Der Nachbar, der seine Miete nicht mehr bezahlen kann. Die ältere Dame von nebenan, die vor lauter Angst vor dem Virus das Haus seit Wochen nicht verlassen hat. Eine Alleinerzieherin, die ihren Job verloren hat und zum ersten Mal in ihrem Leben auf Hilfe angewiesen ist. Inzwischen kennt jeder von uns jemanden, den die Corona-Krise mit voller Wucht getroffen hat. Die Aufgabe des Fonds Soziales Wien (FSW) ist es, diesen Menschen zu helfen. Im Interview erklärt FSW-Geschäftsführerin Anita Bauer, welche Menschen von Einsamkeit besonders stark betroffen sind, wieso man so früh wie möglich die Schuldnerberatung kontaktieren sollte und wann Bewohner in Pflegeheimen mit den ersten Lockerungen rechnen können.

"Wiener Zeitung": Wir leben seit fast einem Jahr in sozialer Isolation. Führt das zu mehr Einsamkeit?

Anita Bauer: Nicht zwangsläufig, aber es besteht die große Gefahr, dass es zu mehr Einsamkeit kommt. Menschen, die sich ein Umfeld gebaut haben, in dem sie gut mit dem Alleinsein zurechtkommen, kommen vielleicht ein Stück besser mit der Isolation zurecht.

Oft hört man, dass ältere Menschen besser mit dem Alleinsein zurechtkommen - ist das eine Verallgemeinerung?

Das kann man pauschal nicht beantworten. Ältere Menschen, die keinen Zugang zu den neuen Technologien, WhatsApp oder Videochats haben, tun sich schwer, diese Kanäle, die ihnen nicht vertraut sind, plötzlich zu verwenden. Wenn jemand zum Beispiel nur einen verbleibenden Freund hat und den jetzt aufgrund der Pandemie auch nicht mehr trifft, schlittert er leichter in die Einsamkeit.

"Single-Haushalte haben jetzt mit Problemen zu kämpfen", sagt FSW-Chefin Anita Bauer. - © Astrid Knie
"Single-Haushalte haben jetzt mit Problemen zu kämpfen", sagt FSW-Chefin Anita Bauer. - © Astrid Knie

In fast jedem zweiten Wiener Haushalt lebt eine alleinstehende Person. Wie geht es diesen Menschen?

Single-Haushalte haben jetzt mit Problemen zu kämpfen. Auch wenn man früher gut zurechtkam: Ist man plötzlich dazu gezwungen, allein zu sein und sich den ganzen Tag mit sich selbst befassen, und die Tages- oder Wochenstruktur fällt weg, ist das sehr schwer. Früher hatte man wöchentliche Fixpunkte: am Montag das Treffen mit den Kegelfreunden, am Mittwoch Pizzaessen. Danach nach Hause zu kommen und allein zu sein, war o.k. Wenn das alles wegfällt, wird das Alleinsein unangenehm. Wenn dann noch Stress dazukommt, wird die ganze Lebenssituation zach. Das Gemüt bekommt diese Krise zu spüren.

Werden die Singles von der Politik vergessen?

Gerade in Wien haben wir viele Angebote für Alleinstehende. Das Problem ist, dass man diese momentan nicht alle nutzen kann. Normalerweise gibt es in Wien sehr viele glückliche Alleinstehende, die auf die städtischen Angebote wie Kino oder Ausstellungen zurückgreifen.

Sind Menschen, die in einer Beziehung leben, jetzt im Vorteil?

Ja. Viele Paare schildern, dass ihre Paarbeziehung während der Pandemie besser geworden ist, weil man dankbar ist, dass man jetzt nicht allein ist. Meist lebt es sich jetzt zu zweit besser - aber sicher nicht im Homeoffice mit zwei schulpflichtigen Kindern auf 50 Quadratmetern. Das Verständnis, wofür Partnerschaft gut ist, verändert sich. Normalerweise braucht man den Partner im Alltag nicht so sehr wie jetzt.

In Wien leben 118.000 Single-Senioren, doch die Tageszentren und Pensionistenvereine haben zu - was können diese Menschen gegen Einsamkeit tun?

Immer mehr der Tageszentren haben, wenn nicht gerade Lockdown ist, auch am Wochenende geöffnet. Dieses Angebot, gleichalte Menschen zur Motorik, zum Basteln, zum Musikmachen zu treffen, kommt sehr gut an. Eine Reihe von Angeboten besteht auch jetzt weiter, die Mitarbeiter der Tageszentren haben sich ganz wunderbare Dinge einfallen lassen: Sie haben telefonisch Kontakt gehalten, Briefe geschrieben, Rätsel und Kochrezepte verschickt. Es gibt Initiativen in den Pflegeheimen und Pensionistenklubs, wo die Menschen Spazieren gehen, Einzelgespräche anbieten, um Menschen das Gefühl zu geben, damit der Kontakt bestehen bleiben.

