Wir manövrieren hart an der Grenze. Eigentlich sind wir fast schon drüber", sagt Erwin Bugkel. Er hat ein Papier- und Spielwarengeschäft in Hernals und ist sich nicht sicher, ob sein Betrieb die Lockdown-Verlängerung bis 8. Februar überstehen wird. Bereits die erste Sperre und die krisenbedingten Umsatzeinbrüche haben den kleinen und mittelgroßen Betrieben in Wien hart zugesetzt. Doch der zweite Lockdown, der ursprünglich bis 25. Jänner angesetzt war, droht vielen angeschlagenen Unternehmen den Garaus zu machen. Gerade als manch einer das rettende Licht am Ende des Tunnels zu sehen meinte, wurde die Sperre verlängert. Nach derzeitigem Stand auf den 8. Februar. Bis dahin ist es weiter finster.

"Das Problem ist, dass jeder Tag zählt", erklärt Margarete Gumprecht, Handels-Spartenobfrau in der Wirtschaftskammer Wien. "Es gibt Unternehmer, die zwar die Mitarbeiter in Kurzarbeit haben, diese aber vorfinanzieren müssen und nicht wissen, wie sie die Jännerlöhne überweisen sollen." Die Planungsunsicherheit verkompliziert das Ganze noch zusätzlich.

Viele Unternehmer fürchten sich vor einem vierten Lockdown. - © apa / Fohringer
Viele Unternehmer fürchten sich vor einem vierten Lockdown. - © apa / Fohringer

Händler wünschen sich Planbarkeit

Für Marie-Béatrice Fröhlich ist die Ungewissheit zermürbend. "Ich wünsche mir klare Aussagen und Planbarkeit", sagt die Inhaberin des Bekleidungsgeschäfts "Zur Brieftaube" am Graben. Den 8. Februar als Ende des Lockdowns genießt sie mit Vorsicht. Denn die Regierung sei ja schon wieder zurückgerudert. "8. Februar: Vielleicht, oder vielleicht auch nicht. Das geht nicht. Wir brauchen einen Zeitpunkt und die entsprechenden Bedingungen."

Dabei stemmen sich die Händler nicht gegen die Corona-Maßnahmen an sich. "Die Infektionszahlen müssen runter. Man kann über die Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen gerne diskutieren, aber Fakt ist, dass die Reproduktionszahl und die Inzidenzzahl die Kriterien sind, an die sich die Regierung hält. Fertig, aus. Die Zahlen bekommt man nur durch die Reduzierung der sozialen Kontakte runter", sagt Fröhlich. Doch viele Händler werden das Gefühl nicht los, dass die Bekämpfung der Corona-Krise auf ihrem Rücken ausgetragen wird.

"Wir sind jene, die wirklich nicht aufsperren dürfen", erklärt Fröhlich. "Wir spielen mit, aber das müsste auch in allen anderen Bereichen durchexerziert werden. Wenn ich in der Früh die vielen Menschen sehe, die in der U-Bahn sitzen, dann sehe ich keinen Lockdown. Auch wenn ich auf die Straße sehe, sehe ich keinen Lockdown im Vergleich zu März/April, als die Innenstadt wirklich ausgestorben war. Und solange es Demonstrationen gibt, auf denen Menschen munter ohne Maske herumspazieren, solange Feste aufgelöst werden müssen, auf denen 50 Menschen auf einem Haufen waren, so lange werden wir die Zahlen nicht runterbekommen."

Auch Margarete Gumprecht appelliert an die Bevölkerung: "Zumindest die zwei Wochen noch sollten alle nicht notwendigen Kontakte vermieden werden, damit wir die Zahlen senken und in eine etwas schönere Zukunft gehen können. Wir können schließlich nicht bis zum St. Nimmerleinstag zugesperrt haben." Der Bewegungsdrang der Bevölkerung sei aber natürlich verständlich.

