Eisig kalt ist es, stockdunkel und die Wiese unter den Füßen uneben. Die Streetworkerinnen Susanne Peter und Mira Deutsch folgen den beiden Lichtkegeln, die ihre Taschenlampen auf das nasse Gras werfen. Das Gelände im 22. Bezirk wirkt verlassen. Doch dem ist nicht so. Mira und Susanne haben über das Kältetelefon einen Hinweis bekommen, dass sich Obdachlose in einem heruntergekommenen Gartenhäuschen aufhalten. Dem gehen die beiden Sozialarbeiterinnen der Caritas auch nach. Im Licht der Taschenlampe taucht ein graues kleines Gebäude auf, das mit Graffiti beschmiert ist. Sie schieben einen Baustellenzaun ein Stück zur Seite, um sich in eine Art Innenhof zu zwängen. Dort steht die vom Anrufer beschriebene Gartenhütte im Gatsch. Man könnte schon fast Sumpf dazu sagen, so durchtrieft von Nässe ist der Boden.

"Hallo? Ist hier jemand? Wir sind von der Caritas. Hallo?", fragt Mira etwas zögerlich. Nach wenigen Sekunden hört man eine Stimme aus der hölzernen Gartenhütte. Um zum Eingang der Hütte zu gelangen, müssen die beiden Frauen noch durch hohe Sträucher hindurch. Als sie den Kopf in die Tür stecken, sehen sie ein zigarettenrauchendes Pärchen, in Decken eingewickelt, am Boden sitzen. Gleich neben dem Eingang stehen fünf Paar Schuhe. Eine rote Decke dient als Teppich. Ein Holzregal zur Rechten des Pärchens ist mit Kochtöpfen, Plastiksäcken, Wasserflaschen, Tabak, Marmeladengläsern und Taschentüchern gefüllt. Die einzigen Lichtquellen in dem Schuppen sind die Handytaschenlampe des Mannes und die der Sozialarbeiterinnen.

- © Bernadette Krassay
© Bernadette Krassay

Das Pärchen sieht nicht so aus, wie man sich obdachlose Menschen vorstellt. Sie sind gepflegt und tragen saubere Kleidung. Er trägt eine schwarze Daunenjacke, eine rahmenlose runde Brille und kaum mehr Haare auf dem Kopf. Seine Gefährtin ist in einen schwarzen Hoodie eingekuschelt und trägt ihre mittellangen schwarzen Haare offen. Die beiden sind vor vier Jahren aus der Slowakei nach Österreich gekommen, denn: "In der Slowakei war unsere Situation viel schlechter. Dort gibt es keine Caritas."

Der 52-jährige Julius reibt sich vor Kälte die Hände. "Brauchen Sie etwas? Ein Bett oder Essen vielleicht?", fragt Mira. "Nein nein, wir brauchen keine Hilfen. Wir haben Brot", lehnt die junge Frau dankend ab. Eine U-Bahn-Station entfernt ist eine Caritas-Einrichtung, wo sich das Pärchen oft untertags aufhält. Dort können sie sich waschen und bekommen auch zu essen.

"Brauchen Sie vielleicht einen winterfesten Schlafsack und eine warme Suppe oder einen Tee?", fragt Mira. Alle drei Dinge nehmen Julius und seine Frau Alexandra dann doch dankend an. Susanne zückt eine Zigarettenschachtel: "Wollen Sie vielleicht auch Zigaretten haben?" Auch das nehmen sie an. Während eine der beiden Sozialarbeiterinnen zum Caritas-Kältebus geht, um die Sachen und ein Essenspaket zu holen, bleibt die andere bei Julius und Alexandra. Das Pärchen ist seit zwei Jahren verheiratet. Julius zeigt stolz seinen Goldring. Als seine Ehefrau ihre Hand unter der grauen Decke hervorhebt, sieht man, dass diese verkrümmt ist. "Ich hatte 2016 einen Schlaganfall und seitdem sind mein Arm und mein Bein auf der rechten Körperseite gelähmt", erklärt die 28-Jährige etwas schüchtern. Ihre körperliche Beeinträchtigung sei ein Grund, warum sie nicht in einer Notschlafstelle unterkommen wollen.

