Monika Huber ist ausgebildete Krankenpflegerin und arbeitet seit fünf Jahren als Seelsorgerin in der "Pflege Leopoldstadt", ein Pflegeheim des Wiener Gesundheitsverbundes in der Engerthstraße. Diese Einrichtung ist auf die Betreuung von Menschen spezialisiert, deren Pflegeaufwand so intensiv ist, dass eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich ist. Hier werden chronisch kranke und oft hochbetagte Menschen in einer wohnlichen Atmosphäre rund um die Uhr medizinisch, pflegerisch und therapeutisch versorgt. Wie es den älteren, pflegebedürftigen Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie geht, hat Huber der "Wiener Zeitung" erzählt.

"Wiener Zeitung":Frau Huber, wie empfinden Sie die derzeitige Situation als Mitarbeiterin eines Pflegeheims?

Monika Huber: Die Herausforderung in dieser schwierigen Zeit heißt: den Menschen mit Abstand nahe zu sein und die ständige Distanzsituation zu erleichtern. Ich gehe auf die Menschen zu und rede mit ihnen, motiviere sie, versuche positive Stimmung zu machen - auch für das Personal.

Monika Huber ist diplomierte Gesundheitskrankenpflegerin, seit 11 Jahren ausgebildete Pastoralassistentin und arbeitet seit fünf Jahren als Seelsorgerin im Pflegeheim Leopoldstadt. privat - © Privat
Monika Huber ist diplomierte Gesundheitskrankenpflegerin, seit 11 Jahren ausgebildete Pastoralassistentin und arbeitet seit fünf Jahren als Seelsorgerin im Pflegeheim Leopoldstadt. privat - © Privat

Wie geht das angesichts der Corona bedingten Einschränkungen?

Wir leben die derzeitigen hygienischen Maßnahmen schon fast seit einem Jahr. Das heißt, von Anfang FFP2-Maske plus Visier, Handschuhe und Schürze - inklusive zweimal wöchentlichen Anti-Gen-Test. Das ist schon zur Routine geworden. Und es funktioniert, weil ich zu den Pflegerinnen und Pflegern ein sehr gutes Verhältnis habe und die Zusammenarbeit gut funktioniert. Durch diese enge Zusammenarbeit erfahre ich immer, wo Bedarf herrscht.

Was ist das zum Beispiel?

Erst letzte Woche hatte ich zum Beispiel einen Abschied - der Sohn verabschiedete sich von seiner Mutter, die im Sterben lag. Da war ich dabei und bin ihnen zur Seite gestanden, habe beide mental unterstützt. Das sind keine leichten Situationen.

Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die Hauptsorgen der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner?

Interessant ist, dass die meisten sagen: Monika wenn du kommst, dann können wir endlich einmal über etwas anderes reden als über Corona. Auch in der Reha ist es wichtig, dass man nicht ständig über die Problematik der Pandemie spricht, weil es einfach ein schlechtes Gefühl erzeugt. Und das ist weder für Körper noch Geist gesund.

Aber ganz ausblenden kann man das Thema nicht oder?

Natürlich nicht, schon allein deswegen weil es an den Masken, die jeder trägt, ständig sichtbar ist. Das ist auch insofern hinderlich, weil die Heimbewohner unsere Gesichter nicht sehen können, wenn wir sprechen. Aber ich habe gelernt, dass man auch sehr viel mit den Augen sprechen kann - und dass es nicht immer eine Berührung braucht, um jemandem nahe zu sein. Es geht auch mit Blicken und mit Worten - wir überwinden das Hindernis der Maske mit den Augen und mit einer guten Sprache.

Ist Einsamkeit ein besonderes Thema seit dem Beginn der Pandemie?

Einsamkeit war immer da, auch vor Corona. Es geht mehr darum, wie gut die Betreuung in den Heimen funktioniert. Man muss immer die Gesamtsituation sehen. Wenn das Personal bemüht ist, sich um die Dinge zu kümmern, die die Menschen beschäftigen - also nicht nur die normale Körperpflege und das Essen und das Trinken -, dann wird die Einsamkeit weniger.

Was sind das für Dinge?

Es geht darum, für die Menschen da zu sein, zu reden, ihre Probleme ernst zu nehmen, auf sie einzugehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, mit ihnen Zeit zu verbringen, auch etwas zu basteln oder etwas zu organisieren, das ihnen Abwechslung bringt. Ich mache zum Beispiel für jeden, den es interessiert, regelmäßige Wort-Gottes-Feiern, weil die Eucharistie-Feiern alle ausfallen. Diese gemeinsamen Aktivitäten - unter Einhaltung der entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen - sind ganz wichtig für die Menschen.

Aber die Einsamkeit entsteht doch durch den Wegfall der Besuchsmöglichkeiten wegen Corona, oder?

Das stimmt nur bedingt. Es gibt ja Besuche. Wir erlauben einen Besucher pro Woche. Das heißt, die Besucher rufen an, bekommen einen Termin und werden getestet, bevor sie zu ihren Angehörigen kommen. Menschen, bei denen es um Abschied geht oder die einen besonders starken Bezug zu den Angehörigen haben, dürfen auch öfter kommen. Ich bin hier intensiv mit den Menschen unterwegs und ich denke, das Thema Einsamkeit ist jetzt nicht anders als vor Corona: Dort wo Besucher kommen oder wo sich die Pflegerinnen und Pfleger gut kümmern, gibt es weniger Einsamkeit.

Aber es kommt doch weniger Besuch als früher oder?

Ja schon, aber es ist wichtig, den Fokus auf die Dinge zu setzen, die passieren und nicht auf Dinge, die nicht passieren. In guten Pflegeheimen wird die verringerte Besuchszeit durch das Engagement des Personals kompensiert. Und zu meiner Aufgabe gehört es auch, das Personal zu motivieren. Denn wenn das Personal motiviert ist, dann überträgt sich das auch auf die Heimbewohner.

Machen die immer wieder aufgetauchten Corona-Cluster in anderen Heimen den Bewohnern ihrer Einrichtung keine Angst?

Doch schon. Andererseits muss man sagen, dass es bei uns nie passiert ist. Sobald ein Fall aufgetreten ist, wurden die betroffenen Personen sofort auf die Quarantänestation gebracht, alle durchgetestet und es war kein Thema mehr. Das wiederum gibt den Menschen Sicherheit.

Wie stehen die älteren Menschen eigentlich zum Thema Impfung?

Also wir sehen eine sehr hohe Impfbereitschaft. Es sind alle aufgeklärt worden durch die Ärzte, durch das Pflegepersonal und es wurde schon alle geimpft.

Und wie sieht es beim Pflegepersonal aus? Ich habe gehört, dass sich hier einige gar nicht impfen lassen wollen.

Prozentuell kann ich Ihnen keinen Anteil nennen und alle, die ich kenne, lassen sich impfen. Es gibt ein paar, die sich das noch überlegen wollen, aber prinzipiell war in unserem Haus die Bereitschaft sehr groß.