Noch schlimmer ist die Situation für Erwin Bugkel. Denn für ihn sind nicht nur Menschen problematisch, die sich nicht an die Beschränkungen halten, sondern auch seine Mitbewerber. "Klein- und Mittelbetriebe sind immer benachteiligt gegenüber Supermärkten, die sich nicht an die Vorgabe des ausschließlichen Lebensmittel- und Pharmazieverkaufs halten", erklärt er. Und so passiere es, dass er geschlossen haben müsse, während die großflächige Konkurrenz munter Produkte weiterverkauft, die er selbst anbieten würde. "Unter diesen Voraussetzungen kann es Spielwaren-, Papierwaren- oder Elektrogeschäften nicht gut gehen."

Hinzu kommt eine weitere große Konkurrenz, die dem Wiener Handel zu schaffen macht: Für Onlinehändler wie Amazon und Alibaba sind die geschlossenen Geschäfte der Verkaufsturbo schlechthin. Die Post hat mit einer wahren Paketflut der internationalen Onlinehändler zu kämpfen. Österreichweit wurde 2020 gut ein Drittel mehr Pakete zugestellt als 2019. "Da geht unglaublich viel an Kaufkraft verloren", sagt Gumprecht. Denn für die heimischen Betriebe zahlt sich der Onlinehandel meist gar nicht aus, oder fällt sehr gering aus.

Onlinehandel ist keine echte Option für die Kleinen

"Aufgrund unserer Betriebsgröße habe ich keinen Onlineshop", sagt Erwin Bugkel. "Wenn ein Kunde anruft oder ein Mail schreibt, kann ich informieren, zustellen oder bereitstellen, aber das macht das Kraut nicht fett." Click und Collect, also die Vorbestellung und anschließende Abholung, funktioniere in den wenigsten Fällen. "Dabei kommen Umsätze zustande, die in keiner Relation zum Aufwand stehen", so Erwin Bugkel.

Auch Marie-Béatrice Fröhlich versucht, sich der Situation bestmöglich anzupassen. Die Brieftaube verfügt über einen Webshop. Verkauf und Beratung wird über WhatsApp angeboten. Sogar durch die Geschäftsvitrine werden Kunden beraten und Ware präsentiert. Und natürlich gibt es auch Click und Collect. Doch mit all dem kommt Fröhlich auf maximal zehn Prozent des Regelumsatzes. "Natürlich geht es sich aus, wenn man ein gesundes Unternehmen ist und die staatlichen Hilfen in Anspruch nimmt", sagt Fröhlich. Die Frage ist nur: Wie lange? Wird es noch einen dritten oder einen vierten Lockdown geben? "Irgendwann ist dann sicher die Grenze erreicht", so Fröhlich.

Auch geöffnete Geschäfte haben es nicht leicht

Einer, der in der Krise vermeintlicherweise auf die Butterseite gefallen ist, ist Peter Fröhlich. Er ist Inhaber des gleichnamigen Feinkostladens in der Brigittenau. "Ich höre sehr oft: ,Ihr Lebensmittelhändler könnt ja froh sein, ihr habt ja offen‘", berichtet er. "Die tun so, als ob wir die Nutznießer wären." Doch offen zu haben, sei nicht gleichbedeutend damit, dass das Geschäft gut gehe. Noch dazu hat Peter Fröhlich natürlich keinen Anspruch auf staatliche Corona-Hilfen.

Der Umsatz seines Familienbetriebs sei leicht rückgängig. "Bis November war das Geschäft okay. Im Dezember war es dann schlechter und jetzt im Jänner merkt man einen starken Rückgang", erklärt Peter Fröhlich. "Der 20. ist eher ein Arbeiterbezirk. Viele sind auf Kurzarbeit. Es gibt auch Büros. Die Leute von dort kommen gar nicht mehr oder vielleicht einmal die Woche, wenn sie das Büro kurz besuchen. Man merkt die Zurückhaltung. Mein Eindruck ist, dass die Menschen mehr aufs Börserl schauen, weil sie nicht wissen, was die Zukunft bringt."

