Rund 1.200 Einsätze hatten die Wiener Polizisten pro Tag im Jahr 2020 zu bewältigen. Damit war es trotz der Corona-Pandemie für die Exekutive in Wien so etwas wie Business as usual. Wie Landespolizeipräsident Gerhard Pürstl am Montag erklärte, gab es im Vorjahr 1,2 Millionen Notrufe, von denen etwa ein Drittel bis ein Viertel tatsächlich in einem Polizeieinsatz mündete. Vor allem im Frühjahr gab es bei manchen Delikten massive Rückgänge.

660.000 Geschwindigkeitsübertretungen gab es 2020. - © Luiza Puiu
660.000 Geschwindigkeitsübertretungen gab es 2020. - © Luiza Puiu

Laut Pürstl könne man das Jahr 2020 aufgrund der Corona-Krise in zwei Phasen teilen: Die erste betreffe das Frühjahr mit dem ersten Lockdown, die zweite die Zeit ab September. Vor allem in der ersten Phase habe man sehr wenige Menschen auf der Straße gesehen. "Da hat das Kriminalitätsgeschehen deutlich nachgelassen", so der Polizeipräsident. Etwa im Bereich Wohnraumeinbrüche gab es Rückgänge um 80 bis 90 Prozent. Auch bei anderen Delikten wie Taschendiebstählen und Raubüberfällen wurden weniger Taten als sonst verzeichnet.

Doch es gab auch Entwicklungen, welche den Polizeipräsidenten überraschten: "Es gab keinen Rückgang, aber auch keine wesentlichen Anstiege im Bereich Cyberkriminalität, die offensichtlich auf die Pandemie zurückzuführen sind", sagte Pürstl. Anstiege registrierten die Ermittler beim Online-Betrug. Ab dem September normalisierte sich das Straßenbild wieder. Viele Menschen gingen wieder an ihren Arbeitsplatz und waren auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Folgerichtig: "Es gab auch im Herbst Rückgänge, aber nicht so stark wie im Frühjahr."

Frage an die Wissenschaft

Ebenso überraschend war für Pürstl wie für viele Experten, dass der befürchtete Anstieg bei der häuslichen Gewalt ausblieb. Der Landespolizeipräsident plädierte für eine wissenschaftliche Untersuchung: Häusliche Gewalttaten sind sogenannte Anzeigendelikte. Das heißt, dass die Polizei nur dann davon erfährt, wenn sie angezeigt werden. Die Frage an die Wissenschaft würde nun lauten, ob die Zahl der häuslichen Gewaltakte tatsächlich nicht stieg oder Betroffene sie nur nicht anzeigen, weil der Gefährder mangels Ausweichmöglichkeiten immer zu Hause ist. "Das ist nicht belegt und wäre eine Untersuchung wert", sagte Pürstl.

Weiters überraschend sei, dass die Beschlagnahmungen von Drogen und Bargeld aus Suchtmitteldelikten gegenüber 2019 deutlich zugenommen haben: Vor allem Heroin, Kokain und Cannabisprodukte gab es mehr. Beim Bargeld wurden im vergangenen Jahr 660.000 Euro bei Suchtmittel-Dealern beschlagnahmt. 2019 waren es mit etwa 325.000 Euro nicht einmal halb so viel. Pürstl

Die Corona-Pandemie wirkte sich auch beim Arbeitsaufkommen bei für die Kontrolle des Straßenverkehrs eingesetzte Polizisten in Wien aus. Pürstl sagte, es gab im Vorjahr 506.000 Radarmessungen, die in Anzeigen mündeten, dazu kamen 120.000 Lasermessungen, die Anzeigen nach sich zogen. Insgesamt wurden 2020 660.000 Geschwindigkeitsübertretungen beanstandet.

Ein Ziel ist es laut Pürstl, "grundsätzlich bei jeder Verkehrsanhaltung einen Alkoholvortest durchzuführen". Damit wurden im vergangenen Jahr 3.500 Lenker gestoppt, die mehr als 0,8 Promille Alkohol im Blut hatten. Der Polizeipräsident bezeichnete als umso bedenklicher, dass 2.400 durch Suchtmittel beeinträchtigte Autofahrer erwischt wurden - denn da gibt es noch kein Vortestgerät. "Wir haben zwar eine große Anzahl spezialisierter Beamter im Erkennen einer Suchtmittelbeeinträchtigung. Aber das sind bei weitem nicht alle", so Pürstl.

Radikalisierungstendenzen

Abgesehen davon habe die Coronakrise bei größeren Bevölkerungsgruppen Verunsicherung ausgelöst und Radikalisierungstendenzen verstärkt. Vor allem Existenzängste, Sorgen um den Arbeitsplatz oder die Firma stehen dabei im Vordergrund: "Es ist klar, dass sich Personen des linken Randes, aber vor allem des rechten Randes darum bemühen, diese Menschen abschöpfen zu können." Pürstl sprach in diesem Zusammenhang von Bauernfängerei: "Wenn die Menschen aber sehen, dass die Wirtschaft anspringt, dass sie nach wie vor einen Arbeitsplatz haben, dann werden auch diese Ängste nachlassen." Aus staatspolizeilicher Sicht sei aber klar, dass man sowohl das links- als auch das rechtsextremistische Spektrum beobachten müsse. Deradikalisierungsarbeit wird aber gerade in Zeiten der Pandemie mit den Kontaktbeschränkungen für Sozial- und Jugendarbeiter nicht leichter, räumte Pürstl ein. "Die Polizei allein kann das nicht lösen."