Kanzler Sebastian Kurz ließ zum Jahreswechsel den historischen Steinsaal am Ballhausplatz umbenennen. Der trägt jetzt den Namen des legendären Nachkriegskanzlers Leopold Figl (ÖVP). Als Figl 1945 dort amtierte, lag schon viele Jahrzehnte lang davor ein historisch besonderer Teppich im nunmehrigen Figl-Saal. Er lag auch danach noch ziemlich lange dort. Viele Politiker, Beamte und Journalisten aus der Zeit von Bruno Kreisky bis Franz Vranitzky (SPÖ) erinnern sich auch noch an das riesige Stück. Wer zum sogenannten "Pressefoyer" wollte, musste den Saal mit dem Teppich durchqueren. Oder man passte hier ein Regierungsmitglied beim Abgang ab, um bei ihm zu recherchieren. Damals konnte man das noch bei jedem Kabinettsmitglied. Alles und jeden zu fragen, war von Kreisky gewünscht. Die Antworten waren zwar nicht immer befriedigend, doch die heutige Message-Control war noch nicht erfunden.

1992, am Rande eines solchen Pressefoyers, erfuhr Ihr Autor die besondere Geschichte des historischen Teppichs: Das mehr als 60 Quadratmeter große Stück, ein blauer, mit Rot durchgemusterter Mahal, war 1873 ein Geschenk des persischen Schahs Nassredin (auch Nasir od-Din) an Kaiser Franz-Joseph gewesen. Der Schah (1831 bis 1896) wollte den Okzident kennenlernen, besuchte die Weltausstellung 1873 in Wien und ließ sich beim Gastgeschenk nicht lumpen. Mit Mühe fand das edle Textil im Riesenmaß einen repräsentativen Platz. Bald lag es und dann über 100 Jahre lang am Ballhausplatz.

Der Teppich auf dem Depotbild. - © Bundesmobilienverwaltung
Der Teppich auf dem Depotbild. - © Bundesmobilienverwaltung

Das 1992 auf damals weit über sieben Millionen Schilling geschätzte Stück erfuhr damals mediale Aufmerksamkeit, weil es doch hin und wieder auswärts gereinigt werden musste. "Der Standard" berichtete seinerzeit, wie sechs Muskelprotze von Hausarbeitern anrücken mussten, um das Ding erst einmal zu heben. Davor musste noch eine Putzerei gefunden werden, die den heiklen Auftrag der Staatsaktion zur Reinigung von Schahs Riesen-Teppich annahm. Ähnlich aufwendig gestaltetet sich dann auch die Wiederkunft am Boden des Saals.

Eine "graue Maus" an Stelle des Mahals. - © Robert Newald
Eine "graue Maus" an Stelle des Mahals. - © Robert Newald

In der Ära Schwarz-Blau unter Kanzler Wolfgang Schüssel war der Teppich plötzlich weg. Es war eine Zeit der Umgestaltung auch bei der Einrichtung am Ballhausplatz. Als Jahre später schließlich nur noch ein einfärbiger "Graue Maus"-Teppich im Outfit eines schwedischen Möbelhauses im Steinsaal lag, wurde das Ihrem Autor zu bunt. 2020 begann er nach Schahs Teppich zu suchen.

Niemand im aktuellen Stab des Kanzleramts zeigte eine Erinnerung an das alte Geschenk. Nicht einmal der frühere Sektionschef und echte "Alleswisser" Manfred Matzka, der Standardwerke über das Kanzleramt verfasst hat; keine Informationen in der Kanzlei mehr, gar nichts in diversen Depots, Museen oder in Schönbrunn. Mit dem Fahndungsbild der "Standard"-Geschichte von 1992 konnte Ihr Autor aber belegen, dass der Teppich keine Schimäre oder Märchen aus 1001 Nacht war. Und so einfach konnte der Mahal auch nicht aus dem Haus getragen worden sein. Es half vorerst nichts.

Eine für historische Sammlungen zuständige Beamtin des Digitalisierungsministeriums wurde schließlich bei der Suche zur Verbündeten: Eva Ottillinger ließ die Sache keine Ruhe. Als sie alles von unten nach oben gedreht hatte, fand sie ein Foto aus der Nazi-Zeit von besagtem Teppich am Ballhausplatz. Damit suchte sie weiter und fand schließlich das edle Stück im Mobiliendepot. Ottillinger grub auch den letzten Schriftverkehr mit dem Kanzleramt von 2004 aus, wo man Schahs Teppich, weil abgetreten, längst vergessen hatte: "Das Bundeskanzleramt überlässt der Bundesmobilienverwaltung einen antiken handgeknüpften Auflageteppich zur Weiterverwendung in Räumen mit musealem Charakter."

Dass das historisch wertvolle Stück im Besitz der Republik museal weiterverwendet werden sollte, geriet aus dem Focus der Aufmerksamkeit aller Stellen. Mangels passendem Platz verräumte man ihn sach- und kunstgerecht im Depot. Ob das edle Schah-Geschenk aus 1873 doch irgendwo nochmals aufgelegt werden kann, ist offen. Wie einst, bräuchte es einen passenden Raum. Der fehlt bisher aber wieder einmal.