindebaublocks. Ein Mann im Anzug trinkt sein After-Work-Bier auf einem Stromkasten sitzend. Jugendliche fahren mit Rollern zwischen den leeren Ständen des Naschmarktes um die Wette. Auf Spielstraßen wird tatsächlich gespielt. Mädchen bedienen im leerstehenden Gastgarten imaginäre Gäste. Brachen werden zu Parks. Jeder noch so kleine Freiraum genutzt.

Urbanität entsteht aus Mangel

"Die Funktionalisierung und Regulierung der Flächen - wann, wo, was passieren darf - stehen der Fähigkeit der Menschen im Weg, ihre Stadt lebendig zu halten", sagt Hannes Gröblacher, Lektor an der Boku Wien, Künstler und Landschaftsarchitekt. Er schreibt an einer Studie zum Thema öffentlicher Raum in der Corona-Pandemie. "In der Zeit der Lockdowns setzen sich die Menschen über die Regulierungen hinweg. Urbanität entsteht auch aus Mangel."

Der Mangel an Mobilität etwa. "Der geringe Bewegungsradius bewirkt eine stärkere Durchmischung der öffentlichen Räume der Stadt", sagt Lilli Lička, Professorin für Landschaftsarchitektur an der Boku. Der Beserlpark ist oft die einzige Alternative zum geschlossenen Gastgarten, Theater, Kino. Und es gibt eben keinen eigenen Park für Betuchte und einen für Arme, wie das bei Lokalen der Fall ist. Die Oma mit Mindestpension sitzt neben dem Manager mit Rolex - wenn auch mit Abstand. Die Wege der Bürger ändern sich. Sie nehmen neue Routen durch die Stadt. Entdecken Hinterhöfe, kleine Parks, Brachen, begegnen anderen Menschen. "Die Lücken im Freiraumnetz werden geschlossen", sagt Lička.

Raum für alle und jeden

Nach überstandener Pandemie - wenn die soziale Distanz Geschichte ist - könnte das lebendigere Zentren produzieren. Die Menschen haben sich die Stadt wieder angeeignet. Aneignung ist ein Zauberwort im modernen urbanistischen Diskurs. Stadtplaner treibt die Frage um, wie sie die Bewohner dazu bewegen, die Flächen der Stadt zu nutzen. Möglichst viele Menschen. Möglichst viele Flächen. Niemanden soll der Zugang zu einem Stadtgebiet verwehrt bleiben. Nicht aus Gründen eingeschränkter Mobilität. Nicht aus Gründen sozialer Ungleichheit. Der Rollstuhlfahrer soll sich im Park genauso wohlfühlen wie der Wohnungslose, der Pensionist, das Kleinkind. Die Bedürfnisse aller Gruppen sollen gestillt sein - sind ihre Ansprüche auch noch so verschieden. Nur so entsteht echte Urbanität.

Die Intentionen vieler Planer werden nun ausgerechnet von einem Virus befeuert, das das öffentliche Leben zum Erliegen bringt. Doch die Wiederentdeckung des öffentlichen Raums spielt ihnen in die Karten. Der Ausbruch der Bürger aus den strengen Regularien einer nach Funktionen segmentierten Stadt gibt ihren multifunktionalen Ideen recht. Eine Straße soll nicht nur Straße sein. Ein Stadtmöbel nicht nur Sitzmöglichkeit. "Urbanität definiert sich über die Möglichkeiten des öffentlichen Raums", sagt Stadtplaner Wolfgang Gerlich. Ist eine Straße reine Transitroute, ist sie wenig urban. Ist sie eine Begegnungszone, kommt sie dem Ideal einer belebten Stadt näher.

Das weiß auch die Stadtregierung. Zu Beginn der Krise im März wagte sie sich mit temporären Begegnungszonen, Pop-up-Radwegen und einem Pool am Gürtel etwas unglücklich aus der Defensive. Dabei hätte sie erstaunlich fortschrittliche Konzepte in der Schublade. Das "Fachkonzept öffentlicher Raum" liest sich wie eine soziale Utopie. Leider hapert es oft an der Umsetzung. Schließlich will man den Wähler nicht verschrecken. Nur nicht mit der Tür ins Haus fallen. Nur nicht zu progressiv sein. Schluss damit. Wir sind bereit für die Utopie.