Letzten Winter haben die beiden in Heiligenstadt durchaus in einem der Notschlafhäuser gewohnt, aber: "Das war nicht gut. Dort gab es viel Alkohol." Auch seien dort viele Drogen im Umlauf. Alexandra unterstreicht das, indem sie das Koksziehen mit ihrer gesunden Hand imitiert. Hier gefalle es ihnen besser. Als sich Julius gerade aus seinem Tabak eine Zigarette dreht, kommt Susanne mit dem Essenspaket, dem Schlafsack, der Suppe und dem Tee wieder zurück zur Hütte. Das Essenspaket enthält eine Dose Gulasch, Mannerschnitten, Aufstrich, Hygieneartikel und noch etwas Süßes. Der winterfeste Schlafsack ist für bis zu minus 24 Grad geeignet und soll Menschen wie Alexandra und Julius in Winternächten wie dieser warmhalten. Das Pärchen bedankt sich nochmals und die Sozialarbeiterinnen wünschen ihnen noch alles Gute. Danach gehen Susanne und Mira zurück zum Kältebus.

Ein Bus mit fast allem

"Caritas" steht in dicken schwarzen Buchstaben auf der Motorhaube des weißen VW-Busses und auf der Seite "Kältebus". Der Kofferraum ist vollgepackt mit Essen, Schlafsäcken, Isomatten, Decken, Gewand, Winterschuhen, Hundefutter, Kleidung, Tee und Suppe. "Es gibt fast nichts, was wir nicht mithaben", sagt Susanne. Die Fahrerbank ist von der Rückbank durch eine transparente Plastikfolie getrennt, die mit grauem dickem Klebeband befestigt ist. Man könnte meinen, sie schützt tatsächlich vor Coronaviren, denn nicht einmal die Wärme der Heizung zieht in den Fond.

Der Motor wird gestartet und die Fahrt zum nächsten Klienten geht weiter. Susanne Peter ist schon seit ihrem 16. Lebensjahr für Obdachlose tätig. Inzwischen ist sie die Leiterin des Kältetelefons und von Streetwork. "Die Streetwork gibt es seit Oktober 1994, weil der damalige Bürgermeister Zilk am Karlsplatz aufs Klo gehen wollte und nicht konnte, weil das mit Obdachlosen überfüllt war", erzählt sie. Seither gibt es den 24-Stunden-Betrieb der Gruft.

Die Winterstreetwork arbeitet jährlich von 2. November bis Ende April. Das Kältetelefon gibt es erst seit 2012 und bewährt sich jedes Jahr aufs Neue. "Wir haben uns zu Winterbeginn schon Sorgen gemacht, dass wegen des Lockdowns weniger Anrufe beim Kältetelefon eingehen werden. Das hat sich aber zum Glück nicht bewahrheitet", erzählt Susanne Peter. Ganz im Gegenteil. Seit November sind bisher 4.132 Anrufe eingelangt, im Vergleichszeitraum vergangenes Jahr waren es 3.522. Mitte Jänner gab es eine Spitze von 120 Anrufen an einem Tag.

70 ehrenamtliche Mitarbeiter nehmen die Anfragen beim Kältetelefon entgegen und geben sie in die Datenbank ein. Eine der zehn Sozialarbeiterinnen erstellt dann am Nachmittag auf Basis dessen eine Tour für die Streetworker. "Wir merken, dass mit der Kälte die Anfragen steigen. In den letzten Tagen gingen doppelt so viele Anrufe beim Kältetelefon ein", sagt Susanne Peter. Deshalb hat die Caritas ihre Streetwork-Einsätze in Wien auch noch einmal deutlich ausgeweitet.

Am Hauptbahnhof habe man ein Extra-Team. "Dort sind wir täglich von 20 Uhr bis 1 Uhr Früh und haben ungefähr 20 bis 30 Gespräche". Mindestens zwei Teams sind jede Nacht auf der Straße unterwegs. Denn die Minusgrade und der Lockdown bedeuten eine doppelte Gefahr für obdachlose Menschen.

Bis Anfang März habe man, wie schon vergangenen Winter, ein zusätzliches Projekt mit den Wiener Linien am Laufen. "Wir sind dabei zwischen 21 und 3 Uhr in der Früh unterwegs und suchen Orte im Bereich der Wiener Linien, wie etwa Busstationen, auf. Die Security kann uns auch anrufen, wenn ihr etwas auffällt", erzählt Peter. Dieses Projekt wird von den Wiener Linien finanziert. Die Winterstreetwork hingegen von der Stadt Wien. Die Ausstattung der Streetworker ist allerdings rein spendenfinanziert.