Können Sie der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen?

Ja. Covid-19 könnte helfen, mit dem Tabuthema Einsamkeit zu brechen. Einsamkeit war viel zu lange ein unsichtbares Problem - plötzlich reden wir darüber. Das ist die Chance, das Thema sichtbar zu machen. Auch in der Sozialarbeit schauen wir zuerst darauf, wie es den Menschen existenziell und gesundheitlich geht, wie es mit der Bildung aussieht. Erst später denkt man an die Einsamkeit, an die sozialen Kontakte. Bei Jüngeren denken wir gar nicht daran, dass sie einsam sein können.

Betrifft Einsamkeit Menschen jeder Altersgruppe?

Ja. Wir unterschätzten, welche Auswirkungen Einsamkeit auf die Gesundheit der Menschen hat. Jüngere Menschen, die viel vor dem Handy oder dem Computer sitzen, haben eine neue Form des Alleinseins etabliert und erkennen auch nicht, dass sie einsam sind, schließlich texten sie einander oder spielen gemeinsam Computerspiele. Aber wenn das Gespräch und gemeinsame Aktivitäten ganz wegfallen, geht etwas verloren. Jüngere Menschen haben zwar alle ein Handy, telefonieren aber nicht mehr, sind fast irritiert, wenn es läutet. Das war in meiner Generation noch anders: Ich bin stundenlang mit meiner besten Freundin am Telefon gehangen und habe die Leitung blockiert. Hier könnte etwas verloren gehen, was zum Mensch-Sein dazu gehört.

Triage gibt es derzeit nicht aufgrund von Corona-Fällen, sondern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien, weil immer mehr Kinder unter Depressionen oder Magersucht leiden. Bezahlen die Jungen den Preis für die Krise?

Ich glaube, hier sieht man einen Ausschnitt derer, die möglicherweise vorher schon Probleme hatten. Egal ob psychisch oder körperlich: Chronische Erkrankungen verstärken sich, bei der psychischen Versorgung gibt es großen Andrang. Die Krise verstärkt das, was vorher schon da war, im Schlechten wie im Guten. Die Hilfsbereitschaft, die es in der ersten Welle gab, hat unsere Gesellschaft ein bisschen besser gemacht. Inzwischen sind alle etwas müde geworden. Es gibt aber auch Kinder, die es nicht schlecht gefunden haben, zu Hause zu bleiben. Das hat sich im Laufe der Pandemie verändert, plötzlich ist Schule eine Freude, denn natürlich fehlt ihnen etwas. Es ist auch ein Unterschied, ob man die Eltern tagsüber zur Verfügung hat oder nicht, und der Winter macht sicher auch etwas aus.

 

Nicht nur ältere Menschen leiden während der Pandemie unter Einsamkeit. - © getty images / Richard Baker
Nicht nur ältere Menschen leiden während der Pandemie unter Einsamkeit. - © getty images / Richard Baker

Wann wird es erste Lockerungen in den Pflegeheimen geben?

Leider ist es noch zu früh, um über Lockerungen in den Pflegeheimen zu sprechen. Wir hatten die Situation in den vergangenen Monaten bereits sehr gut im Griff, die Maßnahmen haben gewirkt. Nun gibt es die Mutation, die, wenn sie einmal da ist, durch die Heime nur so durchrauscht. Die Kombination schwaches Immunsystem, pflegebedingter Körperkontakt und Mutation ist leider sehr gefährlich.

Aber wurden die meisten Heimbewohner nicht bereits geimpft?

Die zweite Teilimpfung hat erst ein kleiner Teil bekommen, und der volle Impfschutz setzt erst einige Tage danach ein. Und auch dann raten wir weiterhin zur Vorsicht. Erst wenn wir sehen, dass es keine Ansteckung mehr gibt, werden wir langsam zur Normalität zurückkehren können.

In den Aufenthaltsräumen wurden die Sessel weggeräumt, der Speisesaal ist geschlossen. Die Bewohner von Pflegeheimen sitzen nun alleine in ihren Wohnungen. Wann wird sich das ändern?

Grundlage sind gesetzliche Verordnungen. Ich weiß, dass den Bewohnern die gemeinsamen Mahlzeiten im Speisesaal ein wichtiges Anliegen sind. Wir hoffen, dass in zwei Monaten der volle Impfschutz da ist und dann die Öffnung des Speisesaals vielleicht wieder möglich sein wird.

Haben die betagten Heimbewohner durch die Schutzmaßnahmen wertvolle Lebenszeit verloren?

Das ist ein schwieriges Abwägen. Einige wollen auf keinen Fall angesteckt werden, andere sagen, sie wollen ihre letzten Tage nicht in Einsamkeit verbringen, sondern im Hier und Jetzt leben.

