Die renommierte Rechtsanwältin Christine Kolbitsch (59) ist gebürtige Tirolerin und lebt und arbeitet in Wien. Sie hat es zur Zeit in der Bundeshauptstadt nicht wirklich leicht. Obwohl sie hier schon seit 30 Jahren ihre Zelte aufgeschlagen hat, ist die bei manchen Männern gefürchtete Scheidungsspezialistin und angesehene Familienrechtsanwältin nach wie vor mit ihrem unverkennbaren Tiroler Idiom leicht als "Zuag’raste" aus den Alpentälern im Westen identifizierbar. So wird sie derzeit zum vermehrten Ziel von Hänseleien.

Die rauen Töne von Tiroler Repräsentanten in Richtung Wien und deren recht uriges Verhalten im Zuge der Corona-Krise sorgen in Ostösterreich für gesteigerten Spott und Hohn. Kolbitsch sagt dazu scherzhaft: "Ich hab schon überlegt, meine Herkunft zu verleugnen. Aber das kommt bei Tirolerinnen natürlich nicht in Frage." Und angesichts des verräterischen, sympathischen Dialekteinflusses wäre es ohnehin ein hoffnungsloses Unterfangen. Also nimmt sie Pflanzereien in Kauf und ärgert sich über die Wortwahl mancher "Landesväter" in Innsbruck. "Aber man hätte dennoch gnädiger mit ihnen sein können", sagt sie. "Weil sie stehen extrem unter Druck. Kein anderes Bundesland ist so abhängig vom Tourismus." Andy Woerz (59) ist ebenfalls Tiroler in Wien und eine der bekanntesten Stimmen des Landes. Als Sprecher prägt er unzählige Werbespots auf allen Frequenzen. Aber auch auf den Tonspuren von TV-Sendungen des ORF (etwa "Weltjournal"), Servus TV und ATV hat er fix seinen markanten Platz. Daneben betätigt er sich auch als Kabarettist und Sänger. Woerz ist Mitbegründer der A-Capella-Gruppe Die Echten. Er findet so manche Tiroler Wortmeldungen zu Corona "verwegen" und "nicht sehr gescheit". Seine Erklärung: "Der Geist von André Hofer lebt. A bissel Sturheit, a bissl Renitenz und die ,Mia san mia‘-Attidüde. Das Ganze gepaart mit dem ständig gebrauchsfertig angerührten Knatsch mit den Bayern - echt bärig." Hänseleien in Wien ignoriert Woerz. Er steht zu seiner Herkunft und sieht "keinerlei Grund für Fremdschämen".

Auch der gebürtige Tiroler Komponist und Musiker Freddy Gigele (60) hält in Wien seinem Land die Stange. Er hat bei mehreren Filmen von Niki List und Michael Haneke mitgewirkt und ist jetzt Musik-Produzent des Kinderprogramms Okidoki im ORF. "Sobald der Corona-Spuk vorbei ist, werden alle Menschen Tirol noch mehr lieben", ist er sicher. Man müsse die Landsleute verstehen. "Die sind verzweifelt, und bellende Hunde beißen nicht." Tirol lebe eben von den Fremden. Gigele hat selbst als Kind die Umsetzung eines Mottos am eigenen Leib erfahren: "Tiroler sind lustig, Tiroler sind froh, sie verkaufen die Betten und schlafen auf Stroh." Das sei im früher verarmten Land einfach so gewesen. "Aber Tirol wird das locker wegstecken. Nicht einmal Ischgl wird dem Image schaden", meint Gigele. Er sieht aus Wiener Perspektive kaum Grund für Kritik an Tirols Politik: "Alle geben ihr Bestes, und besser geht’s halt nicht."

Ganz anders die aus Tirol stammende Wiener Ärztin und Psychotherapeutin Caroline Kunz (61). Sie ist eine echte Spezialistin für Sicherheit im Gesundheitswesen: "Man kann wirklich nicht sagen, im Tiroler Corona-Management gibt es eine gute Fehlerkultur." Ihr gleichaltriger Ehemann, Wirtschaftsanwalt Peter Kunz, ist Vorstandsmitglied des Club Tirol mit 550 Mitgliedern, der sich um Interessen und Anliegen der fast 40.000 Landsleute in Wien kümmert. "Die Imagearbeit ist derzeit ein Himmelfahrtskommando", sagt Kunz. "Nach Corona müssen wir wohl neu anfangen."