Durch Corona hat sich nicht nur die Situation der Obdachlosen verschlechtert. Auch die Streetworker haben ihre Hürden. "Es fängt bei Kleinigkeiten wie dem Pausenproblem an. Die Toiletten und Tankstellen sperren jetzt viel früher zu", sagt Peter. Apropos Pause. Der VW-Bus hält bei einer Tankstelle - "Das ist eine der wenigen, die um diese Uhrzeit noch offen hat", erklärt Mira -, dann geht es weiter in den 3. Bezirk. Susanne und Mira steigen aus dem Bus und gehen auf eine Brücke zu. Susanne trägt drei Bücher unter dem Arm. "Dieser Herr jetzt hat seine eigene Bibliothek", sagt sie lächelnd. Was das wohl bedeutet?

Lektüre unter der Brücke

Vorsichtig tasten sich die beiden Frauen einen steilen Hang zur Brücke hinunter. Es ist finster und die beiden folgen der Musik unter der Brücke. Dort liegt Hagen auf einem hellbraunen Lattenrost aus Holz, eingekuschelt in einen blauen Schlafsack, seine knallgrüne Mütze über den Kopf gestülpt, als wäre er ein Zwerg. Unter dem Lattenrost lugen zahlreiche Bücher hervor. Aber nicht nur da: Ober ihm sind ein Dutzend Bücher in einen Brückenbalken geschlichtet, der die Funktion eines Bücherregals eingenommen hat. Ein Betonpfeiler der Brücke neben seinem provisorischen Bett dient als sein Nachttisch. Dort liegen Bananen, Stifte, eine Taschenlampe, ein kleines silbernes Radio, Batterien und eine Flasche Senf. Er strahlt, als er seinen Besuch sieht.

"Wir haben Bücher für Sie mitgenommen, weil Sie ja gerne lesen", sagt Susanne Peter. "Ja danke, ich bin begeistert. Danke schön!", freut sich der 60-Jährige und blättert gleich durch den mitgebrachten Krimi. Hagen ist sehr gesprächig und fängt sogleich an, über sein Leben und alle Fragen, die ihm durch den Kopf gehen, zu reden. "Vor zehn Jahren hatte ich ein Aneurysma im Kopf und hatte dann eine schwere Operation. Danach hab ich mal einen fetten Joint geraucht und dann war wieder alles gut", witzelt er. Hagen lebe bereits über zehn Jahre auf der Straße. Eigentlich sei er Kfz-Mechaniker und Koch. Auch sei er verheiratet gewesen und habe zwei erwachsene Kinder, zu denen er aber kaum Kontakt habe. "Sie haben mal zu mir gesagt: Papa, wir wollen nicht so werden wie du", erzählt Hagen, der jeden Tag an seine Kinder denkt und sie vermisst.

"Sind Sie denn für die kommende Kälte gut ausgerüstet?", fragt Susanne. Hagen greift zu seinen Winterschuhen und hält sie triumphierend hoch. Dann deutet er mit einem Grinsen auf seinen winterfesten Schlafsack. "Der ist von uns", sagt Susanne. "Jap!", sagt er mit einem breiten Lächeln. Eine Isomatte brauche er nicht. "Es passt, es passt alles", sagt Hagen zufrieden.

Das Thema Corona wirft bei ihm Fragen auf. Er versteht nicht, warum die Gastronomie nicht aufsperren darf. "Nur eine Frage: Wieso darf ich dann in den Supermarkt, ins Kaufhaus und überall mit zwei Meter Abstand, der nicht eingehalten wird, rein?", wundert er sich. "Auch wenn man die Masken trägt, es heißt ‚zwei Meter Abstand‘. Das steht überall geschrieben", sagt er belehrend mit erhobenem Finger. Er lasse sich zwei Mal pro Woche testen und "mir den Stab bis in die Augenhöhle schieben. Das mache ich just for fun. Mir geht das eigentlich am Arsch vorbei", lacht Hagen. Er ist überzeugt davon, dass wir das Virus auch noch im Sommer haben werden. "Würden Sie sich impfen lassen?", fragt ihn die Streetworkerin. Er behauptet, dass er schon die Schluckimpfung gegen die Kinderlähmung in den 70er Jahren nicht vertragen habe und auch nach der Grippeimpfung fast tot gewesen wäre. Nicht einmal Aspirin verkrafte er. "Ich vertrage keine Spritzen. O.k., ich war 20 Jahre lang ein Junkie, aber das ist was anderes", sagt Hagen und imitiert das Spritzen von Heroin in die Armbeuge. "Wenn ich einkaufen gehe, trage ich meine Maske, aber ich lass mich nicht impfen, weil dann bin ich tot", behauptet er.