Demenzkranke Menschen leiden besonders stark unter den verringerten Sozialkontakten. - © getty images / Goodboy Picture Company
Demenzkranke Menschen leiden besonders stark unter den verringerten Sozialkontakten. - © getty images / Goodboy Picture Company

Es heißt, dass vor allem demenzkranke Menschen durch mangelnden Kontakt stark abbauen.

Hier merkt man, wie wichtig Nähe und Kontakt für das Leben sind. Demenzkranke Menschen sind sehr stark auf das Haptische angewiesen. Auch Abstandsregeln können diese Menschen nur schwer einhalten, die Compliance ist sehr schwierig.

Sehen Sie die Konsequenzen der Krise bereits in der Schuldnerberatung des FSW?

Die volle Welle werden wir erst in einem halben bis dreiviertel Jahr spüren. Viele Menschen mussten die Miete nicht bezahlen und haben Stundungen bekommen. Auch Jobverlust ist am Anfang besser zu verkraften, zuerst hat man noch Ressourcen, auf die man zurückgreifen kann, aber sobald die Armut chronisch wird, wird es schwierig. Viele Menschen holen sich auch nicht sofort Hilfe.

Ist es wichtig, sich so früh wie möglich an die Schuldnerberatung zu wenden?

Unbedingt. Aber das ist für viele Menschen eine Hürde. Zuerst muss man sich eingestehen, dass man Hilfe braucht, vor allem, wenn man viele Jahre allein klargekommen ist. Viele Menschen halten ihren Lebensstandard lange aufrecht, doch der war auf das Einkommen abgestimmt. Wenn man sich frühzeitig an die Schuldnerberatung wendet, reichen vielleicht kleine Tipps, und man kommt schnell wieder auf die Beine. Vielleicht braucht es dann auch keine Langzeitbetreuung.

Macht sozialer Abstieg einsam?

Jede starke Lebensveränderung kann kritisch werden. Ein Jobverlust ist immer auch Verlust von sozialen Kontakten, selbst im Homeoffice. Viele verlieren ihr Selbstwertgefühl, hinzu kommen die fehlende Tagesstruktur und eine Verschlechterung der Rahmenbedingungen, was die Finanzen betrifft. Das ist auf Dauer sehr belastend.

Wie geht es obdachlosen Menschen in der Pandemie?

Derzeit läuft das Winterpaket, das ja verlängert wurde und in Teilen über den Sommer weitergelaufen ist. Wir haben aus den Nachtquartieren ein Ganztagesangebot gemacht.

Wie haben obdachlose Menschen auf diese Nachricht reagiert?

Das hat bei unseren Klienten viel Freude ausgelöst. Sie waren sehr erleichtert, fühlten sich geschützt. Aber Compliance ist bei Menschen mit Suchterkrankung oder psychischen Erkrankungen teilweise schwierig. In den Obdachloseneinrichtungen achten wir auf Abstandsregeln und Personengrenzen und sind fast schon in einer Routine. Trotzdem ist die Arbeit aufgrund der Pandemie eine Herausforderung. Wir versuchen, mit FFP2-Masken einen hohen Schutz zu bieten, für unsere Klienten aber auch für unsere Mitarbeiter.

Wurden obdachlose Menschen, die ja oft aufgrund von Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören, schon geimpft?

Nein, doch sie gehören zur vulnerablen Gruppe und sollten bald drankommen.

Gibt es in den Obdachloseneinrichtungen auch Einzelzimmer?

Das ist sehr unterschiedlich: Bei den Einrichtungen, die wir heuer eröffnet haben, haben wir versucht, mehr Kleinräumigkeit zu schaffen und die Gesamtbelegung klein zu halten. Mehr Platz zu lassen, und gleichzeitig viele Menschen zu versorgen, ist eine Herausforderung. Der FSW bietet in Wohnungslosenhilfe Peer-Angebote an.

Was sind Peer-Angebote?

Manche Menschen wollen nicht mit Sozialarbeitern darüber sprechen, wie es ihnen geht, aber mit ebenfalls Betroffenen oder ehemals Betroffenen schon. Ehemals obdach- und wohnungslose Menschen sehen sich besonders oft mit Einsamkeit konfrontiert. Nach vielen Jahren auf der Straße fehlen häufig soziale Kontakte. Andere Betroffene unterstützen in dieser Situation, organisieren gemeinsame Aktivitäten und mehr.

Ab wann sollte man sich, wenn man unter Einsamkeit leidet, Hilfe suchen?

Unsere Info-Kampagnen schlagen nur an, wenn man auf ein Thema sensibilisiert sind. Geht es mir nicht gut, nehme ich Hotlines zu psychologischer oder Schuldnerberatung bewusst wahr. Das ist für viele ein Eingeständnis, aber es ist jener Moment, in dem man zum Hörer greifen oder ein E-Mail schreiben sollte.