Auch von seinen Zulieferern - kleine Produzenten - höre er, dass es ihnen schlechter gehe. Sie seien mit den Preisen leicht hinaufgegangen. "Das ist auch verständlich in dieser Situation", sagt Peter Fröhlich.

Ein Geschäftszweig ist ihm während des ersten Lockdowns im März überraschanderweise vollständig weggebrochen: Der Imbiss-Verkauf: "Die Leute haben eher frische Fische und Sachen zum Kochen gekauft." Der Verkauf von Leberkässemmeln und Co hat sich inzwischen normalisiert. Dafür geht nun, während des zweiten Lockdowns, der Verkauf der anderen Produkte zurück. "Es kommt mir so vor, als würden die Menschen wieder weniger kochen. Ich sehe auch viel mehr Essenslieferanten auf der Straße", merkt Peter Fröhlich an.

Und auch über seine Gesundheit macht er sich Gedanken. Nicht nur wegen des Virus, sondern auch wegen der verpflichtenden FFP2-Masken. "Wenn ich zwölf Stunden im Geschäft stehe, brauche ich drei verschiedene Masken, denn man soll die ja alle vier Stunden wechseln. Der Sauerstoffmangel, den ich dadurch erreiche, macht mir Sorgen. Es ist, als würde man sich beim Atmen die Hand vorhalten. Ich habe schon Angst, dass sich diese Dauerbelastung auch in Zukunft auf meine Atmung auswirken kann." Dazu ist auch sein Arbeitsumfeld trister geworden. Generell konstatiert Peter Fröhlich bei seinen Kunden einen großen Verlust an Lebensfreude. Die Menschen schauen finster drein und kaufen auch weniger. "Früher hat man sich unterhalten und gescherzt. Jetzt reden die Leute kaum noch etwas".

Dickes Ende dürfte nach
dem Lockdown kommen

Schlechte Stimmung bei den Menschen, schlechte Stimmung bei den Händlern. Doch das dicke Ende dürfte erst noch kommen, warnt Gumprecht von der Wiener Wirtschaftskammer. Im letzten dreiviertel Jahr hat es um 10 bis 15 Prozent weniger Konkurse gegeben als im Vergleichszeitraum des Jahres davor. Das dürfte nicht zuletzt auch auf die Corona-Hilfen zurückzuführen sein. Steuerzahlungen für Unternehmen etwa werden bis 31. März gestundet. "Sobald die Zahlungen fällig werden, wird es sicherlich einen bestimmten Anteil der Betriebe treffen", erklärt Gumprecht. "Da wird im nächsten Quartal sicher einiges auf uns zukommen, auch wenn die Regierung die Möglichkeit einer Ratenzahlung eingeräumt hat." Zudem werden die Gewinne nach der Wiederöffnung voraussichtlich geringer als gewohnt ausfallen. "Es wird eine Preisschlacht geben", sagt Gumprecht. "Die Lager sind voll und müssen geleert werden."

Für viele kleine Betriebe, wie jenem von Erwin Bugkel wird ein positiver Ausgang der Geschichte vom Einkaufsverhalten abhängen. "Nach dem ersten Lockdown haben sich die Kunden auf die Großfläche gestürzt. Was sich da am ersten Tag vor dem Ikea in der Shopping City Süd oder im G3 abgespielt hat, war Wahnsinn. Da haben sich die Leute um einen Parkplatz gerauft, während die Einkaufsstraßen leer waren." Bugkel hofft auf die Vernunft seiner Kunden und auf seine treue Klientel, die sich nicht "lieber ins Auto setzt und irgendwo in die Peripherie ins Einkaufzentrum fährt, als dass sie irgendwo in ihrem Grätzl einkauft, wo sie die Sachen mehr oder weniger gleich günstig erhält, dafür aber friedlicher und mit besserem Gefühl."

Sollte Bugkels Wunsch Realität werden, dann könnte es für den Handel nach dem Licht am Ende des Tunnels tatsächlich besser werden - und nicht der Sturz in den Abgrund folgen.