"Ich hab’ hier noch eine Gulaschdose und einen Aufstrich für Sie", sagt Susanne, während sie ihm ein Essenspaket in einem Plastiksäckchen überreicht. Als Hagen wieder über seine Drogenzeit zu erzählen beginnt, leuchtet sie mit ihrer Taschenlampe auf ihre Armbanduhr. Auch wenn Hagen den beiden Sozialarbeiterinnen am liebsten noch bis in die Morgenstunden von seinem Leben erzählen würde, müssen sie nun weiter.

24-Stunden-Betrieb

Es geht in den 12. Bezirk zum Schedifkaplatz. Eine Station von vier, wo der Canisibus tagtäglich warme Suppen an Bedürftige verteilt. Auf der Fahrt dorthin erzählt die Leiterin des Kältetelefons, dass es einige Obdachlose wie Hagen gibt, die keine Notschlafstelle in Anspruch nehmen. Einerseits aus Angst vor Corona, andererseits aus Platzangst oder weil man nicht mit fremden Menschen das Zimmer teilen möchte. Auch, dass permanent Masken getragen werden müssen - eine Vorschrift in Notschlafstellen -, sei mitunter ein Grund. Außerdem: "Man weiß nicht, was die Menschen bereits in Notquartieren erlebt haben."

Die Notquartiere haben seit Beginn der Corona-Pandemie auf einen 24-Stunden-Betrieb umgestellt. Von 876 zur Verfügung stehenden Plätze sind aktuell 806 belegt. Auch die 27 Wärmestuben der Caritas bieten diesen Winter täglich warme Getränke und Mahlzeiten, sowie einen Rückzugsort zum Aufwärmen für Menschen, die von Armut oder Obdachlosigkeit betroffen sind. Auf Hygiene- und Abstandsregeln werde dabei genau geachtet. 2.550 Besuche wurden bisher gezählt.

Die Abstandsregelung und die Masken schränken allerdings die Arbeit der Streetworker ein. "Man trifft auf eine fremde Person, die eh schon zurückhaltend und misstrauisch einem gegenüber ist. Dann sehen die Personen nicht mal mein Gesicht und das Händeschütteln fällt auch weg", sagt Mira Deutsch. Beim Händedruck könne man bereits fühlen, ob eine Person unterkühlt ist. Außerdem höre man oft den Satz: "Ich setz keine Maske auf, weil ich kein Corona habe." In Kontakt zu kommen und eine Beziehung zu den Obdachlosen aufzubauen, sei wesentlich schwieriger geworden.

Bis zu 400 Gäste täglich

Am Schedifkaplatz tummeln sich bereits dutzende Menschen vor dem Canisibus. Drei Freiwillige sind sichtlich gestresst, denn der Andrang auf die heutige Gulaschsuppe ist groß. Für viele der täglich bis zu 400 Gäste ist es die einzige warme Mahlzeit am Tag. Jährlich werden so rund 75.000 Teller Suppe ausgegeben. Täglich sind zwei Canisibusse in Wien unterwegs und klappern jeweils vier Stationen ab. Günter ist einer der freiwilligen Helfer und verteilt schon seit acht Jahren einmal pro Woche Essen an Bedürftige: "Es ist etwas Schönes, diese Hilfe geben zu können. Vor allem wenn es einem selber gut geht, empfinde ich es als eine Art Verpflichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben."

Wegen Corona treffen sich die Helfer nicht mehr in der Küche, um gemeinsam das Essen vorzubereiten, sondern in der Garage bei der Busübergabe. Auch die Portionen sind jetzt vergrößert worden, denn durch Corona kommen Obdachlose nun noch schwerer zu einer Mahlzeit. "Um 19 Uhr übernehmen wir den Bus, bekommen ein kurzes Briefing und beenden unsere Tour dann meistens gegen halb 11", erzählt der Buchhalter. Nach 15 Minuten, so viel Zeit bleibt für jede Station, steigen die Helfer wieder in den Canisibus und fahren weiter zum Hauptbahnhof, um dort die Suppe an weitere Bedürftige und Obdachlose zu verteilen. Ein kleiner Betrag, der Großes in der kalten Jahreszeit und dem aktuellen Notstand bewirken kann.

Caritas-Kältetelefon (24h erreichbar):

01/480 45 53

Caritas-Spendenkonto:

BIC: GIBAATWWXXX

IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560 Kennwort: "Gruft Winterpaket" Online-Spenden:

www.gruft.at, www.wirhelfen.shop